Testosterongesteuerter Journalismus: Thilo Mischke sucht in der Pro-Sieben-Reportage „Deutsche an der ISIS-Front“ den Thrill

28.11.2019 •

Der Journalist Thilo Mischke hat sich für seine Reihe „Uncovered“, die beim Privatsender Pro Sieben zu sehen ist, schon in eine Reihe von gefährlichen Regionen der Welt begeben. Den Gestus eines Mannes, der sich vor nichts fürchtet und der sich alles, selbst Geschmacklosigkeiten, traut, hatte er schon zuvor auf unterschiedlichste Weise kultiviert.

Nun begab sich der 38-Jährige in den syrischen Bürgerkrieg, der mit seinen sich ständig verändernden Fronten und der unübersichtlichen Lage der militärischen Bündnisse eine besondere Herausforderung darstellt. Mischke reiste nicht nur nach Syrien, sondern auch in den Norden des Nachbarstaats Irak. Und angesichts dessen, was er von dort mitbrachte, stellte ihm sein Sender unter dem Rubrum „Pro Sieben Spezial“ einen (inklusive Werbeunterbrechungen) 90-minütigen Programmplatz zur Verfügung: Am 26. November (Dienstag) wurde Mischkes Reportage „Deutsche an der ISIS-Front“ zur besten Sendezeit ab 20.15 Uhr ausgestrahlt. Das Besondere an diesem Film war, dass Mischke mit Deutschen sprach, die auf unterschiedlichen Seiten des Krieges kämpfen. Eines Krieges, der auch deshalb so unübersichtlich ist, weil er eben so derart viele Seiten kennt.

Da war zum einen ein junger Mann, der auf Seiten der kurdischen Befreiungsarmee YPG kämpft. Von ihm erfuhr man nur seinen Vornamen – Martin – und das Alter – 23 Jahre –, sein Gesicht sah man während des gesamten Films nicht, da er es stets maskierte. Er befürchtet in Deutschland Repressalien, was seinen Grund darin hat, dass man hierzulande davon ausgeht, dass die YPG mit der in Deutschland verbotenen Terrororganisation PKK verbündet ist, die für ein unabhängiges Kurdistan nicht nur auf dem Gebiet Syriens, sondern vor allem auch auf dem der Türkei kämpft.

Mit Martin gelangt der Pro-Sieben-Reporter in eine Einheit der YPG, die zu der Zeit im nördlichen Irak operiert und international zusammengesetzt ist. Kommandeur ist beispielsweise ein Spanier, der wie ein Söldner wirkt, der für Geld den Kurden seine Dienste verschrieben hat. Martin hingegen scheint eher das Abenteuer gesucht zu haben, als er sich der YPG anschloss. Mischke beobachtete die Truppe bei ihren Fahrten an die Front, gerät dabei selbst unter Beschuss, wie er mannhaft in die Kamera erzählt. Die Interviews mit Martin wurden während einiger Gefechtspausen gedreht. Eine kontinuierliche Unterhaltung kam so nicht zustande. Tatsächlich scheint Mischke grundsätzlich Action vor der Kamera wichtiger zu sein als das, von dem er etwa im Kommentar behauptet, dass es ihn interessiere, und was man als Psychogramm der Kämpfer bezeichnen könnte.

Hauptfeind der YPG ist die islamistische Terrorgruppe, die sich selbst „Islamischer Staat im Irak und Syrien“ nennt, abgekürzt ISIS (in Deutschland meistens nur IS; diese Abkürzung wird überwiegend auch im Film verwandt). Der IS dominierte lange Zeit weite Gebiete Syriens und hatte dort ein salafistisches Terrorregime errichtet. Hier kommt in der Reportage nun ein anderer Deutscher ins Spiel: Es ist Martin Lemke, der für den IS kämpft und auch schon in anderen Medien porträtiert worden war. Lemke, 28, gehört zu den Kämpfern, den sichtlich die Möglichkeit anzog, in diesem Krieg seine Gewaltphantasien auszuleben. Er soll für den IS gefoltert und gemordet haben. Sein Lohn war das Leben eines Patriarchen, er lebte mit drei Frauen zusammen, darunter eine jesidische Sklavin. Ihn kann Mischke an einem geheimen Ort befragen. Selbstverständlich erklärte Lemke, dass nichts von dem stimme, was über ihn in Deutschland behauptet werde. Mehr sagte er allerdings nicht. Auch hier ist weniger die Substanz des Interviews bedeutsam als vielmehr die Anstrengung des Reporters, es erlangt zu haben.

Ähnlich ist es mit einem dritten Strang der Reportage. Hier versucht der Journalist mit einer der deutschen Frauen zu sprechen, die auf Seiten des IS in diesen Krieg zogen. Zu diesem Zweck sucht Mischke mehrfach das auf syrischem Gebiet gelegene riesige Flüchtlingslager Al-Haul auf, in dem IS-Kämpfer und -Sympathisanten interniert sind. Bei ihren Besuchen dieses Lagers werden er und sein Team, zu dem auch ein Übersetzer gehört, von einem Mann bewacht, der mehrfach eingreift und Interviews unterbindet, auch wenn man den Grund seiner Intervention nicht versteht.

Nach mehrmaligen Anläufen gelingt es Thilo Mischke dann, eine deutsche Frau zu befragen, die mit Tschador und Niqab, also tiefverschleiert, ihm und der Kamera in einem Zelt gegenübersitzt. Doch das, was sie sagt, sind Unschuldsbeteuerungen. Und dass sie nur die äußert, wird den Hintergrund haben, dass ihr klar gewesen sein dürfte, dass sie in absehbarer Zeit nach Deutschland ausgeliefert wird. Solche Auslieferungen, sagt der Kommentar, hätten nach Ende der Dreharbeiten und kurz vor der Ausstrahlung der Reportage begonnen.

Bei allen erhellenden Momentaufnahmen, die der Film zum syrischen Bürgerkrieg, zur Situation von IS-Terroristen in den Gefangenenlagern und zur Situation der kurdischen YPG, gegen die die türkische Armee auf syrischem Gebiet vorstieß, durchaus enthielt, wurde man während des Betrachtens dieser Reportage den Gedanken nicht los, dass es Thilo Mischke hier vor allem um den Thrill ging, der aus einer solchen Kriegssituation erwächst. Erst dieser testosterongesteuerte Journalismus ermöglichte es, dass der auf Unterhaltung getrimmte Sender Pro Sieben seine beste Sendezeit für diese Reportage öffnete. Dass Mischke am Ende einem pakistanischen Jungen, der von seiner (inzwischen toten) Mutter mit in den Krieg des IS nach Syrien genommen wurde, ein Mobiltelefon schenkte, damit dieser seine Großeltern in der Heimat anrufen konnte, ändert an dieser Art des Journalismus nichts.

28.11.2019 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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