So etwas wie das „Nachtstudio“ ist heute im ZDF nicht mehr möglich: Nachruf auf Volker Panzer

01.09.2020 •

Ginge so etwas heute noch? Ein Redakteur zieht sich aus der Leitungsposition einer Fernsehredaktion zurück und startet in seinem Sender eine neue Sendung, in der er ausschließlich über kulturelle und künstlerische Themen sprechen will? Eine Sendung, die mit ihrem Titel „Nachtstudio“ nicht nur auf eine gewisse Tradition des öffentlich-rechtlichen Rundfunks verweist, da unter diesem Titel in den 1950er Jahren vor allem im Hörfunk des damaligen Südwestfunks (SWF) so etwas wie das gehobene Feuilleton stattfand (vgl. diese FK-Kritik), sondern die zugleich auch die eigene Sendezeit am späten Abend als Kennzeichen nimmt, statt darüber zu lamentieren. Eine Sendung, die das eigene Medium selbst regelmäßig thematisierte und zugleich ironisierte, denn lange Jahre lief auf einem Fernsehapparat, der im Studiohintergrund stand, ein Video mit, das ein Kaminfeuer zeigte, das so auf den medialen Charakter auch des Gesprächs verwies, das für das und im Fernsehen stattfand.

Erfunden hatte das ZDF-„Nachtstudio“, das von 1997 bis 2012 bis zu 30 Mal jährlich in einem Berliner Studio aufgezeichnet und am späten Sonntag-, mitunter auch Montagabend ausgestrahlt wurde, Volker Panzer, der am 13. August im Alter von 73 Jahren gestorben ist. Er hatte 1997 seinen Job als Abteilungsleiter „Kultur und Gesellschaft“ im Mainzer Sender aufgegeben und anschließend das „Nachtstudio“ gestartet, das er in den nächsten 15 Jahren ausschließlich moderierte.

Wer eine Sendung so auf sich und seine Präsenz im Studio zuschneidet, dem ist eine gewisse Eitelkeit nicht fremd. Tatsächlich sonnte sich Panzer durchaus im bescheidenen Ruhm seiner Präsenz in den Randzonen des Fernsehens, so wie man gelegentlich aus seinen Fragen heraushörte, dass ihn das Thema, das seine Redaktion mit ihm entwickelt hatte, auch mal nicht wirklich interessierte oder dass ihn dieser Gast faszinierte, während ihn andere Gäste langweilten. Aber das waren lässliche Sünden, die hinter der Vielzahl gelungener, mitunter intensiver Gespräche verschwanden und die deshalb heute zu Recht in Vergessenheit geraten sind.

Mauerfall und Mainzer Dom, Mode und Karl May

Was bleibt, ist ein Arsenal an Sendungen, an denen die wichtigsten Intellektuellen der deutschen Gesellschaft teilnahmen, in denen aktuelle Debatten aufgegriffen, aber auch neue angestoßen wurden. Auf einer privaten Internetseite Panzers sind alle „Nachtstudio“-Sendungen vom 3. September 1997 bis zum 24. Juni 2012 aufgelistet. Hier kann man die Themen studieren und die Gäste, die Panzer und seine Redaktion zum Gespräch in das Studio gebeten haben. Man kann über Themen wie „Winnetou und Co. – Die Deutschen und Karl May“ (26. Februar 2012) staunen. Oder über Gesprächskonstellationen, wenn Moshe Zimmermann zum Thema „München ’72 – Das Attentat und seine Folgen“ (18. März 2012) auf Peter Scholl-Latour und Jürgen Todenhöfer traf. Es wurde über die ewigen Rätsel wie den Sex, die Tiefsee oder Troja gesprochen. Es wurde anstehender Jubiläen gedacht, etwa als man im November 2009 erst zum Thema „1000 Jahre Mainzer Dom“ und dann zu „20 Jahre Mauerfall“ zusammenkam. Es ging um Mode, um den Zustand der Schulen, um den deutschen Schlager, um den Zoo und um das Auto als „Droge“. Zur Zeit der Berlinale wurde über den Film gesprochen und zur Documenta über die Bildende Kunst.

Neben dem Populären und dem Aktuellen wurde aber auch das scheinbar Randständige thematisiert. Um für Letzteres nur ein Beispiel zu nennen: Im Januar 2002 sprachen der Soziologe Wolf Lepenies und der Schauspieler Hanns Zischler mit Volker Panzer über das Schauspielduo „Stan und Ollie“, die zu den Heroen des amerikanischen Slapstick-Kinos zählen. Lepenies und Zischler sind, was damals vielleicht nicht viele wussten, leidenschaftliche Kinogänger, die sich auch systematisch mit der Filmgeschichte beschäftigt haben, die aber hier als Aficionados sprechen. Ihr leidenschaftlicher, zugleich genauer Diskurs über die Körpersprache der Schauspieler Stan Laurel und Oliver Hardy, über ihre absurde Komik und ihre latente Aggressivität war ebenso klug wie unterhaltsam.

Im Archiv des ZDF liegen viele vergleichbare Schätze einer Gesprächskultur, in der eben nicht ein Talkmaster Meinungen abfragt und Biografisches erkundet, sondern die dem wechselseitigen Austausch von Kenntnissen und Positionen unter Gleichberechtigten gewidmet ist. Gibt man in der ZDF-Mediathek allerdings den Begriff „Nachtstudio“ ein, findet man von den vielen Sendungen nur eine einzige, die letzte, die „im Gedenken an einen grenzüberschreitenden Denker“ (ZDF) dort eingestellt ist. Und man findet einen kurzen schriftlichen Nachruf auf Volker Panzer. Ihn selbst hätte das nicht überrascht. Denn dass so etwas wie das „Nachtstudio“ heute im Fernsehprogramm des ZDF nicht mehr möglich ist, soll ja nicht auffallen.

01.09.2020 – Dietrich Leder/MK

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