Sie prägte die Hörfunkprogramme des WDR: Zum Tod von Marianne Lienau

01.05.2021 •

Marianne Lienau, die 1935 in Königsberg geboren wurde und am 24. April im Alter von 85 Jahren in Köln gestorben ist, prägte als Redakteurin und Moderatorin lange Jahre die Hörfunkprogramme des Westdeutschen Rundfunks (WDR). 1963 hatte sie als Redakteurin fürs Nachtprogramm begonnen, eine Zeitstrecke, die damals dem Experiment und der intellektuellen Anstrengung gewidmet war. Später prägte sie mit Hanno Reuther, dann mit Jürgen Keimer und Eberhard Rondholz das „Kritische Tagebuch“, eine werktägliche Sendung von WDR 3, die 1967 als Kulturjournal gestartet worden war, sich aber bald zu einem ungewöhnlichen politischen Magazin auswuchs, das Themen behandelte, die anderswo nicht oder nur am Rande vorkamen. Die Sendung war – was für regelmäßigen Ärger im WDR-Rundfunkrat sorgte – politisch links, ohne allerdings doktrinär zu sein. Es dominierte eine intellektuelle Debattenkultur, die keine Kontroverse scheute, aber stets zivil blieb.

Wenn Marianne Lienau die Sendung redigierte und zugleich moderierte – ja, das gab es einmal: moderierende Redakteure –, dann bestach die jeweilige Ausgabe durch Beiträge, die ungewöhnliche Perspektiven einnahmen, und durch die feine Ironie, mit der die Redakteurin ihre Moderationen durchwirkte. Marianne Lienau verharrte aber nicht. Noch zu einer Zeit, als das „Kritische Tagebuch“ im Sender sehr anerkannt, aber zugleich als „sperrig“ apostrophiert wurde, erfand sie eine neue Radiosendung. Sie nannte sie „Neugier genügt“. Darin ging sie Themen nach, die ihr im Alltag aufgefallen waren. Ihre Fragen zielten darauf ab, wie etwas gesellschaftlich, sozial, technisch oder politisch funktioniert. Und sie beantwortete es durch eine Recherche, die auch das scheinbar Abseitige ernst nahm und würdigte. Als Interviewerin vermochte sie es, noch den widerstrebendsten Gesprächspartner durch Charme und geschicktes Beharrungsvermögen für ihre Fragen zu öffnen und dadurch oft bewundernswert offene Antworten zu erlangen.

1989 wurde Marianne Lienau mit Sitz in Rom Italien-Korrespondentin des WDR-Hörfunks. Das war insofern ungewöhnlich, weil im öffentlich-rechtlichen Rundfunk attraktive Auslandsposten den politischen Journalisten vorbehalten waren und immer noch sind. Dass nun eine Frau aus der Kultur die Berichterstattung aus Italien übernahm, sorgte im WDR, in dem damals stark auf die Abgrenzungen der Redaktionen und Programmbereiche geachtet wurde, für Irritationen. Doch solche Ressorteingrenzungen interessierten Marianne Lienau nie, so wie sie sich auch im Umgang mit den Vorgesetzten eigensinnig, aber stets mit der ihr eigenen Höflichkeit agierte. Sie ließ sich weder an die Kandare von Programmreformen nehmen noch in Seilschaften zwingen. Wenn man am Abend Marianne Lienau aus Rom hörte, wusste man, dass hier nicht eine journalistische Routine abgewickelt wurde, sondern dass selbst das klassische politische Thema durch besondere Betrachtungsweisen neu, anders und vor allem erkenntnisstiftend erschlossen wurde.

Nach ihrer Rückkehr nach Köln mochte sie sich in die veränderten Strukturen des WDR-Hörfunks nicht mehr eingewöhnen. Intellektuelle Solitäre, zu denen neben Marianne Lienau auch – um nur einige wenige zu nennen – Ulrich Gembardt, Brigitte Granzow, Hanns Grössel oder Annelen Kranefuss gehörten, waren bei den Funktionären im Apparat der Rundfunkanstalt nicht mehr sonderlich gefragt. So muss man ihren Entschluss, 1996 vorzeitig in den Ruhestand zu gehen, als eine Geste des Protests deuten. Etwas, was sie selbst so nicht ausgedrückt hätte. Denn von sich selbst machte sie stets wenig Aufhebens.

Wenn man sie in den Jahren danach zufällig traf, kam das Gespräch schnell auf ihren alten Sender WDR, dem sie als Hörerin wacker die Treue hielt. Ihre Kommentare zu Fehlentwicklungen in den Wellen ihres Senders waren ebenso sarkastisch wie treffend. Sie ahnte, dass das „Kritische Tagebuch“, als man es 2004 von WDR 3 nach WDR 5 verpflanzte, unterhaltsamer ausgestaltete und mit dem neuen Titel „Politikum“ versah, nun bei lebendigem Leibe begraben worden war. Wie stets sorgte eine Popularisierungsmaßnahme im Hörfunk auch hier dafür, dass die Zahl der regelmäßigen Hörer abnahm.

Marianne Lienau vergaß solche Absurditäten nicht, die sie mit ihrem hellen Lachen kommentierte. Mit Freude erinnerte sie sich daran, wie jene, die mittlerweile das Sagen hatten, einst klein im Sender angefangen hatten, nicht um sich über sie lustig zu machen, sondern um die Zeitläufte zu charakterisieren, die solche Karrieren hervorbrachten. Im letzten Gespräch kurz vor Weihnachten 2020 erzählte sie, dass sie ihrem Sender geschrieben habe, weil der im Hörfunk ein Nachtprogramm auf unkluge Weise verändert hatte. Sie habe auch eine sehr freundliche und zugewandte Antwort erhalten, die aber nur auf die Sachnotwendigkeit einer weiteren Programmreform verweisen vermochte.

Sucht man im Internet nach Spuren von Marianne Lienau, findet man kaum etwas. Unter dem Wenigen gibt es aber ein Foto, das wohl um 1987 entstand und das den Titel trägt „Der weibliche WDR“. Es zeigt eine fröhlich lachende Marianne Lienau neben Carola Stern, die damals die Programmgruppe „Kommentare und Feature“ leitete, und der späteren Auslandskorrespondentin Helga Märthesheimer. Dieses Lachen wird ebenso wie ihre wunderbare Hörfunkstimme und ihre skeptische Intellektualität in Erinnerung bleiben.

01.05.2021 – Dietrich Leder/MK

Marianne Lienau (1935-2021)

Foto: WDR/Richter


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