Schweinsteiger und Schult, Wagner und Lienen: Die Fußball-EM geht ohne Löw-Team, aber mit ARD und ZDF weiter

30.06.2021 •

Die 0:2-Niederlage der deutschen Nationalmannschaft im Achtelfinale der Fußball-Europameisterschaft am gestrigen Dienstagabend gegen England wurde im Fernsehen fast emotionslos hingenommen. Das lag wahrscheinlich auch daran, dass bei der deutschen Mannschaft, nachdem sie in der 76. Minute das erste Gegentor durch Raheem Sterling kassiert hatte, kein großes Aufbäumen zu spüren. Und so schied Deutschland – 27,4 Mio Zuschauer sahen’s im Ersten – sang- und klanglos aus dem Turnier aus.

Wie anders waren zuvor die meisten Achtelfinalspiele über die Bühne gegangen. Die Mannschaft aus Österreich lieferte dem Favoriten Italien einen packenden Kampf, ehe sie in der Verlängerung 1:2 unterlag. Auch die Partie zwischen Kroatien und Spanien wurde erst in der Verlängerung entschieden: Nach regulärer Spielzeit stand es 3:3, doch dann gelang es der spanischen Elf noch, mit 5:3 zu gewinnen. Die Tschechen warfen überraschend mit einem 2:0-Sieg die Niederländer aus dem Turnier. Und sensationell der Kampf und dann der kaum noch erwartete Sieg der Schweiz, die den Weltmeister Frankreich nach 1:3-Rückstand und Ausgleich zum 3:3 schließlich im Elfmeterschießen schlug.

Das waren alles Spiele, die auf einem guten Niveau außerordentlich spannend verliefen und deshalb in den Stadien, bei den beteiligten Nationen wie vor den Fernsehgeräten starke Emotionen auslösten. Dass die Kommentatoren von ARD und ZDF gelegentlich erkennen ließen, dass ihre Herzen für die Außenseiter schlugen, wurde hier und dort kritisiert. Aber diese menschliche Schwäche ist ihre geringste.

Deutlich problematischer ist der Lobgesang, den ein Kommentator wie Florian Naß (ARD) anstimmt, wenn es um die deutsche Mannschaft geht. Um sie ist es im Spiel gegen England von Anfang an nicht nur gut bestellt, sondern gleich bestens. Da werden banale Überlegungen des Trainerteams zu umfassenden Strategien hochgelobt, werden die Stärken einzelner Spieler herausgestrichen, ihre Verletzungen, wenn sie dennoch aufgestellt werden, ignoriert, Fehler werden nicht wahrgenommen. „Wir haben viele überragende Charaktere“, sagte Naß gleich zu Beginn, was zu diesem Zeitpunkt ein unnötiges Lob war, das zudem nicht spezifizierte, welche Charaktereigenschaften er damit meinte. In der 11. Minute tat er kund, dass die Mannschaft „voll da“ sei, was arithmetisch stimmte (es standen elf Mann auf dem Platz), aber kaum die Leistungen des DFB-Teams definierte, das aber genau diesem Zeitpunkt das Spiel auf das englische Tor einstellte.

Beim Gegner ging Florian Naß genau umgekehrt vor. So kritisierte er während der ersten Halbzeit mehrfach den englischen Stürmer Harry Kane, der seit vielen Spielen nicht mehr für die Nationalmannschaft getroffen habe und auch in dieser Begegnung kaum am Ball gewesen sei. Entsprechende Schwächen deutscher Spieler wurden nicht erwähnt. Dass Timo Werner ebenso wenige Ballkontakte in derselben Zeit hatte und dass er die einzige deutsche Chance in den ersten 45 Minuten eher kläglich vergab, wurde nicht angesprochen. Grundsätzlich beschrieb Naß nicht, was er sah, sondern er beschrie das, was er sich wünschte (einen Sieg der deutschen Mannschaft). Man hörte krumme Formulierungen („Es kann in beide Seiten ausgehen“) und nahm ein hohles Pathos wahr, dem zufolge Naß zu Beginn „ein epochales Spiel“ ankündigte, um in der zweiten Halbzeit angesichts der insgesamt schwachen Begegnung entschuldigend zu relativieren, man müsse aus diesem Spiel kein epochales Match machen.

Die schlechte Leistung eines Thomas Müller, der nach einem starken Steilpass in der 34. Minute nur noch hilflos über den Platz geisterte und in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit mit einem katastrophalen Fehlpass fast ein Gegentor ermöglichte, um dann in der 82. Minute die größte Chance des deutschen Teams, die das 1:1 hätte bringen können, hilflos zu versemmeln, wurde von dem ARD-Kommentator weder beschrieben, geschweige denn angemessen beurteilt. Thomas Müller ist verglichen mit Leroy Sané, der nach der deutschen Vorrundenbegegnung gegen Ungarn (2:2) heftigster Kritik aus der Öffentlichkeit unterzogen wurde, anscheinend sakrosankt.

Auch ARD-Bastian Schweinsteiger, der als Experte während der gesamten Europameisterschaft bisher ein Totalausfall ist, hielt selbstverständlich seine schützende Hand über seinen früherem Mannschaftskameraden Thomas Müller. Ohnehin wird man das Gefühl nicht los, dass Schweinsteiger seinen Job beim Fernsehen als eine Art Trainee für einen Posten bei seinem ehemaligen Verein Bayern München ansieht, so wie es Oliver Kahn vormachte, der einst jahrelang beim ZDF die Spieler dieses Vereins in den Himmel lobte, bei dem er heute als Sportvorstand amtiert.

Der Höhepunkt der Peinlichkeit war erreicht, als Schweinsteiger nach dem England-Spiel heraustrompetete, dass Manuel Neuer (Bayern München) der beste Torhüter des laufenden EM-Turniers sei, was eine befremdliche Aussage ist angesichts der Tatsache, dass noch acht andere Torhüter in den weiteren Begegnungen ihrer Teams beweisen können, dass sie bei dieser EM besser sind, wie auch angesichts des Umstands, dass der deutsche Torwart zumindest bei einem Gegentor in der Gruppenphase schlecht aussah. Dass Jessy Wellmer, die für die ARD, neben Schweinsteiger in seiner Expertenfunktion, als Moderatorin im Stadion fungierte, bei Interviews mit Bundestrainer Joachim Löw und deutschen Spielern sich nach der jeweiligen Eingangsfrage stets an Schweinseiger wandte, als solle dieser die Antworten kommentieren, statt sich den Interviewten zu widmen, verschlimmerte die Sache noch. Schweinsteiger widersprach natürlich keinem Spieler, geschweige denn dem Trainer, dem er in Nibelungentreue verbunden ist. Er sollte Joachim Löw auch so treu sein, dass er mit ihm, der nun nach dem England-Spiel als Bundestrainer abgetreten ist, auch seinen Job bei der ARD spätestens nach dieser Europameisterschaft kündigt.

Verglichen mit Schweinsteiger haben es die anderen Co-Kommentatoren bzw. Experten ungleich besser gemacht: Christoph Kramer im ZDF-Studio wurde schon im ersten „Journal“ zur EM positiv erwähnt. Ähnlich gut waren im ARD-Studio Kevin Prince Boateng und Almuth Schult. Vor allem die ehemalige Nationaltorhüterin Schult erwies sich als belebendes Element, die kein Blatt vor den Mund nimmt, klug analysiert und es sich auch nicht nehmen ließ, mal minutenlang zu kichern, als Boateng einen merkwürdigen Begriff mehrfach verwandte. Ebenso zu loben sind die Co-Kommentatoren Thomas Broich (ARD), Ariane Hingst und Sandro Wagner (beide ZDF). Ihre Stärke zeigte sich vor allem darin, dass sie bei den Live-Spielen genauer schauten als die jeweiligen Hauptkommentatoren. Während sich Ariane Hingst gegenüber Claudia Neumann eher zurückhielt, übernahm Sandro Wagner mit seiner Selbstironie und seiner schnellen Auffassungsgabe als Sidekick von Béla Réthy fast die Hauptrolle.

Je länger die Europameisterschaft andauert, desto mehr füllen sich die Stadien. Und in vollen Stadien ist die Stimmung natürlich stets besser als in denen, die wegen der Pandemie leer bleiben mussten. Hier wirkt sich der enorme Druck aus, den der europäische Fußballverband UEFA als Veranstalter auf die Gastgeberländer ausgeübt hat. Aber deren jeweilige Regierungen war wohl selbst an einer (größtmöglichen) Rückkehr zur Normalität gelegen, anders kann man es nicht erklären, dass nicht nur das Wembleystadion bei der Partie England gegen Deutschland gut gefüllt war, sondern parallel auch die Plätze des seit Montag (28. Juni) laufenden Tennisturniers in Wimbledon gut besucht sind.

Die Folgen dieser Liberalisierung in Zeiten der Corona-Pandemie und jetzt der Delta-Variante werden sich noch zeigen. Erste Nachrichten deuten an, dass sich so mancher Fan, der ins Ausland zu Spielen seiner Mannschaft gereist ist, sich dort infizierte, was angesichts der Bilder, auf denen die Zuschauer im Stadion ohne Maske eng nebeneinander stehen und miteinander jubeln, denn auch kein Wunder ist. Auch beim Einlass in die Stadien beispielsweise herrscht ja für die Fans eine nadelöhrartige Enge, die einen mit Blick auf Corona mulmig werden lässt. Im Netz kam schon der Vorschlag, dass, sollte die Pandemie durch diesen EM-Zirkus, den der europäische Fußballverband in zehn Städten Europas veranstaltet, wieder an Fahrt aufnehmen, man die neueste Virusvariante nach der UEFA benennen sollte.

In den Studios, aus denen ARD und ZDF hierzulande die Berichterstattung bestreiten, sitzen nur wenige Fans und die weit von einander getrennt. Um so absurder, dass bei der ARD eine Band den wenigen Besuchern einheizen soll und Moderator Alexander Bommes gar ein separates Mikrofon zum Einstieg in die Hand nimmt, als könne er sich nur mit diesem und nicht mit dem klassischen Ansteckmikrofon gegen die Begeisterung im Studio durchsetzen.

Ein Fußballfachmann ist noch zu erwähnen: Wer hörte, wie der ehemalige Spieler und Trainer und heutige Fußballfunktionär Ewald Lienen (FC St. Pauli) in der ZDF-Talkrunde von Markus Lanz am 23. Juni (Mittwoch) das letzte Vorrundenspiel der deutschen Mannschaft gegen Ungarn analysierte, wie er Schwachstellen offenlegte und Alternativen zu den hilflosen Wechseln von Bundestrainer Joachim Löw vorschlug, der wusste bereits, dass es nur wenig Hoffnung auf einen Sieg im Achtelfinale gegen England gab. Lienen bezeichnete Löw in seiner Kritik als „Übungsleiter“. Dieser Übungsleiter, der im Fernsehen meist eine unglückliche Figur machte, der ernste Fragen weglächelte, scherzende eher nicht verstand und Kritik stets übel nahm, hat nun seine Schuldigkeit getan.

Die Fußball-Europameisterschaft geht weiter. Ohne die deutsche Nationalmannschaft, aber mit ARD und ZDF. Übrigens auch mit Magenta TV, aber auf eine Bewertung muss hier mangels Empfang verzichtet werden. Es ist auf weitere spannende und emotionale Spiele zu hoffen.

30.06.2021 – Dietrich Leder/MK

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