Schleichende Kopfschmerzen: Skispringen bei RTL, Jubiläumskonzert beim WDR und der neue Wedel im ZDF

09.01.2006 •

Der Jahreswechsel hat es programmpolitisch insofern in sich, als sich in diesen Tagen, in denen sich die Fernsehsender ihre Zuschauer als ihnen besonders gewogen denken, die prominenten Angebote häufen. Das muss aber nicht immer gutgehen. RTL hatte erneut das Pech, dass bei seinen Live-Übertragungen von der Vierschanzentournee die deutschen Skispringer – allen wohlmeinenden Einflüsterungen der Herren Günther Jauch, Thomas Bartels und Dieter (nicht Helmut) Thoma zum Trotz – auch diesmal wieder weit hinter den Siegern hinterherflogen.

Das Dritte Programm WDR Fernsehen begann am 1. Januar die Festspiele aus Anlass des 50-jährigen Geburtstags des Senders mit einer Live-Übertragung aus der Kölner Philharmonie. Alles war vom Feinsten. Das WDR-Rundfunk-Sinfonieorchester sollte unter der Leitung von Semyon Bychkov die „Auferstehungssymphonie“ von Gustav Mahler spielen, ein Medienkünstler namens Johannes Deutsch aus Österreich live mittels vieler Computer Medienkunst zur Musik animieren und der Intendant sollte ein paar nette Worte sagen. Der Intendant sagte denn auch launig etwas, der Dirigent hob den Stab, das Orchester legte los, und auch Herr Deutsch war nicht faul. Doch in den ersten Minuten der Symphonie passte nichts zusammen. Deutsch hatte sich (vermutlich für die späteren Effekte) jede Menge Polygone gespart, so dass die auf eine Riesenleinwand projizierten Geräte, die sich einem Mobile gleich zur Musik durch die Luft bewegten, wie bunt angemalte Pappkartons aus dem Supermarkt aussahen.

Schlimmer war allerdings, dass die Ausstrahlung bei den Zuschauern mit einem konventionellen Stereoapparat ein ungewöhnliches Quietschen erzeugte, das sich enorm störend periodisch bemerkbar machte. Solche Artefakte treten normalerweise bei gestörter Datenkompression auf. Wie die am Neujahrstag zustande kam, erfuhr man bislang nicht. Angesichts des wirklich störenden Quietschens stieg der dem WDR und Mahler nun wirklich gewogene Betrachter dann doch lieber aus der TV-Live-Übertragung aus. Das war sein Glück. Wie der „Kölner Stadt-Anzeiger“ berichtete, brach irgendwann die gesamte Live-Übertragung ab. Erst blieb der Bildschirm schwarz, dann wurde eine Konzertkonserve eingespielt. Im Saal sollen die Projektionen dann doch sehr hübsch geworden sein, auch wenn das Projektorengeräusch mitunter während der Pianostellen zu hören war.

Das ZDF hatte zu diesem Jahresbeginn mal wieder einen Dieter-Wedel-Mehrteiler im Programm. Die Produktion „Papa und Mama“ war dabei für seine Verhältnisse sogar eher kurz, da sie sich nur über zwei Teile à 90 Minuten erstreckte (2. und 4. Januar, jeweils 20.15 bis 21.45 Uhr). Doch was Wedels klobige Fünf- und Sechsteiler galt – wie „Die Affäre Semmeling“, „Der Schattenmann“ oder „Der König St. Pauli“ (der 1998 für den Privatsender Sat 1 produzierte Film wurde dieser Tage vom öffentlich-rechtlichen Südwest-Fernsehen wiederholt) –, dass sie nämlich merkwürdig außer Form geraten schienen, traf auch auf den exakt auf insgesamt 180 Minuten geschnittenen neuen Film zu. Denn was in den anderen Filmen ausuferte, war hier geradezu abgeschnitten und ausgetrocknet. Da wurden Figuren und Situationen fast schon umständlich vorgestellt, die dann im Verlauf des Films keine Rolle mehr spielten oder nicht aufgelöst wurden. Die Erzählperspektive schwankte wie ein seekranker Passagier auf einem Ozeandampfer bei Windstärke 9 – mal war es ein multiperspektivisch erzählter Paarreigen, mal war es ein aus der Perspektive der Kinder erzähltes Scheidungsdrama. Im guten Ensemble mit einigen Wedel-Veteranen wie Fritz Lichtenhahn und Heinz Hoenig hatte es die Hauptdarstellerin Silke Bodenbender immer dann schwer, wenn sie bedeutungsschwangere Beziehungsdialoge deklamieren oder zwischen Liebe, Desinteresse und Hass hin- und herpendeln musste. Dennoch gab es auch wieder eine ganze Reihe von Momenten, in denen Wedel seine inszenatorischen Fähigkeiten bewies, in einer Szene etwas tragikomisch genau auf den Punkt zu bringen.

Gleich in den ersten Minuten geschah es dann, dass der von Maximilian Brückner sehr präsent gespielte Jura-Student Kopfschmerzen hatte. Er tat es mit einer gewissen Wehleidigkeit, dass man vermuten musste (dies war jedoch ein Irrtum), daran werde der junge Mann noch öfter leiden. Denn im Moment des Schmerzes fragte er seinen Wohngemeinschaftskumpel, ob dieser „eine Aspirin“ habe. „Ja“, antwortete der und wies auf die auf dem Wohnzimmertisch stehende markante grüne Packung hin. Jawoll, dachte der gemeine Zuschauer, und hofft nun sehr, dass der Kollege Lilienthal mal auf dem Lerchenberg, bei Bayer und beim Produzenten Balz (Medienkontor) nachfragt, wie es zu den Kopfschmerzen im Film kam, ob das ZDF bei dieser Szene Kopfschmerzen hatte oder ob jemanden wie Wedel so etwas wie schleichende Kopfschmerzen einfach nicht zuzutrauen ist.

Bei der Online-Recherche zu „Papa und Mama“ stieß ich auf den Hinweis, dass Dieter Wedel noch einen dritten Filmteil gedreht habe, der die Geschichte weiterspinnt. Er sei rund zehn Minuten lang und nur im Internet zu sehen – auf der Seite von Mercedes-Benz. Dort wird die kleine Fortsetzung als Exklusivangebot „mit vielen Extras“ angekündigt. Dass Wedel diesen Kurzfilm, in dem ein Mercedes-Kraftwagen immer wieder so durchs Bild fährt, wie zuvor die Aspirin-Packung ahnungslos auf dem Tisch stand, als Nebenprodukt der Mallorca-Dreharbeiten bezeichnet, soll wohl das ZDF in Sicherheit wiegen. Bei genauerem Betrachten kann man nicht übersehen, dass das angesichts der großen Zahl der Mitwirkenden nicht sein kann. Es spielen hier Darsteller mit, die in der Mallorca-Episode des ZDF gar nicht mitwirkten. Will Wedel diese Akteure extra für einen halben Satz eingeflogen haben?

09.01.2006 – Dietrich Leder/FK

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