„Rechts. Deutsch. Radikal.“ Als Pro Sieben auffiel, weil der Privatsender politische Information statt Unterhaltung bot

30.09.2020 •

Dass am vorigen Montag (28. September) Pro Sieben die wichtigste politische Sendung des Tages beisteuern würde, wird vor allem diejenigen überrascht haben, die beispielsweise nicht die Beiträge sahen, die über das Unterhaltungsformat „Joko und Klaas gegen Pro Sieben“ in das Programm des Privatsenders geraten waren. Zur Erinnerung: Wenn die beiden Moderatoren Joachim „Joko“ Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf die Spielshow für sich entscheiden, gewinnen sie 15 Minuten beste Sendezeit um 20.15 Uhr, über die sie frei verfügen dürfen. Dreimal nutzten sie diese Möglichkeit für sehr ungewöhnliche Beiträge.

Am 29. Mai 2019 überließen Joko und Klaas die Viertelstunde drei Menschen, die jeweils über ihr gesellschaftliches Engagement berichteten (etwa bei der Flüchtlingsrettung). Am 13. Mai 2020 gab es einen Bericht – präsentiert von der Buchautorin Sophie Passmann („Alte weiße Männer“) –, der unter dem Titel „Männerwelten“ in der Form einer imaginären Kunstaustellung sexuelle Gewalt von Männern gegen Frauen thematisierte. Und am 16. September dieses Jahres lief in den 15 Minuten ein Beitrag aus dem Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos: „A Short Story of Moria“. Der Bericht bestand aus Videoaufnahmen und -telefonaten von und mit dem 21-jährigen Milad Ebrahimi, der aus Afghanistan nach Europa geflüchtet war. Das Elend des überfüllten Lagers, in dem viel zu viele Menschen auf engstem Raum unter miserabelsten Bedingungen untergebracht worden waren, wurde hier für jedermann deutlich. Es wurde nach dem Feuer, dem das Lager vor kurzem zum Opfer fiel, nur noch schlimmer.

Gewiss, ähnliche Berichte gab es auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, beim letzteren Thema etwa in dessen Auslandsmagazinen. Dass sie im Fall von Joko und Klaas auffielen, hing also in erster Linie mit dem Umfeld bei Pro Sieben zusammen, einem Sender, bei dem die Information eine sehr untergeordnete Rolle spielt und Unterhaltung über allem steht. Ungewöhnlich war aber noch etwas anderes, was man bei den beiden genannten Ausgaben dieses Jahres als den subjektiven Blickwinkel von „A Short Story of Moria“ und den drastischen Tonfall, den in „Männerwelten“ Sophie Passmann und andere Frauen anschlugen, bezeichnen könnte. Joko und Klaas nutzten so ihre Profilierungschance und wetzten nebenbei die Scharte aus, die ihnen das öffentlich-rechtliche Netzangebot Funk zugefügt hatte, als dort ein Bericht des NDR-Formats „STRG_F“ darauf hinwies, wie die Moderatoren in manchen ihrer Sendungen Dinge vorgetäuscht und die Zuschauer hinters Licht geführt hatten (vgl. diesen MK-Artikel).

Die Sendung, die nun am vergangenen Montag als Informationsangebot von Pro Sieben auffiel, stammte aber nicht von Joko und Klaas. Es handelte sich vielmehr um eine Dokumentation von Thilo Mischke, der als Reporter zuvor für Zeitschriften geschrieben, Bücher verfasst und bei ZDFneo eine Talkshow moderiert hatte, ehe er zu Pro Sieben wechselte, wo er seit 2016 die Reihe „Uncovered“ produziert und präsentiert. Dabei handelt es sich um Presenter-Reportagen, in denen Mischke sich mit Themen aller Art befasst, solange sie einen gewissen Thrill oder einen sexuellen Unterton besitzen und er sich selbst als Mann ohne Furcht und Scham beweisen kann. Zuletzt war Mischke mit einem unter der Rubrik „Pro Sieben Spezial“ ausgestrahlten Film aufgefallen, in dem es um „Deutsche an der ISIS-Front“ ging (vgl. diesen MK-Artikel). 

Auch für seine neue Dokumentation ging Mischke ins Risiko, als er im Sommer 2019 mit einer Recherche in der rechtsextremen und gewaltbereiten Szene begann. Aufmerksamkeit wurde seiner am 28. September zu sehenden zweistündigen Dokumentation „Rechts. Deutsch. Radikal.“ – wieder ein „Pro Sieben Spezial“ – insbesondere dadurch zuteil, dass „Zeit Online“ am Tag der Ausstrahlung berichtete, dass es sich bei dem Mann, der im Beisein von Mischkes Team rechtsradikale Phantasien äußerte, alle nach Deutschland geflüchteten Migranten eines Tages zu „erschießen“ oder zu „vergasen“, was im Film indirekt festgehalten wird, um Christian Lüth handelte, den ehemaligen Pressesprecher der AfD wie auch der AfD-Bundestagsfraktion. In der Dokumentation nennen die Filmemacher den Namen nicht, sondern er wird dort nur von einem führenden AfD-Funktionär ausgesprochen. Lüth, der bis zu diesem Tag seit dem Frühjahr 2020 von seinen Funktionen nur beurlaubt war, wurde am Nachmittag des 28. September nach einem Eilantrag von AfD-Fraktionsmitgliedern fristlos gekündigt.

Die Dokumentation selbst beginnt mit der inkriminierten Äußerung, die zur prompten Entlassung von Lüth führte. Die drei kurzen Sätze sind auf einer Schrifttafel zu lesen. Wie es zu diesen Sätzen kam und dazu, dass Mischke sie dokumentieren konnte, wird erst am Ende des Films aufgelöst, so dass die lange, im Übrigen nicht durch Werbeblocks unterbrochene Strecke von 120 Minuten (20.15 bis 22.15 Uhr) von einer gewissen Spannung zusammengehalten wird. (Angesichts dieser Erzählstruktur steht zu vermuten, dass die Enttarnung von Christian Lüth weniger einer investigativen Leistung von „Zeit Online“ entspringt, als dass vielmehr dessen Name aus der Nähe der Produktionsfirma von Mischke durchgestochen worden war.)

Der weitere Fortgang des Films ist durch eine Reise durch die rechtsradikale Szene gekennzeichnet. Dabei besucht Thilo Mischke ein Rechtsrockfestival, eine Pegida-Demonstration in Dresden, einen Versandhandel für rechtsextreme Devotionalien, das Hauptquartier einer rechtsextrem angesiedelten Kampfsportagentur, einen Wahlparteitag der AfD Brandenburg, die Anti-Corona-Demonstration in Berlin. Er begegnet einem 17-jährigen Jungfunktionär, der vom großen Bündnis der rechtsextremen Gruppen träumt, Vertretern einer rechtsextremen Splitterpartei, die im Dortmunder Stadtrat sitzt, einem AfD-Landtagsabgeordneten und einer jungen Frau, die mit ihrem YouTube-Kanal in der rechten Szene zu einem kleinen Star geworden ist.

Vor einer Projektion der von ihm gedrehten Bilder spricht er mit Fachleuten der rechten Szene über deren Strategien, Verhaltensweisen und über deren Gefahrenpotenzial. Zusätzlich führt er ein Gespräch mit dem Leiter des Verfassungsschutzes von Thüringen, der über seine Beobachtungen der rechten Szene spricht und dabei überraschend kein Blatt vor dem Mund nimmt, als er von der Gefahr spricht, die der Demokratie aus diesen Gruppen erwächst.

Mischke spricht mit all diesen Personen sehr offen. Er verhehlt nicht, dass er die rechtsextremen Positionen nicht nur nicht teilt, sondern sie für ebenso absonderlich wie gefährlich hält. Aber er zeigt eine gewisse Neugier daran, wie die Menschen zu ihren politischen Überzeugungen gekommen sind, was diese am nationalistischen bis nationalsozialistischen Glauben fasziniert und wie weit sie für ihre Gesinnung zu gehen bereit sind. Dass sich die Befragten darauf einlassen, ist nicht zuletzt einer gewissen Eitelkeit geschuldet; sie verstehen sich als Medienfiguren, die auch im Fernsehen bestehen können. Einige von ihnen begreifen die Gespräche zudem als eine Art von sportlichem Wettkampf, ob sie es mit dem Reporter auch intellektuell aufnehmen können. Diesem kommt zugute, dass manche der Befragten seine Reportagen kennen (auch und besonders die über sexuelle Themen) und der Sender Pro Sieben nicht wie die öffentlich-rechtlichen auf ihrer Feindesliste steht.

Doch Mischke wird auch attackiert. Auf einer Veranstaltung, die von der AfD-Bundestagsfraktion organisiert wurde, wird er von einem rechten YouTube-Agitator rabiat angegangen, was einem Bundestagsabgeordneten der Partei zwar peinlich ist, aber nonchalant mit dem Hinweis darauf, dass der agitierende junge Mann angetrunken sei, entschuldigt wird. Mehrfach ist zu registrierten, dass die Befragten sorgfältig abwägen, was sie sagen wollen und was nicht. In Schulungen haben sie offenbar gelernt, was ihnen rechtlich noch erlaubt ist und was nicht. So benutzen sie Kürzel aller Art, um Hitler und den Nationalsozialismus zu feiern, ohne den Namen und den Begriff explizit zu erwähnen. Dem verbotenen Hakenkreuz huldigen sie, indem sie Hemden und Tragetaschen mit den Konsonanten „HKNKRZ“ beschriften, so dass hier zur Not vor Gericht eine andere Leseweise benannt werden könnte. Beim Anblick dieser Tasche und sicher auch wegen dieses Tricks wird Mischke am lautesten: wie man denn angesichts des Leids, das die Nazis über wie Welt gebracht haben, dieses Zeichen verherrlichen könne! Doch sein Protest erreicht die Neonazis nicht. Im Gegenteil, man merkt ihnen an, dass sie sich auf die Zunge beißen müssen, um dem Reporter nicht zu gestehen, dass sie die NS-Verbrechen sogar aller Ehren wert finden.

Vieles von dem, was Thilo Mischke dokumentierte und durch seine Fragen gelegentlich auch provozierte, ist nicht unbekannt. Neu ist der Zusammenhang, den er herstellt, zwischen den alten Nazis, die in den 1960er und 1970er Jahren in immer neuen Formationen aktiv wurden, den Nazi-Skinheads der 1980er Jahre, den rechtsradikalen Kadern, die im Osten, aber etwa auch in einem Dortmunder Stadtteil in den 1990er Jahren so etwas wie braune Gesinnungsräume geschaffen haben, den Kadern des ganz rechten „Flügels“ innerhalb der AfD, die diese klassische Steuer-Protestpartei zu einer fremdenfeindlichen umbauen wollen, und schließlich den Jugendlichen, die rechter und rechtsradikaler Propaganda mit den neuen Mitteln von Social Media eine neue und sich schnell radikalisierende Öffentlichkeit verschaffen.

Zu Letzteren gehört Lisa Licentia (ein Pseudonym), die auf ihrem YouTube-Kanal in immer neuen Beiträgen gegen den Islam polemisiert und die deshalb im rechten Umfeld zu einem kleinen Medienstar wurde. Mit 27 Jahren ist sie zwar nicht mehr wirklich jung, aber sie weiß sich als ein It-Girl zu stilisieren. Mitunter wirkt sie in ihren Videos mit ihrem maskenhaften Make-up und ihrer maschinell klingenden Stimme wie ein virtueller Charakter.

Mit ihr besucht Thilo Mischke eine Veranstaltung der AfD-Bundestagsfraktion, auf der ein Redner ein Verbot des Islams fordert, ohne dass jemand diesem verfassungswidrigen Ansinnen widerspräche. Am Ende der Veranstaltung klagt die YouTuberin unter Tränen dem Reporter ihr Leid: Sie könne es nicht mehr ertragen, wie die Rechtsradikalen sie ausnutzten, wie die Kommentare unter ihren Videos immer radikaler ausfielen, wie sie als Rassistin missverstanden werde. Mischke reagiert verlegen; er weiß nicht, ob er die weinende Frau trösten soll, ob er ihr Eingeständnis wahrhaftig finden oder ob er journalistisch noch weiter nachbohren soll.

Vielleicht um ihn davon zu überzeugen, dass sie wirklich aus der rechten Szene aussteigen will, verspricht Lisa Licentia dem Pro-Sieben-Reporter, sie werde ihm beweisen, welches rechtsradikale Gedankengut in der AfD herrsche. Zu diesem Zweck verabredet sie sich mit jenem Mann, der im Film zwar anonym bleibt, aber am Tag der Ausstrahlung als Christian Lüth identifiziert wird. Die beiden treffen sich in einem Lokal, wo dann das Mischke-Team an den Nebentischen sitzt, das Gespräch filmt und auch den Ton mitschneidet. Das Bild wird aber derart verpixelt, dass der Mann nicht zu erkennen ist, und der Ton wird im Film nachgesprochen. Aber dieser nachgesprochene Ton ist so genau auf die Gestik des Mannes, die man durchaus erkennen kann, abgestimmt, dass man die Behauptung des Reporters, man habe das Gespräch nur schriftlich und nicht akustisch aufgezeichnet, als juristischen Selbstschutz bezeichnen muss. Nein, hier wurde ein aufgezeichneter Ton nachgesprochen und kein mitgeschriebenes Gespräch vorgelesen.

Lüth spielt sich vor der jungen Frau als Stratege auf: „Je schlechter es Deutschland geht, desto besser für die AfD. Das ist natürlich scheiße, auch für unsere Kinder. Aber wahrscheinlich erhält uns das.“ Deshalb nütze es der Partei, wenn wieder mehr Migranten ins Land kämen, objektiv, meint er und sagt: „Ja, weil dann geht es der AfD besser. Wir können die nachher immer noch alle erschießen. Das ist überhaupt kein Thema. Oder vergasen, oder wie du willst. Mir egal! Aber jetzt, wo die Grenzen immer noch offen sind, müssen wir dafür sorgen, solange die AfD noch ein bisschen instabil ist und ein paar Idioten da antisemitisch rumlaufen, müssen wir dafür sorgen, dass es Deutschland schlecht geht.“

Um vor der Frau, der er gefallen will, zu renommieren, lässt Lüth alle Hemmungen fallen, die ansonsten selbst noch der dümmste Skin vor der Kamera haben würde. Noch bedeutender als dieses Eingeständnis einer politischen Strategie, die das Haus anzündet, um sich als Feuerwehr zu profilieren, ist eine Bemerkung, die Lüth während eines Telefonats preisgibt. Am Tag des Gesprächs war in Hamburg gewählt worden. Alexander Gauland, Ehrenvorsitzender der AfD und weiterhin ihr bürgerliches Aushängeschild, will sich mit seinem Pressemann Lüth absprechen, wie das Ergebnis der Wahl öffentlich zu bewerten sei. Denn die Partei wird es nur knapp in die Bürgerschaft der Hansestadt schaffen. Lüth diktiert Gauland, was dieser zum schwachen Abschneiden der AfD sagen soll: dass dieses Ergebnis angesichts der links-grünen Medienmacht in Hamburg auch kein Wunder sei. Wenn Gauland ihm hier aufs taktische Wort folgt, steht zu vermuten, dass auch er mit dessen Strategie übereinstimmt. Da überrascht es nicht, dass Gauland immer wieder versucht hat, die Protagonisten des rechten Flügels seiner Partei mit ihren Anführern Björn Höcke und Andreas Kalbitz vor Kritik und bei Parteiausschlussverfahren zu schützen.

Diesen Zusammenhang zwischen alten und jungen Nazis, zwischen Skinheads und Kampfsportlern, Fußballfans und Islamfeinden, Corona-Leugnern und Antisemiten ebenso offengelegt zu haben wie die Fusion aus alten Agitationsmitteln wie Fahnen und Symbolen mit neuen aus YouTube-Kanälen und Chat-Gruppen war die Stärke von Thilo Mischkes Dokumentation. Ihre Schwäche besteht in einem gewissen Stolz, all diese rechten und rechtsradikalen Personen zum Sprechen gebracht zu haben, die sich aber fast alle der Chance einer Präsenz im Fernsehen bewusst waren. Das trübt stellenweise das Urteilsvermögen von Thilo Mischke. So wird der 17-jährige Nachwuchsagitator, dem der Film viel Zeit widmet, zu einer Größe der Szene hochgejubelt, während der, der in protegiert, im Dunkeln bleibt. Auch leidet der Film unter dem ästhetischen Prinzip der Selbstinszenierung, das der Presenter-Reportage eigen ist. Mischke gibt also nicht nur sprachlich (im On wie im Off), sondern auch mimisch vor, was man über diesen oder jenen denken soll. Auch sprachlich missrät ihm einiges, wenn beispielsweise etwas „in einem Netzwerk verzahnt“ sein soll.

Dass Pro Sieben anders als ARD und ZDF einen solchen Themenabend, ohne diesen so zu benennen, ins Programm brachte, sollte die Programmverantwortlichen der öffentlich-rechtlichen Anstalten allerdings irritieren.

30.09.2020 – Dietrich Leder/MK

` `