Protestaktivist, Privatmann, Medienfigur: Ein 3sat‑Porträt über Rudi Dutschke

12.04.2018 • Das zweiteilige Porträt „Dutschke – Gesicht einer deutschen Revolte“ von Christoph Weinert wurde von 3sat am gestrigen 11. April ausgestrahlt – am 50. Jahrestag des Attentats, bei dem Rudi Dutschke von einem Rechtsradikalen schwer verletzt worden war. Dutschke, der zu den Sprechern des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) und der außenparlamentarischen Opposition der Jahre 1965 bis 1968 gehörte, starb elf Jahre später im Alter von 39 Jahren an den Spätfolgen der Schussverletzungen, die ihm der Attentäter beigebracht hatte.

Christoph Weinert rekonstruiert das Leben Dutschkes aus einer Doppelperspektive. Zum einen der des Privatmanns und Familienmenschen, an den die Ehefrau Gretchen Dutschke-Klotz und die Kinder sich erinnern oder den sie im Nachhinein imaginieren, wie es sein Sohn Marek tun musste, der wenige Wochen nach dem Tod des Vaters erst geboren wurde. Und zum anderen der des politischen Aktivsten und Agitators, der wie kein zweiter der damaligen Protestbewegung wirklich öffentlich reden und auftreten konnte. Seine Reibeisenstimme wird keiner so leicht aus den Ohren bekommen, der sie jemals live oder als Aufzeichnung zu hören bekommen hat.

Manchmal stimmten die Bilder aus den beiden Perspektiven überein, etwa wenn von Dutschkes Freundschaften und auch von seiner Uneitelkeit die Rede war. Manchmal reproduzierten die Bilder einen alten Konflikt, so wenn Dutschkes einstiger Weggenosse Bernd Rabehl berichtete, dass sie im Freundeskreis Angst gehabt hätten, sie würden Rudi Dutschke durch dessen Heirat mit Gretchen Klotz gleichsam als Aktivisten verlieren. Dass in beiden Teilen des Films die Ehefrau und die Kinder über den Privatmann Auskunft gaben, während die anderen Freunde oder Zeitzeugen Zeugnis vom politischen Aktivisten ablegten, war dann auf eine überraschende Weise stereotyp.

Denn dass zum Protest auch Frauen gehörten, sah man auf allen Bildern, die der zweimal 45-minütige Film (20.15 bis 21.45 Uhr) aus den Jahren 1966 bis 1968 zitierte. Doch keine von ihnen außer der Ehefrau wurde zu den politischen Aktionen befragt. Stattdessen sah man einen Reigen alt gewordener Männer, die mit ihrem Blick zurück auf Dutschke auch ihre eigene Geschichte rekapitulierten, feierten oder relativierten. Dass ebendiese alten Männer dann prompt als einen positiven Effekt des Protests die Frauenbewegung erwähnten, fiel dem Regisseur Christoph Weinert noch nicht einmal als eine ironische Volte auf.

Die Kritik am Springer-Verlag hätte er beispielsweise mühelos mit einem Ausschnitt aus dem Film „Brecht die Macht der Manipulateure“, den die Filmstudentin Helke Sander 1967/68 zusammen mit ihrem Kommilitonen Harun Farocki in Berlin realisierte, besser belegen können als mit den altbekannten Zeitungsüberschriften. Helke Sander war es dann, die auf einer Delegiertenkonferenz des SDS im September 1968 gegen jene Männerdominanz aufbegehrt hatte, die diesem filmischen Rückblick 50 Jahre danach noch eigen war.

Noch ein zweites blieb unerwähnt, obgleich der Film (Produktion: AVE Publishing) in seinen beiden Teilen davon lebte: Rudi Dutschke war mit seiner auch physischen Präsenz, seinem raubeinigen Charme und seiner Spontaneität jemand, den die Medien und vor allem das Fernsehen mochten. Und das Fernsehen hatte dafür damals auch die entsprechenden Sendungen wie etwa die Gesprächsreihe von Günter Gaus, aus der Weinert mehrfach ausführlich zitierte. Der Talkshow-Zirkus der heutigen Zeit liefert keine solchen markanten Passagen der Selbsterklärung mehr.

Umgekehrt war Dutschke als Medienfigur unter seinen Genossen nicht unbedingt beliebt. Noch wenige Tage vor dem Attentat begründete eine Fraktion des SDS einen Antrag, Dutschke aus der Studentenorganisation auszuschließen, mit dessen Interviews und Coverfotos. Das war allerdings nur vorgeschoben, denn der wahre Grund für die Ausschlussforderung bestand für diese Fraktion, die der DDR und dem SEW, also dem West-Berliner Ableger der SED nahestand, darin, dass sich Dutschke für jene Reformen in der damaligen Tschechoslowakei begeisterte, die einige Monate nach dem Attentat auf ihn unter den Panzern des Warschauer Pakts zermalmt wurden.

12.04.2018 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 13/2018

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