Olympia nicht mehr bei ARD und ZDF? Das erschien wie ein schlechter Witz – doch nun hat Eurosport die Übertragungsrechte

03.07.2015 •

Die am vergangenen Montag (29. Juni) bekannt gegebene Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees, die Übertragungsrechte an den Olympischen Spielen der Jahre 2018 bis 2024 an den paneuropäischen Privatsender Eurosport zu vergeben, der seit dem vorigen Jahr zu 100 Prozent der US-amerikanischen Senderfamilie von Discovery gehört (vgl. FK 4/14), sorgte für einiges Aufsehen. Denn die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ARD und ZDF, die jeweils seit Beginn der Ausstrahlung des Ersten und des Zweiten Programms von den Olympischen Spielen zeitversetzt (ARD: 1956) bzw. live (ab 1964) berichten, gingen damit leer aus. Sie können nun bei der Muttergesellschaft Discovery höchstens noch Sublizenzen erwerben, was sicherlich bei den Sportarten mit der höchsten Zuschauerattraktion (Leichtathletik, Mannschaftswettbewerbe) schwer oder besonders teuer werden dürfte.

Konkret betrifft der Vertrag des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) mit Eurosport/Discovery die Winterspiele von 2018 in Pyeongchang (Südkorea) und von 2022, die derzeit noch nicht vergeben sind, sowie die Sommerspiele von 2020 in Tokio (Japan) und von 2024, um die derzeit unter anderem einige europäische Städte, darunter Hamburg, rivalisieren. Für ARD und ZDF, die auf die überraschende IOC-Entscheidung mit verhaltenem Ärger reagierten, könnte also der Verlust noch schwerer wiegen, sollte die Hansestadt den Zuschlag für die Sommerspiele 2024 erhalten. Olympia im eigenen Land und die beiden größten öffentlich-rechtlichen Sender nicht mit dabei – eine Vorstellung, die für viele Intendanten bis vor wenigen Tagen noch nicht einmal als schlechter Witz denkbar gewesen wäre.

Die nächsten Sommerspiele in der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro könnten somit den Abschied von ARD und ZDF vom olympischen Sport bedeuten. Für diese Rechte – die nicht mehr wie zuvor gemeinsam von der europäischen Rundfunkunion EBU erworben worden waren – hatten die beiden öffentlich-rechtlichen Sender zusammen mit den Rechten an den Winterspielen im vorigen Jahr im russischen Sotschi rund 110 Mio Euro gezahlt. Der Rechtedeal blieb auf diese beiden Spiele begrenzt. Anders machten es etwa die BBC oder France 2, die damals auch die Rechte an den Winterspielen 2018 und den Sommerspielen 2020 erwarben, weshalb Eurosport in Großbritannien und in Frankreich (sowie generell in Russland) die Rechte nicht entsprechend verwerten kann.

Ob sich die hohe Investition von 1,3 Mrd Euro für Eurosport rechnet, selbst wenn man etwaige Einnahmen aus den Sublizenzen abzieht? Sicher nicht direkt. Mit ihrer hohen Investition will die US-Muttergesellschaft Discovery ihre europäische Tochter besser positionieren. Eurosport soll in Zukunft seinem Namen alle Ehren machen, also als die erste Adresse für Sport aller Art gelten. Noch rangiert der Sender in Deutschland mit einem durchschnittlichen Marktanteil von 0,6 Prozent (2014) unter ‘ferner liefen’. Doch bei besonderen Ereignissen, von denen der Sender exklusiv berichtete wie zuletzt beispielsweise von den French Open im Tennis, errang er schon größere Aufmerksamkeit. Was auch an der Professionalität der Berichterstattung lag: Übertrug Eurosport gemeinsam mit ARD oder ZDF von einem Sportereignis, dann konnte es durchaus sein, dass man den Privatsender dem jeweiligen öffentlichen-rechtlichen Programm vorzog, weil die Kommentare bei Eurosport sachlicher und sachkundiger ausfielen. Das war zuletzt beim Viertelfinale der Frauenfußball-WM in Kanada zwischen Deutschland und Frankreich der Fall, als ZDF-Kommentator Norbert Galeske mit seinem Geschwätz („in diesem zweiten Teil der zweiten Verlängerung“) die Zuschauer geradezu in die Arme von Eurosport trieb.

Dass ARD und ZDF, die ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky als „Olympia-Sender“ tituliert, sicher anders als Eurosport auch kritisch über die Länder berichteten, in denen die Spiele jeweils stattfanden, können sie zu Recht anrechnen lassen. Doch das hat, mit Verlaub, nichts mit den Sportrechten zu tun, sondern ist Teil der journalistischen Pflichten ein öffentlich-rechtlicher Programme. Ebenso absurd erscheint die Reaktion von Balkausky und anderen Vertretern des öffentlich-rechtlichen Systems, die vorsichtig durchblicken ließen, dass man dann in Zukunft von Sportübertragungen von olympischen Sportarten im Programm Abstand nehmen werde. Als wenn Programmplanung nach dem Prinzip von Kindergartenstreitereien betrieben würde! Oder haben ARD und ZDF in den vergangenen Jahren von ihnen eigentlich unwichtig erscheinenden Sportarten wie Rudern oder Ringen nur deshalb berichtet, um beim Nationalen Olympischen Komitee (NOK) gute Stimmung für die Olympia-Rechte zu erzeugen?

Das IOC mit seinem deutschen Vorsitzenden Thomas Bach verfolgt mit der Rechtevergabe auch das langfristige Ziel eines eigenen Olympia-Kanals. Discovery und Eurosport sollen dazu die Plattform bieten. Ein solcher Kanal ist die Lieblingsidee aller Verbandsfunktionäre, weil sich damit noch mehr Geld erlösen ließe. In der Wirklichkeit haben sich solche Verbandssender aber noch nie als erfolgreich erwiesen.

Umgekehrt ist der Einfluss der Sender auf die Sportverbände mittlerweile sehr groß. Mit dem Geld dieser Sender sind nicht zuletzt Fußballfunktionäre bestochen worden, um die Vergabe von Großereignissen an bestimmte Länder und Orte zu erzwingen. Auch das IOC ist nicht frei von Korruption. Ob die Olympischen Sommerspiele 2024 nun in Paris, Rom oder Hamburg stattfinden, dürfte Eurosport egal sein. Nur Boston, ein weiterer Kandidat, dürfte für den paneuropäischen Sender weniger attraktiv erscheinen. An Boston indes dürfte NBC-Universal ein großes Interesse haben. Der US-amerikanische Medienkonzern hatte – der Vertrag wurde bereits 2011 abgeschlossen – für ein identisches Rechtepaket 4,4 Mrd Dollar gezahlt (vgl. FK 24/11). Weshalb vermutlich eher Boston und nicht eine europäische Stadt den Zuschlag für 2024 erhalten wird. NBC-Universal hat übrigens im Mai vorigen Jahres die Verlängerung der bestehenden Olympia-Übertragungsrechte bis zum, Jahr 2032 mit dem IOC ausgehandelt. Das Medienunternehmen zahlt dafür 7,65 Mrd Dollar (vgl. FK 20/14).

03.07.2015 – Dietrich Leder/MK

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