„Loveparade vor Gericht“: Eine verdienstvolle WDR‑Dokumentation zur Katastrophe von Duisburg im Juli 2010

06.05.2020 •

Der Grund, dass am 4. Mai das Dritte Programm WDR Fernsehen kurzfristig sein Programm änderte und um 22.15 Uhr eine Dokumentation zeigte (statt der ursprünglich vorgesehenen Unterhaltungssendung), war aktueller Art. Am Morgen dieses Montags war offiziell bekanntgegeben worden, was viele Beobachter seit Tagen vermutet hatten: Der Prozess zur Katastrophe bei der Loveparade am 24. Juli 2010 in Duisburg wurde eingestellt.

„Loveparade vor Gericht“ hieß denn auch der Film im WDR Fernsehen, den Antje Boehmert und Dominik Wessely gedreht hatten. Er spannte einen weiten Bogen von der Katastrophe selbst, ihrer medialen Thematisierung in den Wochen danach, den politischen Folgen, die in der durch ein Abwahlverfahren erzwungenen Absetzung des Duisburger Oberbürgermeisters Adolf Sauerland (CDU) gipfelten, den Problemen der prozessualen Aufarbeitung des Geschehens, der vom Landgericht Duisburg zurückgewiesenen ersten Anklage, der Revision dieser Zurückweisung durch eine zweite Instanz, schließlich den erst im Dezember 2017 (!) begonnenen Prozess und seine vielen Verhandlungstage bis zum Ende der Verfahrenseinstellung am 4. Mai, dem 184. Verhandlungstag.

Filmemacher, die in Deutschland einen dokumentarischen Gerichtsfilm drehen wollen, stehen vor einem großen Problem. Im Gericht selbst dürfen sie nur bis zu dem Moment, wenn die Richter in den Sitzungssaal einziehen, Bilder und Töne aufnehmen. Offizielle Schriftprotokolle sind ebenfalls nicht zu haben, schriftliche Aufzeichnungen müssen also von Prozessbeobachtern selbst angefertigt werden. Richter und Staatsanwälte lassen sich im laufenden Verfahren nicht befragen, so dass meist nur offizielle Sprecher des Gerichts, an dem der Prozess angesiedelt ist, sich – eher zurückhaltend und immer apologetisch – zum Prozessverlauf äußern. Rechtsanwälte, die Angeklagte verteidigen oder eine Nebenklage vertreten, sind wiederum stets Partei, sehen Erklärungen zum Verfahren als Teil ihrer prozessualen Strategie an. Gleiches gilt selbstverständlich für Angeklagte oder Nebenkläger, wenn sie sich äußern.

Der Film von Antje Boehmert und Dominik Wessely (Produktion: Docdays Productions) machte aus diesem Problemkomplex keinen Hehl. Immer wieder sah man den Einzug der Richter. Diese Bilder markierten die zeitliche Gliederung des Prozessverlaufs, der jeweils durch die Einblendung des Datums und des Prozesstags zeitlich eingeordnet wurde. Dass sich unterdessen gesellschaftlich etwas geändert hatte, zeigten Aufnahmen vom letzten Verhandlungstag; diesmal waren am Richtertisch zwischen den dort sitzenden Juristen Plexiglasscheiben eingebaut worden – Rechtsprechung zu Zeiten von Corona.

Was an den Verhandlungstagen jeweils geschah, berichtete der Kommentar. Es steht zu vermuten, dass der Text von Antje Boehmert stammt, die den Prozess über viele Tage im Zuschauerraum begleitet hatte und im Abspann explizit als Autorin des Drehbuchs genannt wurde. Sie erwähnte nebenbei, wie das Interesse an diesem Prozess, der aus Kapazitätsgründen in einer zum Gerichtssaal umfunktionierten Düsseldorfer Messehalle stattfand, von Monat zu Monat abnahm; am Ende verliefen sich nur noch wenige Besucher in dem großen Gebäude.

Ihre Schilderungen wurden von Beobachtungen ergänzt, die von den anderen Begleitern des Prozesses beigesteuert wurden. So gab immer wieder der Pfarrer Jürgen Widera Auskunft. Er ist Vorstand der Stiftung „Duisburg 24.07.2020“, die eingerichtet wurde, um Menschen zu helfen, die durch die Loveparade-Katastrophe körperlich und seelisch Schaden erlitten. Man könnte ihn als einen Anwalt der Opfer verstehen. Bei dem Unglück gab es über 500 Schwerverletzte, 21 Menschen kamen zu Tode.

Eine ähnliche Perspektive nahm auch Gabi Müller ein, die ihren Sohn bei dem Unglück verlor und als Nebenklägerin am Verfahren beteiligt war. Sie markiert sehr früh das größte Dilemma des Prozesses: Angeklagt waren allein Mitarbeiter der Stadtverwaltung und des Veranstalters. Aber eben weder die politische Spitze der Stadt, die die Loveparade unbedingt nach Duisburg holen wollte und dafür auf ein – wie sich zeigte – untaugliches, da unzugängliches Gelände setzte, noch der Veranstalter der Loveparade, der um des guten Geschäfts willen die Probleme des Geländes durch ein Gutachten kleinreden ließ, noch der Leiter des Duisburger Ordnungsamtes, der an der Veranstaltung wenig und den Problemen, die ihre Organisierung verursachte, noch weniger interessiert schien.

Deren Verantwortung an der Katastrophe rekonstruierte nun der 45-minütige Film – auch mit Hilfe von Zeitzeugen wie einem jungen Fotografen und einer Polizeiseelsorgerin und vor allem mit einer Fülle von Videomaterial, das aus den unterschiedlichsten Quellen stammte und deshalb immer wieder durch elektronische Bearbeitung aneinander angeglichen wurde. In dieser beeindruckenden, da stringenten Rekonstruktion der Ereignisse wurde deutlich, wie sich eine Fülle von Fehlern und Fehleinschätzungen derart aufhäufte, dass am Ende viel zu viele junge Menschen in einen zu schmalen Tunnel liefen, von dem eine Rampe aufs Gelände führte, die aber auch von denen genutzt wurde, welche die Veranstaltung verlassen wollten. Dem jungen Fotografen, der damals das Geschehen aufgenommen hatte, war das Entsetzen immer noch ins Gesicht geschrieben, wenn er von dem berichtete, was er damals sah. Und die Polizeiseelsorgerin beschrieb das Entsetzen, das sie bei erfahrenen Polizisten sah, die vom Unglücksgelände zurückkamen und mit ihr sprachen.

Angesichts dieser soliden journalistischen Arbeit hätte es einiger Mätzchen nicht bedurft, mit der die Rekonstruktion von Katastrophe und Prozess aufgepeppt werden sollte. So wurden die Berichte der Polizeiseelsorgerin mehrfach von Videoschnipseln des Geschehens unterbrochen und musste der junge Fotograf als Darsteller seiner selbst durch Straßen wandern oder sich Projektionen der Videobilder von der Loveparade anschauen. Und noch ein Manko der engagierten Produktion (Redaktion: Jutta Krug und Mathias Werth) gilt es festzuhalten. Mehrfach sah man auf den Videobildern, die von der Loveparade deutlich vor Beginn der Katastrophe aufgenommen wurden, das Signet des WDR-Jugendradios 1Live.

Der WDR, der – wie beschrieben – diese verdienstvolle Dokumentation in Auftrag gegeben hatte, war damals am Großereignis der Loveparade mitbeteiligt. Auch dank seiner medialen Werbung im Radio wie im Fernsehen, die im Vorfeld wie am Veranstaltungstag selbst getrieben wurde, kamen viel mehr Menschen auf das Gelände, als dafür zugelassen waren. Die Live-Übertragung aus Duisburg wurde erst abgebrochen, als die ersten Menschen weitab der Bühne und des Partywagens von 1Live in Lebensgefahr gerieten. Zu den vielen Faktoren der Katastrophe gehörte auch der mediale Hype um die Veranstaltung und an dem hatte der WDR einen großen Anteil. Dazu im Film kein Wort, keine Frage.

06.05.2020 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 15/2020

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren