Literatur-Nobelpreisträger Peter Handke: Der begeisterte Pilzsammler drehte einst auch einen Spielfilm für den WDR

11.12.2019 •

In der Diskussion um die Verleihung des Nobelpreises für Literatur an den österreichischen Schriftsteller Peter Handke, der seit vielen Jahren in der Nähe von Paris wohnt, hat man kaum über dessen literarische Qualitäten gestritten. Stattdessen wurde über die Stellungnahmen diskutiert, die Handke in den 1990er Jahren in Zusammenhang mit den Bürgerkriegen des zerfallenden Jugoslawiens abgab. Diese Äußerungen waren hochproblematisch, da der Schriftsteller die Kriegsverbrechen der Serben, die mittlerweile juristisch vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag ermittelt worden sind und dort zu Urteilen führten, verleugnete und wohl immer noch verleugnet.

Dass der heute 77-jährige Handke mit seinen damaligen Texten und Interviews auf eine erregte Debatte vor allem in Österreich und Deutschland reagierte, in der man umgekehrt einseitig die Serben als die allein Kriegsschuldigen verurteilte, erklärt manche seiner auch sprachlich drastischen Formulierungen, rechtfertigt sie aber nicht. In der „Süddeutschen Zeitung“ vom 6. Dezember 2019 hat die Historikerin Marie-Janine Calic den historischen Zusammenhang, in dem die Handke-Äußerungen fielen und auf die sie sich beziehen, umfassend dargelegt. Ansonsten wurde in den Artikeln und Fernsehberichten, die zu der hohen Auszeichnung Handkes erschienen (am 10. Dezember wurde ihm in Stockholm der Nobelpreis überreicht), gerade einmal erwähnt, dass der Schriftsteller ein begeisterter Pilzsammler ist, der viele – zudem auch manche dicken – Bücher geschrieben hat.

Kaum erwähnt wurden die ersten Publikationen, mit denen der junge Peter Handke auf sich aufmerksam machte und mit denen er den Literatur- und Theaterbetrieb aufmischte, etwa mit einer Erzählung wie „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ oder einem Stück wie „Publikumsbeschimpfung“. Handke reagierte damit – wie damals neben ihm nur Rolf Dieter Brinkmann – auch auf die populäre Kultur der Zeit. Kinofilme von John Ford und Howard Hawks, Kriminalromane von Dashiell Hammett und Raymond Chandler oder Popmusik-Titel der Troggs und Van Morrisons kamen wie selbstverständlich in seinen Texten vor. Die Filme, Romane und Songs bildeten so etwas wie die Referenzräume, in die er seine Geschichten um einsame Protagonisten verpflanzte.

Vollends vergessen ist, dass Handke auch auf das Fernsehen reagierte – und zwar im Fernsehen selbst. Im Jahr 1969 drehte er, 26-jährig, mit „Chronik der laufenden Ereignisse“ seinen ersten eigenständigen Spielfilm, den er im Auftrag und als Produktion des Westdeutschen Rundfunks (WDR) realisierte. Der anderthalbstündige Film wurde erstmalig am 10. Mai 1971 im ARD-Programm im Rahmen der Reihe „Das Fernsehspiel am Montag“ ausgestrahlt; in ihm mischt Handke als Regisseur die unterschiedlichsten Elemente miteinander. Da gibt es Detektivfiguren, die etwas aufdecken wollen, so wie es in Fernsehserien üblich ist. Da sprechen Politiker und Industrielle in einer Fernsehdiskussion offen über ihre Absichten. Da wechseln sich Landschaftstotalen aus der Umgebung von Köln mit Detailaufnahmen ab, wie man sie aus Krimis kennt. Extrem stilisierte Szenen werden von einem Gespräch konterkariert, das die Darsteller Rüdiger Vogler und Didi Petrikat zu Eric Burdons Song „When I was Young“ improvisieren. Eine Schauspielerin spricht eine Erzählung in die Kamera, als sei sie eine Ansagerin.

Höhepunkt der Selbstreflexion des Fernsehbetriebs ist in diesem Film eine Art Unterhaltungsshow, in der die Kandidaten vom Moderator aufgefordert werden, erst einen Luftballon durch Aufblasen zum Platzen zu bringen und anschließend ein Tablett mit Sektgläsern über einen enorm rutschigen Parcours zu balancieren, um am Ende der Jury die Getränke zu kredenzen. Es wird ein ziemlicher Aufwand getrieben, um die Aufgabe zu erklären und ihre Schwierigkeiten zu überwinden.

Dem Moderator der Show steht eine Assistentin zur Seite. Die Jury wird von vier Männern gebildet. Die Spannung erwächst vor allem aus der Frage, wie die Kandidaten die Gläser wohl transportieren wollen, ohne auszurutschen. Doch soweit kommt es gar nicht, da schon die erste Aufgabe nicht gelöst wird: Keinem der Kandidaten gelingt es, einen Luftballon zum Platzen zu bringen. So entweicht die Spannung aus der Show wie die Luft aus einem aufgeblasenen Ballon, den man unten nicht verschlossen hat.

In einem Nachwort der Buchausgabe zum Film erzählt Handke auch von einer damals wohl üblichen Produktionspraxis: „Einer der Komparsen, der in dem Film unter einem Plastiksack erstickt wird, war im Hauptberuf Cinzano-Vertreter; er wünschte, dass einmal irgendwo in dem Film Cinzano zu lesen sei. Wir stimmten zu, und er brachte ein Plakat mit, das dann in einer kurzen Einstellung einer der Helden von einer Litfaßsäule reißt. Deshalb haben wir eine Kiste schottischen Whisky bekommen.“

11.12.2019 – Dietrich Leder/MK