Kritiker des Fernsehens im Fernsehen: Zum Tod des Dokumentarfilmers Harun Farocki

04.08.2014 •

04.08.2014 • Harun Farocki, der am 30. Juli 2014 im Alter von 70 Jahren in der Nähe von Berlin gestorben ist, kam in den vergangenen Jahren bei gleichbleibend hoher Produktivität im deutschen Fernsehen kaum noch vor. Der letzte von Farocki stammende Film, der im TV ausgestrahlt wurde, war „Sauerbruch Hutton Architekten“ (vgl. FK-Heft Nr. 46/13) und lief im vergangenen Herbst im Spartenkanal 3sat (Redaktion: Udo Bremer).

Stattdessen wurden die filmischen Arbeiten Harun Farockis zuletzt vor allem in Museen gezeigt. Das Berliner Museum für Gegenwartskunst im Hamburger Bahnhof zeigt seit Februar und noch bis Januar 2015 auf einer ganzen Etage seine Videoinstallationen zum Thema „Ernste Spiele“, die den Einsatz von Computersimulationen zu Trainingszwecken in der US-Armee dokumentarisch erfassen. In diesem Monat wollte Farocki zusammen mit seiner Frau Antje Ehmann im Essener Museum Folkwang das über mehrere Jahre laufende Projekt „Eine Einstellung zur Arbeit“ präsentieren, für das die beiden weltweit in 15 Städten junge Menschen aufgefordert und angelernt hatten, Arbeitsvorgänge in ihrer unmittelbaren Umgebung in einer Kameraeinstellung aufzunehmen. Das Projekt und seine vielfältigen Ergebnisse können auf einer eigenen Internetseite studiert werden. Auch die thematisch wie filmisch sehr unterschiedlichen Kurzfilme, die über diese Seite abrufbar sind, ließen sich durchaus im Fernsehen vorstellen, aber die Sender scheinen daran kein Interesse zu haben.

Harun Farocki, dessen Vater ein indischer Arzt war, der in Deutschland studiert und hier eine deutsche Frau geheiratet hatte, gehörte zum ersten Jahrgang der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB), die ihn zuerst nach der Zwischenprüfung wegen Unfähigkeit und dann nach erzwungener Wiederaufnahme 1968 wegen politischer Aktivitäten exmatrikulierte. Seinen ersten außerhalb des Studiums hergestellten Kurzfilm „Nicht löschbares Feuer“ finanzierte die Filmredaktion des WDR. Diesen Film vergisst niemand, der dieses Lehrstück über die Herstellung der im Vietnamkrieg von den USA eingesetzte Brandwaffe Napalm und die Verantwortung der Wissenschaftler und Ingenieure, die sie entwickelten, jemals sah. Denn hier sitzt in einer Passage der Autor selbst vor der Kamera und spricht davon, dass Kriegsbilder, wie sie das Fernsehen 1969 aus Vietnam zeigte, von den Zuschauern leicht verdrängt werden könnten. Aber wie diesen Zuschauern wenigstens „eine schwache Vorstellung“ davon geben, wie Napalm wirkt? Farocki, der sich nun eine Zigarette anzündet, sagt, dass Napalm eine Temperatur von 4000 Grad Celsius erzeuge, die Glut einer Zigarette nur gerade einmal 500 Grad. Dann drückt er die brennende Zigarette auf seiner linken Hand aus.

Bei Farocki waren politische und ästhetische Haltung nicht getrennt. Seine Kritik betraf die gesellschaftlichen Verhältnisse wie auch schlechte Filme gleichermaßen, auch und vor allem, wenn diese sich ebenfalls gegen die Verhältnisse richteten. Das war in einer Zeit, in der jedweder ideologische Zweck jedes ästhetische Mittel legitimierte, nicht nur radikal, sondern erschien vielen westdeutschen Medienlinken unverschämt. Im WDR eckte er denn auch an, als er 1973 „Der Ärger mit den Bildern“ herstellte. In diesem Film analysierte Farocki den besinnungslosen Gebrauch von beliebigen Bildern und Wörtern in politischen TV-Features der Zeit, die alle irgendwie als fortschrittlich oder kritisch galten. An der Fernsehpraxis änderte das selbstverständlich nichts, ja, die von Farocki kritisierten Bild- und Textphrasen wurden nachfolgend geradezu zum Maßstab des Fernsehjournalismus und lassen sich bis heute studieren.

Auch wenn ihm sein Film „Der Ärger mit den Bildern“ keine neuen Freunde im Fernsehen einbrachte, konnte er in den nächsten 30 Jahren kontinuierlich für dieses Medium weiterarbeiten. Dabei stellte er zwei unterschiedliche Sorten von Dokumentarfilmen her: In der ersten beobachtete er gesellschaftliche Vorgänge wie etwa die Herstellung eines Playboy-Fotos (Ein Bild“, 1981), Schulungen von Angestellten („Die Schulung“, 1987), die Entwicklung von Werbekampagnen („Image und Umsatz“, 1989), diverse Therapiesitzungen und Lernsituationen („Leben – BRD“, 1990), die Produktion von Talk- und Spielshows im Fernsehen („Worte und Spiele“, 1998) oder Verhandlungen einer Investmentfirma („Nicht ohne Risiko“, 2004). In diesen Filmen erweist sich der Regisseur vor allem in der Art, wie er das beobachtete Material zusammenfasst, also montiert.

In der zweiten Sorte seiner Filme ist der Regisseur in hohem Maß als Autor präsent, der über den Kommentar heterogenes Material zusammenfügt, aus diesem Details herauspräpariert und dadurch zum Sehen wie zum Nachdenken gleichermaßen animiert. Diese essayistischen Filme wie beispielsweise „Wie man sieht“ (1986), „Bilder der Welt und Inschrift des Krieges“ (1988), „Arbeiter verlassen die Fabrik“ (1995), „Gefängnisbilder“ (2000) oder „Erkennen und Verfolgen“ (2003) kreisen um den Zusammenhang von Bildproduktion und deren ökonomischem oder militärischem Interesse. Wer sie gesehen hatte, schaute seitdem Nachrichtenbilder aus aktuellen Kriegen nicht mehr naiv und folgte auch nicht mehr den üblichen simplen Indoktrinierungsthesen. Ein Teil der elektronischen Bilder war längst selbst Teil der Waffensysteme geworden und von diesen nicht mehr zu trennen. Im Film „Videogramme einer Revolution“, den Farocki zusammen mit Andrei Ujica 1992 realisierte, rekonstruierten er und sein Koautor den Sturz des rumänischen Diktators Ceaușescu aus den Archivbildern des Fernsehens und aus Amateuraufnahmen und korrigierten dadurch vieles von dem, was in der Tagesberichterstattung als verlässlich erschienen war.

Der Fernsehkritik schienen diese seine medienkritischen Verfahren stets zu radikal. Vielleicht, weil ihnen ein bewahrpädagogischer Impetus fehlte, die Filme stattdessen die Zuschauer zum selbständigen Nachdenken aufforderten. So verschmähte der pädagogisch ambitionierte Grimme-Preis Farockis Arbeiten geradezu systematisch. Nur einmal, bei einem Film, den er selbst zu seinen schwächeren zählte („Die Umschulung“, 1994), gelang es dann einigen Kritikern wie in einem Putsch, Harun Farocki, diesen stetigsten Kritiker des Fernsehens im Fernsehen, mit dem wichtigsten TV-Preis des Landes auszuzeichnen. Zu diesem Zeitpunkt konnte er noch für einige Dritten Programme und für 3sat produzieren.

Diese Möglichkeit schwand aber, als die Redakteure, die Farockis Arbeiten gefördert hatten – wie Werner Dütsch (WDR), Inge Classen (3sat) und Ebbo Demant (zunächst SWF, dann SWR) –, in Pension gingen. Als Alternative bot sich der Kunstbetrieb an, der ihm das Weiterarbeiten ermöglichte. So entstand 2007 im Auftrag der Documenta mit „Deep Play“, einer zwölfkanaligen Videoinstallation, die bedeutendste Studie zum Fußball im Fernsehen. Und das deutsche Fernsehen hat es selbstverständlich noch nicht einmal wahrgenommen.

• Erschienen damals in LEDERS JOURNAL auf der Website der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

04.08.2014 – Dietrich Leder/FK

Das Grab von Harun Farocki auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin

Fto: da/MK


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