Keine sehr kurzen Geschichten mehr im holländischen Radio: Der Sonntagmorgen ohne A.L. Snijders wird anders sein

11.06.2021 •

In den guten alten Zeiten, die selbstverständlich so gut nicht waren, konnte man WDR 2 noch hören. Zwar war das Programm damals, also in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren, schon zur Servicewelle ausgerufen worden, was nicht meinte, dass es dort um Geschirr oder um Tennisaufschläge ging, sondern dass man sich um den Alltag der Hörer kümmern wollte. Zum Service gehörte damals vor allem der Verkehrsbericht, der selbstverständlich nichts für Radfahrer oder Fußgängerinnen enthielt, dafür aber jeden Autoverkehrsstau in Nordrhein-Westfalen getreu auflistete, damit die, die in einem steckten, wussten, dass dem so war.

Dass man WDR 2 damals dennoch hören konnte, lag beispielsweise an einer Sendung wie „Von A bis Z“, ein Magazin, das am Sonntagmorgen von 8.00 bis 12.00 Uhr ausgestrahlt und von der kürzlich verstorbenen Marianne Lienau, von Georg Bungter, Wolfgang Klein und anderen abwechselnd moderiert wurde. Zu den besonderen Beiträgen des Magazins, das sich den großen wie den kleinen Dingen des Lebens widmete, das politisch war und kulturell, seriös und ironisch, leicht in der Form und ernst, wenn es um Ernstes ging, gehörten kürzere literarische Texte, die von der Redaktion in Auftrag gegeben wurden. In diesen Beiträgen sollten Geschichten erzählt werden, die sich dem Sonntag als besonderem Wochentag widmeten und die Orte beschrieben, an denen dieser Tag erlebt wurde.

Das Magazin „Von A bis Z“ ist schon lange aus dem Radio verschwunden. Spätestens nachdem das gesamte WDR-2-Programm zu einem unendlichen uniformen Magazin mutiert war, hätte dieses besondere und besonders gestaltete Magazin am Sonntag nur gestört. Dass man sich an die „A-bis-Z“-Texte erinnern kann, liegt daran, dass einige von ihnen 1988 von Mitarbeitern des Grimme-Instituts in einem kleinen, schön gestalteten Band abgedruckt wurden. Der Titel des von Wolfgang Horn und Hans Paukens herausgegebenen Buchs: „Sonntag. Geschichten von der Stille und dem ganzen Rest“. Das „Vorwort als Nachwort“ – es stand am Ende und nicht am Anfang – schrieb Hans Janke, der damals das Grimme-Institut leitete. In diesem Text attestierte Janke dem Magazin, dass ihm gelinge, was doch anzustreben sei: „Qualität und Popularität sind zu verschwistern.“

An diese literarischen Texte, die für das Radio geschrieben wurden, musste ich denken, als ich vor sechs oder sieben Jahren zum ersten Mal auf NPO Radio 4, dem holländischen öffentlich-rechtlichen Klassikprogramm, einen Mann hörte, der etwas vorlas, was er „ZKV“ nannte. Das Akronym kürzt den niederländischen Begriff „Zeer korte verhaal“ („Sehr kurze Geschichte“) ab. Gemeint ist damit eine Textform, die zwischen Anekdote, Kurzgeschichte und Essay changiert, aber stets persönlich gehalten ist. Der Mann, der sie erfunden hat und im Hörfunk vortrug, nannte sich A.L. Snijders, ein Pseudonym von Peter Cornelis Müller, der lange Jahre als Lehrer Niederländisch an Schulen, aber auch an der Polizeiakademie unterrichtet hatte. Sein erstes Buch publizierte er 1992. Ab dieser Zeit arbeitete er als Schriftsteller.

Im Radio las er seine ZKVs zuerst in einer Abendsendung des Rundfunkanbieters VPRO. Im Jahr 2014 wechselte er dann zum bei NPO Radio 4 ausgestrahlten Magazin „De ochtend van 4“ („Der Morgen von 4“), das der öffentlich-rechtliche Rundfunkveranstalter KRO-NCRV sonntäglich von 7.00 bis 9.00 Uhr produziert. Die Sendung besteht aus kürzeren Stücken und Auszügen klassischer Musik sowie Wortbeiträgen. Moderiert wird es in der Regel von Niels Heithuis und gelegentlich von Margriet Vroomans.

Jeden Sonntag um 8.45 Uhr wurde A.L. Snijders in diese Sendung geschaltet. Er befand sich zu dieser Zeit zumeist in seinem Haus, das in einem Dorf in der niederländischen Provinz Gelderland liegt. Im Hintergrund hörte man Vögel zwitschern, die er wohl in seinem Wohnzimmer hielt. Das Gespräch begann stets auf dieselbe Weise. Nach der Begrüßung frug Heithuis den Schriftsteller, wie es ihm denn so gehe. Das bot Anlass, aktuelles Geschehen zu erörtern – von der Politik bis zum Wetter, von Medienereignissen bis zu Themen, die zuvor in der Sendung angesprochen worden waren.

Snijders zeigte sich hier bereits als genauer Beobachter des Alltags wie der Politik. Seine Kommentare waren aber nie besserwisserisch, zudem meist selbstironisch abgefedert. Nach dem Gespräch, das nicht mehr als drei oder vier Minuten dauerte, folgte eine kurze Zwischenmusik, in die hinein Snjiders dann seine kurze Geschichte verlas. In seinen Geschichten schilderte er zum Beispiel besondere Begegnungen der jüngsten Zeit. Er zitierte Gedichte des 20. Jahrhunderts, die er gerade gelesen hatte oder die ihm wieder in den Sinn gekommen waren; er beschrieb auch Träume, die ihn heimgesucht hatten. Und er verband das Gegenwärtige mit dem, woran er sich erinnerte, beispielweise an die Zeit der deutschen Besatzung in Holland und die unmittelbare Nachkriegszeit, die er als Kind in Amsterdam erlebt hatte. Er erinnerte sich an den Aufbruch in den 1950er Jahren, als er mit dem Motorrad durch Europa fuhr. Er erinnerte sich an Menschen, die er als Lehrer kennengelernt hatte oder die ihm in seiner ländlichen Gegend begegnet waren. Prägnante Texte, in kurze Sätze gefasst, die souverän durch die Zeiten sprangen und die stets die Sprache reflektierten, in der sie verfasst waren.

Noch am letzten Sonntag (6. Juni) berichtete er Heithuis von einer Lesereise, die ihn in den Tagen zuvor durch fünf holländische Städte geführt hatte, ehe er dann seine kurze Geschichte verlas, die von der Begegnung mit einem Mann erzählte, der auf einem Pferdefuhrwerk saß, und einer Frau, die ihn zu Fuß begleitete. Nichts deutete darauf hin, dass Peter Cornelis Müller, der sich A.L. Snijders nannte, am nächsten Tag, dem 7. Juni, sterben würde. Seinen Tod meldete NPO Radio 4 am heutigen Freitag. Der Schriftsteller wurde 83 Jahre alt. Seine ZKVs kann man auf der Internet-Seite der Sendung „De ochtend van 4“ anhören. (Viele der Texte wurden später auch als Bücher veröffentlicht, von denen einige ins Englische wurden, aber keines ins Deutsche.) Im Internet-Angebot von NPO Radio 4 finden sich auch als Podcast mehrere lange Gespräche, in denen er Niels Heithuis aus seinem Leben erzählt. Der Sonntagmorgen ohne A.L. Snijders wird anders sein.

11.06.2021 – Dietrich Leder/MK

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