Irrsinniges Hin und Her ums (Nicht‑)Weitersenden: Nie wieder eine Beschäftigung mit Servus TV

21.10.2016 •

Kolumnisten, stöhnen Kolumnisten regelmäßig, müssen ihre Kolumne stetig und regelmäßig schreiben, denn schrieben sie diese nicht, gäbe es sie nicht, so dass sie das, was sie fortan schrieben, umbenennen müssten. Also schreiben sie weiter und immer dann, wenn ihnen nichts einfällt, was sie in ihrer Kolumne aufspießen könnten, in erster Linie darüber, wie schwer es sei, jeden Tag oder jede Woche diese Kolumne, die man gerade liest, auch irgendwie zu füllen. Spätestens dann merken die meisten Leser, dass der Kolumnist seine Aufgabe sehr ernst nimmt und sich selbst wichtiger, als es auch für ihn gut ist. Denn die ritualisierte Lektüre einer Kolumne entspricht jener gewohnten Geste, mit der man die Reklamebeilagen aus der Tages- oder Wochenzeitung herausschüttelt, oder den Leitartikel, in dem die Welt erklärt wird, überschlägt. Von dem, was man in der Kolumne liest, bleibt selten etwas hängen, es sei denn, der Kolumnist selbst erinnert daran, weil ihn diese oder jene Reaktion, die er sorgsam provoziert hat, tatsächlich auch erreichte.

Dieses Journal, daran führt kein Weg vorbei, ist leider auch eine solche Kolumne. Doch die Selbstreflexion unterbleibt an dieser Stelle, nicht weil sich der Autor unwichtiger nähme als andere Kolumnisten, sondern weil die Medien so viel an Abhub produzieren, dass das Schreiben gleichsam automatisch geschieht. In dieser Woche – so viel eitle Selbstbespiegelung muss sein – gab es gleich mehrere Ereignisse, die in diese Kolumne gehört hätten. Etwa das „interaktive Fernsehereignis“ des Jahres namens „Terror“ am Montag (17. Oktober) in der ARD, bei dem man zur Abstimmung über ein Urteil entweder die eine Telefonnummer anrufen durfte oder die andere: Höhepunkt der Demokratie in Deutschland! Oder das dritte TV-Duell der beiden Kandidaten um die US-Präsidentschaft, das live um 3.00 Uhr in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag (19./20. Oktober) im ZDF zu sehen war und das seinen Höhepunkt erlebte, als Donald Trump seinem Ruf als erstem Pubertanden unter den Kandidaten alle Ehre machte, indem er sinngemäß sagte, dass eine Wahl, die er verlöre, nur eine gefälschte Wahl sein könne. Oder der zweite Teil jenes Sonderausgabenduetts von „Wetten, dass..?“, das Jan Böhmermann für sein „Neo Magazin Royale“ (ZDFneo) veranstaltete; da wartete er im zweiten Teil am Donnerstag (20. Oktober) zu Beginn mit einem Knalleffekt auf, der alle aufweckte, die im ersten Teil einen Höhepunkt vermisst hatten.

Nein, nichts zu alldem hier in diesem Journal. Stattdessen an dieser Stelle eine letzte – und das ist ernst gemeint –, eine absolut letzte Anmerkung zu jenem österreichischen Fernsehsender, der sich Servus TV nennt, dem aber das Servussagen äußerst schwerfällt. Am vergangenen Dienstag (18. Oktober) wurde nämlich bekannt, dass der Privatsender seinen Betrieb in Deutschland nun auch über 2016 hinaus fortführen werde.

Zur Erinnerung: Im Mai 2016 hatte Servus-TV-Besitzer Dietrich Mateschitz das Ende für den Sender angekündigt. Er verwies damals auf untragbar hohe Kosten. In Wirklichkeit hatte er sich über das Ansinnen der Mitarbeiter, eine Art Betriebsrat gründen zu wollen, derart geärgert, dass er wie ein Duodezfürst den Laden gleich ganz zu schließen beschloss.

Als die Mitarbeiter prompt den Kotau vor seiner Gnaden machten und auf ihr Ansinnen mit Abscheu verzichteten, war einige Tage wieder alles gut: Der Sender dürfe weitermachen, ließ sein Besitzer verkünden. Vor knapp drei Monaten kam dann – so dachte man – zumindest das Aus für Verbreitung des Programms in Deutschland und der Schweiz. Zwar kuschten die Mitarbeiter weiter vor ihrem Herrn, aber die Wirtschaftszahlen blieben schlecht. Deshalb sollte der Sendebetrieb außerhalb Österreichs zum Ende dieses Jahres eingestellt werden. Nun also die nächste Kehrwende: Servus TV sendet in Deutschland doch weiter. Weil es, so verlautete dazu, eine „sehr positive Resonanz von Fernsehzuschauern, Kunden und Agenturen“ gegeben habe. Auf die Ankündigung, die Ausstrahlung in Deutschland (und der Schweiz) einzustellen? Oder auf die Möglichkeit einer erneuten Rückzugs vom Rückzug? Was für ein Hin und Her innerhalb kürzester Zeit!

Nein, mit diesem Irrsinn, der sich vermutlich nur durch den stetigen Konsum jener klebrigen und schlecht schmeckenden Brause erklärt, aber nicht entschuldigen lässt, mit der Mateschitz jenen Reichtum anhäufte, mit dem er sich mehrere Fußballvereine, einen Formel-1-Rennstall und eben auch einen Fernsehsender hält wie andere vielleicht Hunde oder Reitpferde, wird sich diese Kolumne nicht mehr beschäftigen.

21.10.2016 – Dietrich Leder/MK

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