Intendantenwahl beim ZDF: Wie eine schwach gewordene Partei noch einmal Macht beweisen will

07.06.2021 •

Tina Hassel wirkte nervös. Sie versprach sich des öfteren, verschluckte Silben und wirkte ein wenig fahrig. Ob es daran lag, dass sie sich am Sonntag (6. Juni) in der „Berliner Runde“, die im Ersten das Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt diskutieren sollte, nur Männern gegenübersah, von denen einige durchaus auf Krawall aus zu sein schienen? Oder lag ihre Nervosität an einer Nachricht, die offiziell zwei Tage zuvor vom ZDF bestätigt worden war, dass Tina Hassel nämlich eine von zwei Personen sei, die aus dem Fernsehrat des Senders für die Nachfolge des Intendanten Thomas Bellut vorgeschlagen worden war? Sie sei deshalb zu einer Sitzung des erweiterten Präsidiums des Fernsehrats am 15. Juni eingeladen worden, ebenso wie ihr Konkurrent in Sachen Intendantenwahl, der derzeitige ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler.

Tina Hassel, die seit 2015 das Hauptstadtstudio der ARD in Berlin leitet, ist eine Überraschungskandidatin. Vorgeschlagen wurde sie aus einer Fraktion des ZDF-Fernsehrats, die es offiziell gar nicht gibt, nämlich dem „roten Freundeskreis“, der sich um die SPD-Vertreter im Gremium bildet. Er ist das Pendant zum „schwarzen Freundeskreis“, in dem sich die CDU/CSU-nahen Fernsehratsmitglieder versammeln. Beide Freundeskreise haben seit der Gründung des ZDF im Jahr 1963 die Personalpolitik des öffentlich-rechtlichen Senders bestimmt. Mitglied in einem der beiden Freundeskreise wurde man – berichteten manche, die zum ersten Mal in den Fernsehrat gewählt worden waren – nahezu zwangsweise; man hatte sich einem der beiden Lager zuzurechnen (selbst wenn man sich selbst eher als ‘neutral-grau’ betrachtete).

Spätestens seitdem 2014 das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe die jahrzehntelange Besetzung des ZDF-Fernsehrats mit überwiegend Politikern aus den Parlamenten, der Bundesregierung und den Landesregierungen als verfassungswidrig bezeichnet hatte (vgl. FK-Artikel), war der Einfluss der Freundeskreise geschrumpft. Intendantenwahlen, die noch 2002 zu einem tagelangen Tauziehen beider Freundeskreise mit erstaunlichsten Kandidatenbenennungen ausarteten, gingen seither wesentlich schneller und oft einvernehmlich über die Bühne.

Nachdem der amtierende Intendant Thomas Bellut am 2. März dieses Jahres seinen Verzicht auf eine erneute Kandidatur bekanntgegeben hatte (vgl. MK-Meldung), rechnete deshalb auch niemand mit einer größeren Wahlauseinandersetzung. Es lief alles auf Norbert Himmler hinaus, der seit 2012 die Programmdirektion des ZDF leitet. Bellut hatte wie vor ihm die Intendanten Markus Schächter, der von 2002 bis 2012 amtierte, und Dieter Stolte, der von 1982 bis 2002 den Sender führte, ebenfalls der Programmdirektion vorgestanden.

Umgekehrt hat es bislang noch nie eine Person direkt aus dem journalistischen Bereich, also der Chefredaktion, auf den ZDF-Intendantensessel geschafft; Bellut hatte immerhin vor seiner Zeit als Programmdirektor in der Chefredaktion gearbeitet. Dieses Herkunftsprinzip kann man im Sender gut mit den vielgestaltigen Aufgaben eines Intendanten begründen, der sich in mehr Bereichen als in der Politik auskennen muss. Hinzu kommt beim ZDF die Sozialisation im eigenen Haus, die vor allem die Programmdirektoren nachweisen mussten. Viele ARD-Sender sehen das anders. Im WDR wählte der Rundfunkrat beispielsweise gerne Personen wie zuletzt Tom Buhrow zum Intendanten, deren Gesichter die Mitglieder des Aufsichtsgremiums von den Nachrichten- und Politiksendungen kannten.

Die Nominierung von Tina Hassel, die ihr gesamtes berufliches Leben im WDR verbrachte (vom Volontariat über ihre Korrespondentenposten bis zur Leitung des Hauptstadtstudios), war also im doppelten Sinn eine Überraschung – als politische Journalistin und als nicht im ZDF sozialisierte Person. Doch genau das spricht in einem so traditionsbewussten Sender wie dem ZDF, in dem die Büros streng nach Hierarchie vergeben werden, gegen sie.

Wieso wurde sie dann benannt und nun in ein Rennen geschickt, in dem sie eigentlich gar keine Chance hat, gewählt zu werden? Der erste Grund dafür ist stark. Tina Hassel wäre die erste Frau, die Intendantin des ZDF würde. Kein öffentlich-rechtlicher Sender hat Frauen bisher den Aufstieg in Hierarchiepositionen stärker erschwert als das ZDF. Nie war eine Frau beispielweise Programmdirektorin oder Chefredakteurin. Mit Karin Brieden, die 2014 Verwaltungsdirektorin wurde, hat es in 58 Jahren ZDF-Geschichte bis heute gerade erst einmal eine Frau in die Geschäftsleitung des Senders geschafft.

Aber das Argument, endlich einmal eine Frau an die Spitze des Mainzer Senders zu hieven, ist nur vorgeschoben. Denn wäre es den Frauen und Männern im „roten Freundeskreis“ damit ernst gewesen, dann hätten sie jemanden vorgeschlagen, die anders als Tina Hassel im ZDF sozialisiert wurde und dort schon Leitungsfunktionen innehatte. Bettina Schausten, derzeitig stellvertretende Chefredakteurin, oder Heike Hempel, momentan stellvertretende Programmdirektorin, hätten sich zum Beispiel dafür angeboten.

Dass keine von diesen beiden vorgeschlagen wurde, sondern Tina Hassel, weist daraufhin, dass es dem „roten Freundeskreis“ um etwas anderes geht. Tina Hassel gilt nach mancher unglücklich formulierten Erklärung, die sie über Twitter verbreitete, als Sympathisantin einer grün-roten Koalition im Bund. Der Vorschlag muss also als eine Art von rhetorischer Übung betrachtet werden, mit dem der „rote Freundeskreis“ vielleicht ein letztes Mal angesichts der immer schwächer werdenden Wahlergebnisse der SPD seine Existenz und seine Bedeutung im ZDF-Fernsehrat und damit im öffentlich-rechtlichen Rundfunk beweisen kann. Wie schwach die SPD mittlerweile geworden ist, bewies ja die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, deren Ergebnis Tina Hassel am Sonntag diskutieren ließ. Nach dem vorläufigen Endergebnis erreichte die SPD gerade einmal 8,4 Prozent der Stimmen.

Was der SPD-Freundeskreis in Sachen ZDF-Intendantenwahl veranstaltet, sieht nach einer Machtdemonstration um der Macht willen aus. Ob das zum Nutzen des ZDF ist, scheint dabei eine nachgeordnete Frage zu sein. Einen einzigen Vorteil hat die rhetorische Übung dann womöglich aber doch: Norbert Himmler stünde nach seiner zu erwartenden Wahl in der Pflicht, die Zahl der Frauen in der Geschäftsleitung des ZDF zu erhöhen. Dafür hatte Volker Nünning bereits am 2. März hier in der MK ein mögliches Personaltableau skizziert. Demnach übernähme Heike Hempel von Himmler die Programmdirektion und Bettina Schausten würde, wenn Peter Frey im September 2022 aus Altersgründen sein Amt abgibt, neue Chefredakteurin. Mit Karin Brieden wäre die sechsköpfige Geschäftsleitung des ZDF zum ersten Mal paritätisch mit Frauen besetzt. Die drei Männer neben ihnen wären Norbert Himmler, Justiziar Peter Weber und Produktionsdirektor Michael Rombach.

07.06.2021 – Dietrich Leder/MK

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