Im Rückblick auf 2019: Streaming war das große Ding des Jahres

14.01.2020 •

Was 2019 angeht, ist eines klar: Streaming war das große Ding des Jahres. Nicht wegen irgendwelcher Serien, die Kritiker bei Netflix oder Amazon Prime Video oder sonstwo gesehen hatten und prompt im öffentlich-rechtliche Fernsehen, das sie angeblich nicht mehr wahrnahmen, deutlich vermissten. Streaming war das große Ding, weil 2019 weitere Plattformen hinzukamen und das Angebot damit immer weiter wuchs und wächst.

Am 1. November startete weltweit Apple TV plus. Elf Tage später begann Disney plus zunächst in den USA und in Kanada, was Europa angeht, zunächst nur in den Niederlanden; in Deutschland ist der Start für den 31. März 2020 angekündigt. Die nur in den USA zu zugängliche Plattform Hulu wurde am 17. November ergänzt durch Hulu plus – so viel plus war selten in der Medienwelt, wobei die Unternehmen selbst bei der Schreibweise jeweils das mathematische Pluszeichen benutzen. Hulu plus hat unter anderem auch ältere Serien im Angebot, aber seine weitere Zukunft wie auch die der Stammplattform Hulu ist unsicher, da hier der Disney-Konzern die Mehrheit übernommen hat, der ja nun sein eigenes Portal startete. Auch der US-Pay-TV-Sender HBO, der viele Jahre für die wichtigsten Fernsehserien verantwortlich war, wird mit HBO Max ein Streaming-Portal erhalten. Es sollte ursprünglich schon im Herbst 2019 auf dem Markt sein, doch dann wurde der Start auf Mai 2020 verschoben. HBO gehört zum Unternehmen Warner Media, das durch die Fusion mit Großkonzern AT&T über genügend Kapital verfügt, auch eine längere Durstrecke durchzustehen.

Etwas spät ist auch NBC Universal dran, das zum Comcast-Konzern gehört. Man will im April 2020 unter dem Namen Peacock (deutsch: Pfau) ein Streaming-Portal starten, was insofern eine gewisse Logik hat, als ein stilisierter Pfau das Logo von NBC darstellt und ja für die Medienwelt insgesamt passt. Von der Ausgestaltung dieses Angebots hängt auch die Zukunft des Pay-TV-Senders Sky in Deutschland ab, der ja über Sky Europe seit 2018 zu Comcast gehört. In der deutschen Zentrale von Sky in München ging es jedenfalls drunter und drüber. Während die Redaktion kräftig Aufträge für die Stoffentwicklung und die Produktion deutscher Serien erteilte, trennte man sich nacheinander von einer Reihe von Vorgesetzten. Dazu gehörte Carsten Schmidt, ab 2015 Vorsitzender der Geschäftsführung, der Ende des Jahres Sky Deutschland verließ. Ihm folgte mit Devesh Raj jemand nach, der wohl im Auftrag von Comcast nach Einsparpotenzialen suchen soll. Dazu passt, dass der Sender ab der Spielzeit 2021/22 die Live-Rechte für die Fußball-Champions-League an DAZN und Amazon verliert.

Doch was auf den ersten Blick für Sky wie ein Verlust aussieht, kann sich im nächsten Jahr als geschickter Schachzug herausstellen, wenn es um die Neuvergabe der Übertragungsrechte an der Fußball-Bundesliga gehen wird. Denn mit dem Sportstreamer DAZN und der Deutschen Telekom, die bereits ihr Interesse angedeutet haben, treten hier zwei weitere zahlungskräftige Konkurrenten an. Sky wird also sehr viel Geld aufwenden müssen, um zumindest das derzeitige Bundesliga-Rechtepaket (Live-Übertragungen der Spiele an Samstag und Sonntag) halten zu können. Das Geld, das der Pay-TV-Sender bei der Champions League einspart, kann er nun in die Bundesliga, die ein deutlich geringeres Geschäftsrisiko darstellt, investieren. Wenn Sky und vor allem Comcast das denn wollen. Aber eigentlich bleibt ihnen keine Wahl, sie müssen es wollen, denn ohne Fußball-Bundesliga wär’s mit Sky wohl so gut wie vorbei.

In Deutschland eröffnete am 18. Juni die Pro-Sieben-Sat-1-Gruppe gemeinsam mit dem US-Konzern Discovery das Streaming-Portal Joyn, an dem beide je 50 Prozent halten. Neben exklusiven eigenproduzierten Inhalten werden hier vor allem die Programme der Sender der beteiligten Firmen angeboten, darüber hinaus gibt es Angebote diverser anderer Sender, darunter auch die öffentlich-rechtlichen Programme von ARD und ZDF. Man wolle, erklärten die beteiligten Manager, „die breiteste Plattform“ in Deutschland bieten. Und um noch einmal auf die Sache mit dem Plus zurückzukommen: Joyn schaffte es, hier noch eins oben draufzusetzen, indem das auf der Plattform buchbare und kostpflichtige Zusatzangebot (etwa mit der ein oder anderen exklusiven Serie) „Joyn plus+“ genannt wurde.

Eine gemeinsame Streaming-Plattform aller deutschen Sender, ob privat oder öffentlich-rechtlich, war früher aus Kartellgründen nicht zustande gekommen. Nun hätte es mit Joyn ja fast etwas werden können, doch da spielte die private Konkurrenz von RTL nicht mit, die mit TV Now ihr eigenes Streaming-Angebot hat. In einigen europäischen Ländern ist die Lage anders als in Deutschland. In Frankreich kooperieren die öffentlich-rechtlichen Sender mit den beiden großen privaten Anbietern TF 1 und M6 bei der Streaming-Plattform Salto, die im Frühjahr 2020 starten soll. Und in Großbritannien haben sich auf ähnliche Weise die BBC und ITV für ein BritBox genanntes Portal zusammengeschlossen. Dessen Start war zunächst noch für 2019 geplant, wurde dann aber auf Anfang 2020 verschoben.

Neben dem Kartellrecht gibt es noch das klassisch über die Staatsverträge bestimmte Medienrecht. Hier wird die spannende Frage in der Zukunft lauten, ob die Deutsche Telekom auf ihrer Streaming-Plattform Magenta TV tatsächlich Spiele der Fußball-Europameisterschaft 2024 ausstrahlen darf, wofür die Telekom sich 2019 vom europäischen Fußballverband UEFA die Rechte erwarb. Denn die Übertragung eines Fußballturniers stellt klassisches Programm dar, müsste also als Rundfunk lizenziert werden. Das wiederum geht aber nicht, da der Staat an der Deutschen Telekom AG noch beträchtliche Anteile hält (insgesamt rund 32 Prozent) – und dem Staat ist hierzulande jedwede Rundfunktätigkeit untersagt.

Ab wann gilt nun ein Internet-Angebot als lizenzierungspflichtiger Rundfunk? Bei einem bayerischen YouTuber namens „Drachenlord“ beispielsweise, der sich auf der Plattform YouNow manchmal mehrmals am Tag live zur Wort meldete, sah es die Zulassungs- und Aufsichtskommission (ZAK) der Landesmedienanstalten so, dass er für seine Live-Übertragungen eine Lizenz benötige, weil er sich mit diesem regelmäßen Angebot an die Allgemeinheit wende und zur öffentlichen Meinungsbildung beitrage. Die Bayerische Landeszentrale für neue Medien (BLM) sollte ZAK-Entscheidung dann durchsetzen. Weil es bei der Medienanstalt so viele Anfragen zu dem Fall gab, veröffentlichte die BLM dazu im Oktober extra Erläuterungen („FAQs zum Aufsichtsfall Drachenlord“). Bislang gilt für Streaming-Angebote die Lizenzierungspflicht, wenn ein Programm, was eine zeitlich verortete Struktur des Angebots meint, auf das Interesse von mindestens 500 Zuschauern stößt. Im neuen Medienstaatsvertrag, auf den sich die Ministerpräsidenten im Dezember verständigten und der im September 2020 in Kraft treten soll, wird die Zahl der gleichzeitigen Nutzer auf 20.000 hochgesetzt.

Verglich man in den späten 1980er Jahren die Investitionen in ein neu zu gründendes Fernsehvollprogramm mit denen für ein zu errichtendes Stahlwerk, müsste man heute die Kosten der Streaming-Plattformen mit denen eines Verbundsystems aus Kohleförderung, Eisengewinnung und Stahlerzeugung gleichsetzen. Den enormen Investitionen stehen große Risiken gegenüber, da weltweit sicher nicht mehr als vier Anbieter überleben werden. Denn noch ist vielen Konsumenten nicht bewusst, wie viel Geld sie für die diversen Portale und dann noch ihren Pay-TV-Vertrag ausgeben. Geklagt wird absurderweise am meisten über den für die öffentlich-rechtlichen Programme zu zahlenden Rundfunkbeitrag, für den jeder Zuschauer noch das umfangreichste Angebot für einen moderaten Preis erhält.

Erst langsam wächst das Bewusstsein, was ein auf viele Plattformen zersplittertes Fernsehen an Strom verbraucht. Man kann das mit dem Verkehr vergleichen. Der gesellschaftliche Unsinn, dass in den meisten Autos, die auf europäischen Straßen fahren, nur eine Person sitzt, die für sich das Recht des Individualverkehrs reklamiert, ist mit dem non-linearen Fernsehen vergleichbar, das ja auch als große Freiheit gefeiert wird. Dass ein und dieselbe Serie auf einer Streaming-Plattform von Hunderttausenden Menschen um wenige Minuten zeitversetzt geschaut werden kann, statt zu einer festgesetzten Zeit in einem Fernsehprogramm, hat nur etwas mit Bequemlichkeit zu tun. Dies als Freiheit zu verkaufen, könnte man als letzten Triumph des Neoliberalismus bezeichnen. Bis eines Tages die Energie- und deren ökologischen Folgekosten auf die gesellschaftliche Rechnung gesetzt werden.

14.1.20 – Dietrich Leder/MK

* * * * * * * * * * * * * * *

Dieser hier vorab veröffentlichte Text ist Teil des großen TV-Jahresrückblicks 2019 von Dietrich Leder in Heft Nr. 1/2020 der „Medienkorrespondenz“. Die Druckausgabe erscheint am kommenden Freitag (17. Januar).

14.01.2020 – MK