Hybris, Hysterie, Hochnäsigkeit: Eine Bilanz der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 im Fernsehen 

18.07.2018 • Als am 27. Juni die deutsche Fußball-Nationalmannschaft nach schwacher Leistung und einer 0:2-Niederlage gegen Südkorea bei der Weltmeisterschaft 2018 in Russland bereits nach der Vorrunde verdientermaßen ausgeschieden war, hatte das für ARD und ZDF nicht nur negative Auswirkungen (Zuschauerverluste und niedrigere Werbeeinnahmen), sondern auch positive Folgen. Die Sender konnten von nun an auf die peinliche Hofberichterstattung verzichten, zu deren Zweck Katrin Müller-Hohenstein (ZDF) und Gerhard Delling (ARD) im Quartier der deutschen Mannschaft geparkt worden waren. Wie die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw kehrten beide schon nach knapp zwei Wochen WM in die Heimat zurück. Das verkürzte das – weiterhin immer noch großflächige – Programm, das beide Sender abwechselnd dem sportlichen Ereignis widmeten.

Ein weiterer Vorteil: Die Moderatoren beider Sender, die nebst den Fachleuten von Baden-Baden aus im gemeinsam genutzten Studio ihren Dienst verrichteten, mussten nicht mehr krampfhaft die endlosen Minuten vor den Spielen der deutschen Mannschaft mit Nichtigkeiten aller Art füllen (vgl. dazu dieses Journal). Noch ein Vorteil: Endlich wurde die Schüco-Reklame für Fenster ausrangiert, in der Joachim Löw auf unglaublich lässig tat. Auch weitere Werbespots mit den Stars der deutschen Mannschaft verschwanden in der Versenkung. Nur Mercedes-Benz konnte es nicht lassen, den Spot weiter zu schalten, mit dem der Slogan „Best Never Rest“, der offizielle Claim der deutschen Mannschaft, vermarktet wurde. Den Slogan wie den ebenso strunzdummen Hashtag #ZSMMN hatte sich der Manager der deutschen Mannschaft, Oliver Bierhoff, ausgedacht, dessen überhebliche Auftritte zu den unerfreulichsten Erscheinungen der ersten WM-Woche gehörten. Ebenso unerfreulich die Selbstinszenierungen von Bundestrainer Löw, der sich beim Aufenthalt in Sotschi – dem Austragungsort des zweiten Gruppenspiels der Deutschen, das sie gegen die Schweden in letzter Sekunde noch mit 2:1 gewannen – in coolen Posen an der Strandpromenade ablichten ließ.

Im Rückblick war es nichts anderes als Hybris, die zum Ausscheiden der deutschen Mannschaft geführt hatte. Das Team um Löw und Bierhoff war sich seiner Sache zu sicher gewesen. So missriet ihnen vieles: Es gelang beispielsweise dem Trainer und dem Manager nicht, die Auseinandersetzungen in der Mannschaft zu moderieren. Das Leistungsprinzip hatte Löw schon mit der Nicht-Nominierung von Leroy Sané in den Kader außer Kraft gesetzt. Und der Konflikt um das Reklamefoto, das Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan zeigt, wurde von Joachim Löw und Oliver Bierhoff noch nicht einmal begriffen.

Mit dieser Fotoaktion – zu der es Mitte Mai und damit vier Wochen vor dem Beginn der WM am 14. Juni gekommen war – hatten sich Özil und Gündogan interessanterweise bei rechten wie auch bei manchen linken Fußballfans gleichzeitig unbeliebt gemacht. Während von linken Anhängern darin ein Kotau vor einem Staatspräsidenten gesehen wurde, der in seinem Land politisch Andersdenkende verfolgt und ins Gefängnis steckt, begriffen die rechten Fans die Aktion der beiden Nationalspieler als eine an Verrat grenzende Anbiederei an den Staatschef des Landes, aus dem ihre Eltern nach Deutschland gekommen waren. In die Hysterie der Debatte mischten sich dann auch bald rassistische Äußerungen, mit denen manche Fanatiker gleichsam den beiden Spielern die deutsche Staatsangehörigkeit absprechen wollten. Dass Bierhoff sich nach der Rückkehr nicht entblödete, Özil zum Sündenbock für die schwache Mannschaftsleistung zu erklären, war dann der Höhepunkt der Peinlichkeit, zu der auch der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Reinhard Grindel, armselige Bemerkungen beisteuerte.

Von Erklärungen zur deutschen Mannschaft befreit konnten bei ARD und ZDF die Experten im Studio in Baden-Baden ab dem Achtelfinale über die Überraschungen dieser WM laut staunen: dass beispielsweise das englische Team auf einmal das Elfmeterschießen beherrschte, dass die Franzosen diszipliniert verteidigten, dass Lionel Messi durch eine Manndeckung ausgeschaltet werden konnte, dass die Kroaten immer dann, wenn man sie abschreiben wollte, zurück ins Spiel kamen, dass die Belgier den Brasilianern an Spielkultur überlegen waren und dass es neben den zahlreichen Elfmeterschießen auch viele Elfmeter aus dem Spiel heraus gab. Wie bei jeder WM gab es auch bei dem Turnier in Russland hinreißende Partien, aber auch manchen müden Kick. Mitunter war das politische Sommertheater, das Bundesinnenminister und CSU-Vorsitzender Horst Seehofer inszenierte, spannender als viele Spiele der Vorrunde. Mit Grauen dachte man da an die Aufblähung der Weltmeisterschaft eventuell sogar schon ab 2022 in Katar. Denn dann wird die Zahl der miserablen, weil langweiligen Begegnungen deutlich zunehmen, wenn insgesamt 48 und nicht mehr wie bisher 32 Mannschaften teilnehmen.

Die Live-Regie hatte es sich bei den Spielübertragungen aus Russland zur Aufgabe gemacht, den Chef des Weltfußballverbandes FIFA, Gianni Infantino, bei jeder Partie, der er zuschaute, auf seinem Ehrenplatz zu zeigen, auf dem er wie ein Herrscher Hof hielt. Das Infantino-Bild gehörte wie die Aufnahme aus dem Raum, in dem die Videoschiedsrichter – alle im Referee-Trikot! – saßen, zur Pflicht jeder Live-Übertragung. Gewissermaßen zur Strafe wurde Infantino dann pitschnass, als es nach dem Finale, in dem die Franzosen durch einen 4:2-Sieg über Kroatien Weltmeister wurden, bei der Siegerehrung in Moskau stark regnete. Der erste Regenschirm, den die Organisatoren auftreiben konnten, wurde dann über dem russischen Staatschef Wladimir Putin aufgespannt, während die kroatische Staatspräsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic und ihr französischer Amtskollege Emmanuel Macron lange im Regen stehen gelassen wurden.

Unter den Live-Kommentatoren grassiert, das wurde bei den Spielübertragungen deutlich, weiter die Phraseologie. Permanent wurde irgendetwas „fokussiert“, das „Zentrum verdichtet“ oder „bespielt“, das „Spiel griffiger“, ein Ergebnis „positiver gestaltet“, wurden Bälle „festgemacht“ und „offensive Impulse“ gesetzt. Die peinlichste Leistung bot Béla Réthy ausgerechnet, als er das Endspiel kommentierte. Réthy liegt öfter bei Spielübertragungen mit Beschreibungen und Wertungen daneben, obschon, das soll nicht unerwähnt bleiben, seine Bemerkung „Das ist hier alles keine Zeitlupe, das sind reale Bilder!“ beim Spiel der Deutschen gegen die Südkoreaner den traurigen Standfußball von Löws Team trefflich beschrieb.

Dass also Réthy beim Finale am 15. Juli mit der kroatischen Mannschaft sympathisierte, die als Außenseiter in die Partie gegen Frankreich gegangen war, konnte man ja noch hinnehmen. Auch, dass er den Elfmeter nicht gegeben hätte, den die Franzosen zum 2:1 verwandelten. Selbst die Tatsache, dass er mehrfach französische Spieler dunkler Hautfarbe miteinander verwechselte, mochte man zwar unwillig hinnehmen. Dass Réthy aber dann nach dem Abpfiff einen der besten französischen Spieler – Paul Pogba – als jemanden kritisierte, der „immer nur Quatsch im Kopf“ habe, war bereits eine Dummheit. Unverschämter dann noch sein Satz, dass Kylian Mbappé, der das vierte französische Tor mit einem herrlichen Flachschuss erzielt hatte, sich „bei der Schauspielschule von Neymar beworben“ habe, „aber das kriegt man ihm auch noch ausgetrieben“. Diese hochnäsigen, latent rassistischen Worte, denen zufolge gewissermaßen der junge dunkelhäutige Fußballer noch vom weißen Trainer nachzusozialisieren wäre, galten einem Spieler, der alle Einnahmen und Prämien dieser Weltmeisterschaft für soziale Zwecke spendet, wie er vor Beginn des Turniers erklärte.

Für die größte Schauspieleinlage der WM sorgte neben Brasiliens Superstar Neymar – der beim 2:0-Sieg seines Teams im Spiel gegen Mexiko im Achtelfinale den sterbenden Schwan gab – der Kroate Mario Mandžukić, als er im Halbfinale gegen England, das die Kroaten mit 2:1 gewannen, um den Verlust eines Beines zu bangen schien, auf dem er dann nach dem Abpfiff wie ein Wilder jubelnd herumhüpfte. Solche Jubel-Bilder liebten die Live-Regisseure, die im Auftrag der FIFA zu Werke gingen und sich an das vollgeschriebene Pflichtenheft der Auftraggeber streng halten mussten.

Ähnlich begeistert bevorzugten die TV-Regisseure bei den Zwischenschnitten auf das Stadionpublikum junge hübsche Frauen, als gäbe es den eher übergewichtigen männlichen Fan nicht mehr, der seinen Leib in ein Trikot der zu unterstützenden Mannschaft zwängte. Störungen des Fußballbetriebs wurden nicht oder kaum dargestellt. Als während des Endspiels drei Frauen und ein Mann, die Uniformen trugen, die denen von Polizisten ähnelten, auf das Feld stürmten, schaltete die Regie erst in die Totale der Führungskamera, in der man die Aktion nur erahnen konnte, um anschließend Nahaufnahmen von Spielern abseits des Geschehens zu zeigen. Wie sich später herausstellte, handelte es sich um Aktivisten der russischen Gruppe Pussy Riot, die mit der Aktion gegen die politischen Verhältnisse in ihrem Land protestieren wollten.

Eines hat die Weltmeisterschaft in Russland noch gezeigt: Der Videobeweis inklusive der Zusatzinformationen für die Fernsehzuschauer, wann was überprüft und wie entschieden worden war, hat sich bewährt. Die Bundesliga kann von diesem Verfahren nur lernen. Aber nun ist erst einmal Fußballpause.

18.07.2018 – Dietrich Leder/MK