Fusion von Springer und Pro Sieben Sat 1? Ein Gerücht aus New York, das die Branche beschäftigte, aber wenig realistisch erscheint

10.07.2015 •

Als am vorigen Dienstag (7. Juli) vom in New York erscheinenden „Wall Street Journal“ das Gerücht in die Welt gesetzt wurde, dass der Springer-Konzern („Bild“, „Die Welt“) und die Pro Sieben Sat 1 Media AG über eine Fusion verhandelten, sprang die gesamte Branche darauf an. Während die einen von der Marktgröße der aus einem solchen Zusammenschluss entspringenden Firma schwärmten, malten andere die Marktmacht an die Wand, die einem solchen Konstrukt aus Fernsehsendern, Tages- und Wochenzeitungen, Internet-Portalen und Dienstleistern aller Art eigen wäre. Dass die Phantasie derart ins Kraut schoss, hat seine Ursache in der spannungsreichen Geschichte, die beide Unternehmen bis auf den heutigen Tag verbindet. Diese Geschichte ist ein fünfaktiges Drama, das Event-Produzent Nico Hofmann längst verfilmt hätte, gehörte er nicht zum Konkurrenten Bertelsmann – und würde in dieser Branche nicht gelten: Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.

Akt 1: Zu den Gründungsgesellschaftern des Fernsehsenders Sat 1, dem Nukleus des heutigen börsengeführten Unternehmens Pro Sieben Sat 1 Media AG, gehörte im Jahr 1984 der Axel-Springer-Verlag auf gleich zweifache Weise. Er hielt direkt Anteile an Sat 1 und dann auch noch indirekt über einen Verbund von Tageszeitungsverlagen. Jahrelang subventionierten diese damals überaus reichen und liquiden Pressehäuser den Privatsender, an dem vor allem nur einer verdiente, der nämlich, der ihn mit Serien und Spielfilmen belieferte: Leo Kirch. Seine Beteiligung an Sat 1, die es von Anbeginn gab, war versteckt über Dritte organisiert. Zwar musste auch Kirch wie die anderen Gesellschafter über Jahre für die Verluste des Senders aufkommen, doch das wurde durch die Einnahmen aus seinen Lizenzverkäufen mehr als wettgemacht. Als Kirchs klammheimliche Teilhabe und – wie sich dann herausstellte – handfeste Einflussnahme auf das Programm von Sat 1 bekannt wurde, waren alle Zeitungsverleger wenig erfreut.

Akt 2: Zunächst jedoch kam Verlagsgründer Axel Springer mit Leo Kirch so gut aus, dass der Pressepatriarch ihm einen Teil der Aktien an seinem Unternehmen verkaufte, als er das Verlagshaus kurz vor seinem Tod in eine Aktiengesellschaft überführte. Doch Kirch wollte mehr als nur ein stiller Teilhaber sein. Klammheimlich und zum späteren Verdruss der Springer-Erben ging er mit anderen Teilhabern eine Allianz ein, um auf diesem Weg die Macht in dem Verlag zu übernehmen. Unter hohen Verlusten gelang es den Springer-Erben dann 1988 aber, diesen Plan zu durchkreuzen, indem man die Aktien der Kirch-Partner aufkaufte. Seither waren Springer und die Kirch-Gruppe zwar weiterhin geschäftlich miteinander verbunden, aber gesellschaftlich und politisch einander spinnefeind.

Akt 3: Als sich Leo Kirch aufgrund teuerster Investitionen in Sport- und Filmrechte für seine mittlerweile vielen Sender – darunter auch die Pay-TV-Plattform Premiere (heute Sky) – im Jahr 2002 überschuldet hatte, versetzte der Springer-Verlag der Kirch-Gruppe den Todesstoß, als er auf einer Option für den Verkauf von Anteilen an der mittlerweile gegründeten Pro Sieben Sat 1 Media AG bestand – zu einem zu diesem Zeitpunkt weit überhöhten, da vor Jahren festgesetzten Preis. Es steht zu vermuten, dass diese Aktion seinerzeit mit der Deutschen Bank abgesprochen war, die Leo Kirch selbst als den Urheber der dann wenige Monate später eintretenden Insolvenz seines Medienunternehmens benannte. Die für den Springer-Konzern im doppelten Sinne erfolgreiche Transaktion setzte dessen Vorstandsvorsitzender Mathias Döpfner durch, der seither höchste Sympathien bei Friede Springer, der Witwe und Erbin des Verlagsgründers, genießt. Vielleicht weniger wegen des Profits als wegen der Rache, die mit dieser Transaktion verbunden war.

Akt 4: Springer hatte durch den Verkauf seiner Pro-Sieben-Sat-1-Anteile allerdings den Kontakt zum Fernsehgeschäft verloren, obwohl auch in dieser Branche gerne weiter mitgespielt hätte. So versuchte der Verlag 2005 die mittlerweile aus der Insolvenzmasse herausgelöste Pro Sieben Sat 1 Media AG zu kaufen. Dem widersetzte sich die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK), die eine solche Übernahme angesichts der dadurch entstehenden Meinungsmacht untersagte. Gegen diese Entscheidung klagte Springer über einen langen Instanzenweg, um acht Jahre später vor dem Bundesverwaltungsgericht Recht zu bekommen: Die Entscheidung der KEK sei rechtswidrig gewesen, da der Kommission ein Fehler bei der Berechnung der Marktgröße unterlaufen sei. Zum Triumph bot dieses Urteil aber keinen Anlass. Zum einen war ein dem KEK-Beschluss ähnlicher Entscheid des Bundeskartellamts, mit dem die geplante Fusion aus wettbewerbsrechtlichen Gründen untersagt worden war, durch den Bundesgerichtshof bestätigt worden. Zum anderen hatte die Aktie der Pro Sieben Sat 1 Media AG inzwischen derart an Wert gewonnen, dass ein Kauf durch Springer nicht mehr zu finanzieren wäre.

Akt 5: Das neueste Gerücht über Fusionsgespräche basiert nun auf mehreren Sachständen. Zum einen hat die Meinungsmacht von Springer durch den Verkauf von Pressetiteln abgenommen. Zum anderen muss das Kartellamt heutzutage seinen Blick von den klassischen Fernseh-, Hörfunk- und Zeitungsmärkten auf das Internet ausweiten, wo längst ungleich größere Firmen tätig sind. Zum dritten braucht Springer zu seinem Nachrichtensender N 24, der bald – wie einfallsreich – in „Welt“ umbenannt werden soll, weitere Programme, um im TV-Geschäft sinnvoll wirtschaften zu können; umgekehrt hilft es der Pro-Sieben-Sat-1-Gruppe, wenn sie sich mit Springer zusammenschlösse, um Synergieeffekte herzustellen. Zum vierten verbindet beide Konzerne ein ähnliches Geschäftsmodell: Sie haben sich in den vergangenen Jahren an einer Fülle von kleineren und größeren Internet-Firmen beteiligt, von denen einige äußerst lukrativ sind. Finanziert wurden diese Zukäufe und Start-up-Beteiligungen über Anzeigen- und Werbespotschaltungen. Das Happy End einer langen Geschichte und eines großen Dramas scheint nahe.

Doch ein solches Ende kennt nur das Kino. Denn gegen eine derartige Fusion spricht die einfache Tatsache, dass nach dem derzeitigen Stand der Dinge Springer der kleinere Teilhaber des neuen Großunternehmens sein würde. Dass Friede Springer dem zustimmen würde, scheint deshalb mehr als zweifelhaft. Umgekehrt fehlt es dem Springer-Konzern an Kapital, um die Mehrheit an der Pro-Sieben-Sat-1-Gruppe zu erwerben, deren Aktienkurs auch seit 2014 weiter gestiegen ist. Realistisch erscheint das Fusionsgerücht also nicht, auch den Wert der beiden Aktien stimulierte es nur kurzfristig. Aber es ist ein Gerücht, das die Branche beschäftigte.

10.07.2015 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 6-7/2020

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