Fritz Pleitgen wird 80 oder: Was vielleicht der Grund dafür ist, dass eigenwillige Charaktere heutzutage nicht mehr in den WDR gelangen

21.03.2018 •

21.03.2018 •Klein war der Aufwand nicht gerade, den der Westdeutsche Rundfunk (WDR) betrieb, um seinen langjährigen Mitarbeiter und Intendanten Fritz Pleitgen, der am 21. März 1938 in Duisburg-Meiderich geboren wurde, zu seinem 80. Geburtstag, den er heute feiern kann, zu ehren. Der Autor und Regisseur des filmischen Ständchens, das am 16. März (Freitag) um 20.15 Uhr im Dritten Programm WDR Fernsehen unter dem Titel „Fritz Pleitgen zum 80. – Stationen eines Rastlosen“ ausgestrahlt wurde, begab sich mit dem Jubilar an entsprechende Stätten von dessen Wirken. Und so stand Fritz Pleitgen an Orten in Moskau und (Ost-)Berlin, in New York, Washington und Köln, von wo aus er als ARD-Korrespondent die deutschen Fernsehzuschauer über die fernen oder auch fremden Zustände aufklärte. Ihm war anzumerken, dass ihm das gefiel.

Das wäre leicht zu einer Hagiographie ausgeartet, besäße Pleitgen nicht eine souveräne Selbstironie. Zu seinem Einstieg beim WDR im Jahr 1963 sagte er selbst, dass das so nur damals möglich gewesen wäre. Heute würde er, der weder Abitur besaß noch eine Berufsausbildung abgeschlossen hatte, aber durchaus als Zeitungsjournalist aufgefallen war, in dem öffentlich-rechtlichen Sender nicht mehr fest angestellt werden. Da wird für eine angestrebte Redakteurslaufbahn nicht nur das Abitur, sondern auch ein abgeschlossenes Hochschulstudium und die Absolvierung eines hauseigenen Volontariats verlangt. Auf den Anschlussgedanken, dass es vielleicht dieses Eingangsvoraussetzungspaket ist, das nun verhindert, dass eigenwillige Charaktere, wie es Fritz Pleitgen ohne Zweifel bis heute einer ist, in den Sender gelangen, kommt er allerdings nicht.

Autor und Regisseur Klaus Martens zitiert aus dem Archiv eine Reihe von Sendungen von oder mit Pleitgen. Zu sehen ist ein Journalist, der eine gewisse Unerschrockenheit zeigt und sich zudem sprachlich anpassen kann. Ob er spontan den sowjetischen Staatschef Leonid Breschnew anspricht, US-Präsident Ronald Reagan eine unglaublich lange Frage stellt oder den kurzzeitigen DDR-Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz nach dem Gerücht über dessen angeblichen Alkoholismus fragt, Pleitgen findet stets einen Zugang zu den Mächtigen. Man kann diese Unerschrockenheit auch als eine Art von Sportivität bezeichnen. Pleitgen fliegt mit einem Starfighter mit und lässt sich für die ARD-„Tagesthemen“ unter Wasser interviewen. Diese Ausschnitte sind jedenfalls reizvoller als seine Auftritte in Fernsehunterhaltungssendungen – ob nun in der Harald-Schmidt-Show oder bei „Zimmer frei!“ –, in denen er vor allem seine Schlagfertigkeit und seine Gesangskünste demonstriert.

Klaus Martens hat nur wenige Wegbegleiter zu Pleitgen befragt. Der Liedermacher Wolf Biermann lobt dessen Äquidistanz nach oben wie nach unten in der Gesellschaft. Die heutige WDR-Chefredakteurin Sonia Mikich bezeichnet ihn als „Frauenförderer“, um in einem kleinen Nachsatz anzudeuten, dass er sich in dieser Eigenschaft durchaus auch widersprüchlich verhielt. Und der frühere WDR-Journalist und Ex-ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender darf – und da ist man schon beim Abspann – darauf verweisen, dass Fritz Pleitgen jemand sei, der stets viele Pläne verfolgt habe und vermutlich auch jetzt noch verfolge.

Die Passagen zwischen den Archivfunden und den Gesprächspassagen füllte Martens in dem 45-minütigen Film damit, dass Fritz Pleitgen durch diverse WDR-Gebäude geht. Man sieht ihn etwa im Vierscheibenhaus und im alten Funkhaus in Köln. Begonnen hatte der Film mit einer Teleeinstellung, die den damaligen Intendanten am Fenster seines späteren Büros in den WDR-Arkaden zeigte. Dort hat Martens seinen Protagonisten nicht in der Gegenwart aufgenommen. Der Grund ist einfach: Pleitgens Nachfolger Monika Piel und Tom Buhrow konnten mit diesem Büroglaskasten in den WDR-Arkaden, der sich im Sommer aufheizt und im Winter eher frisch wirkt, nichts anfangen. Sie gingen ins Vierscheibenhaus und dort in das Büro zurück, das auch Fritz Pleitgen zu Beginn seiner Intendanz 1995 bezogen hatte, ehe die WDR-Arkaden hochgezogen wurden. Man könnte das als leichte Andeutung von Kritik verstehen, die es ansonsten in diesem von Sympathie getragenen Beitrag nicht gab.

Herzlichen Glückwunsch zum 80., Fritz Pleitgen!

21.03.2018 – Dietrich Leder/MK

Geboren am 21. März 1938 in Duisburg-Meiderich: Zum 80. Geburtstag gab’s ein filmisches Ständchen

Filmbeginn mit den WDR-Arkaden in Köln: Hier waren Pleitgens Büros, als er Intendant des WDR war

Noch einmal für dieses Filmporträt zu Besuch in New York, wo er einst ARD-Korrespondent war: Fritz Pleitgen

Fotos: Screenshots


Print-Ausgabe 15/2020

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