FIFA-Pressekonferenz live bei Sky Sport News: Wie ein Mediendirektor sich bemühte, den Medien nichts zu sagen

29.05.2015 •

29.05.2015 • Am späteren Vormittag des 27. Mai (Mittwoch) konnte man beim Pay-TV-Sender Sky Sport News live miterleben, wie sich Walter De Gregorio, seines Zeichens Mediendirektor des Weltfußballverbandes FIFA, alle Mühe gab, knapp eine Stunde lang nichts zu sagen und möglichst noch weniger zu verraten – was auf einer Pressekonferenz, zu der De Gregorio selbst aktuell und kurzfristig eingeladen hatte und bei der eine große Anzahl Journalisten aus vielen Ländern anwesend war, nicht unbedingt einfach ist.

Immer wieder konnte man den FIFA-Mann beobachten, wie er sich alle Mühe gab, verbale Spitzen in den Fragen wacker zu ignorieren und nicht aus der Haut zu fahren. Es war für De Gregorio in seinem Job sicher der bis dahin schwierigste Tag, der schon denkbar schlecht angefangen hatte, als ihn an diesem Morgen um 6.00 Uhr die Nachricht erreichte, dass die Schweizer Polizei sieben führende Funktionäre der FIFA verhaftet hatte. Ihnen wird von der New Yorker Staatsanwaltschaft Betrug und Bestechlichkeit in einer Gesamthöhe von 150 Millionen Dollar vorgeworfen. Das Geld soll im Zusammenhang mit der Vergabe der Fußball-WM-Turniere an Russland (2018) und Katar (2022) geflossen sein. Allerdings werden auch noch Vorgänge bei der Vergabe der Weltmeisterschaft 2010 an Südafrika untersucht.

Unter den Verhafteten befinden sich mit zwei FIFA-Vizepräsidenten Personen aus der unmittelbaren Umgebung jenes Mannes, den Walter De Gregorio während dieser Pressekonferenz in Zürich bis zur Absurdität aus der Schusslinie zu bringen versuchte: Sepp Blatter, seit vielen, vielen Jahren Präsident der FIFA, der auf dem anstehenden Kongress des Weltfußballverbands noch einmal für das Spitzenamt kandidiert, obgleich er mittlerweile schon 79 Jahre alt ist und bei der letzten Wahl jede erneute Kandidatur in Abrede gestellt hatte. Ohne Blatter geht in der FIFA nichts, und wer ihm nicht folgt, hat in der Verwaltung des in der Schweiz angesiedelten Verbandes nichts zu suchen. So sicher wie De Gregorio ein Mann von Blatters Gnaden ist, sind es auch jene zwei (von mehreren) FIFA-Vizepräsidenten, die am Mittwoch verhaftet wurden. Doch das bedeutet für De Gregorio rein gar nichts. Er sagte allen Ernstes und ohne rot zu werden: „Der Präsident ist nicht involviert. Natürlich ist er der Kopf der FIFA. Aber er ist nicht involviert.“

An der Wiederholung des Satzes, dass Blatter nicht involviert sei, kann man erkennen, was hier gleichsam beschrien werden soll. Konsequenterweise folgte ein weiterer Pleonasmus: „Wenn die Mitglieder ihn in zwei Tagen wählen, wird er weiter der Präsident sein.“ In der Tat. Wenn er dennoch antritt – und er macht es –, und wenn sie ihn dennoch wählen. Doch die Journalisten geben nicht gleich auf, sie fragen nach. De Gregorio beschreibt auf Nachfrage die Gefühlslage von Sepp Blatter: „Der Präsident tanzt nicht in seinem Büro. Aber er ist entspannt, weil es eine Bestätigung ist, dass er nicht beschuldigt ist. Aber er ist kein glücklicher Mann heute.“

Auch hier wird die Wahrheit nur ungeschickt verborgen: Blatter ist nur deshalb entspannt, weil er nicht beschuldigt ist. Er ist nicht entspannt, weil er unschuldig ist. Dass er nicht beschuldigt ist, bestätigt ihn – nur, worin? Vermutlich: im Amt. Was De Gregorio nicht sagt, aber vermutlich zu Blatters Entspannung am meisten beiträgt: Als Beschuldigter hätte er anders als die ausländischen FIFA-Funktionäre, die verhaftet wurden, nicht zu befürchten, dass er an die USA ausgeliefert würde, da er Bürger der Schweiz ist.

Am Mittwochabend greift die ARD (wie auch viele andere Sender) das Thema im Ersten um 20.15 Uhr in einem zehnminütigen „Brennpunkt“ auf. Und sie wiederholt aus aktuellem Anlass die Dokumentation „Der verkaufte Fußball – Sepp Blatter und die Macht der FIFA“, einen Film von Robert Kempe und Jochen Leufgens, der bereits am 4. Mai gezeigt worden war (in der Reihe „Die Story im Ersten“). Bei allen Verdiensten insbesondere der Recherchen dieses Beitrags, der das absonderliche und hochherrschaftliche Verhalten der FIFA-Riege um Blatter offenlegte, hat er mindestens einen blinden Fleck. Das Geld, das an die FIFA-Funktionäre geflossen sein soll, kam zum einen aus den WM-Austragungsländern selbst; zum anderen kam es von denjenigen, die die Fernsehrechte an den WM-Turnieren gekauft hatten oder kaufen wollten. Und genau deshalb wäre auch die Frage zu stellen gewesen: Wie war es denn 2006 zur Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland gekommen? Doch die Frage unterblieb in dem Film.

An Sepp Blatter kann das damals nicht gelegen haben. Er hatte sich frühzeitig auf Südafrika festgelegt und hatte wacker Propaganda in vielerlei Form für seinen Wunschkandidaten betrieben. Doch dann muss irgendjemand einen der Funktionäre, die von Blatter auf Südafrika eingeschworen worden waren, im Wortsinne umgestimmt haben. Ein Delegierter vom FIFA-Kontinentalverband Ozeanien enthielt sich seinerzeit auf einmal der Stimme und damit hatte Deutschland eine mehr als Südafrika und Blatter das Nachsehen. Bei Stimmengleichheit nämlich hätte das Votum des FIFA-Präsidenten den Ausschlag gegeben, also Sepp Blatter. Wer damals den guten Mann – er kam aus Neuseeland – mit welchen Mitteln umgestimmt hatte, ist bis heute ungeklärt. Neben den üblichen Verdächtigen könnte daran jener Mann mitgewirkt haben, der die Fernsehrechte für diese WM erworben hatte und der mit dem Austragungsort Deutschland mehr Gewinn erzielte als mit Südafrika. Er ist wie der Delegierte aus Ozeanien längst verstorben.

Sepp Blatter selbst hatte an diesen merkwürdigen Vorgang vor zwei Jahren erinnert, als schon einmal Vorwürfe des Betrugs bei der WM-Vergabe an Russland und Katar laut geworden waren. Seine Bemerkung galt dabei nicht der Aufklärung obskurer Vorgänge in dem von ihm weitgehend beherrschten Weltfußballverband, sondern war nur ein verbaler Konter, der auf seine Kritiker im Deutschen Fußball-Bund (DFB) zielte. Vielleicht stimmt ja so mancher Delegierte auch deshalb für Blatter, weil der FIFA-Chef sonst über die, die gegen ihn sind, auspacken würde. So konnte man die Schlussworte von Walter De Gregorio auf der live übertragenen Züricher Pressekonferenz auch als Drohung deuten: „Wir sind dabei, noch Informationen einzuholen. Und dann werden wir sehen, was zu tun ist.“

29.05.2015 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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