Fernsehübertragungen vom Gedenken in Auschwitz: Eindrückliche Momente und unreflektierter Bildergebrauch

30.01.2015 •

30.01.2015 • Am vergangenen Dienstag (27. Januar) hatten sich nach 17.00 Uhr nacheinander das ZDF, N24 und n-tv von der Live-Übertragung der Veranstaltung verabschiedet, die in Polen zum Gedenken an die Befreiung des von den Nazis errichteten Vernichtungslagers Auschwitz vor 70 Jahren stattfand. Die Programme waren zuvor live bei den eindrücklichen Reden von drei Männern dabei gewesen, die das KZ-Martyrium überlebt hatten. Hinzu kamen im Rahmen der Übertragungen jeweils Gespräche im Studio, ebenfalls mit Überlebenden oder deren Angehörigen und mit Historikern.

Als die drei Sender ihre Übertragungen beendeten, ging die Gedenkfeier auf dem Gelände des damaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau jedoch weiter, wie man beim US-Nachrichtensender CNN sehen konnte. Nun verließ zunächst eine kleine Gruppe der Überlebenden das Zelt, das man vor dem Eingangstor des Lagers errichtet hatte, ihnen folgten die politischen Ehrengäste der Veranstaltung. Zu den Ehrengästen zählten Staatsmänner wie der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck, der französische Staatspräsident François Hollande und der niederländische König Willem-Alexander. Sie alle begaben sich nacheinander an jene Rampe, an denen die SS-Leute von 1942 bis 1944 die Selektion vorgenommen, also entschieden hatten, wer unmittelbar durch Gas ermordet wurde und wer erst noch schwerste körperliche Arbeit verrichten musste.

Es war an diesem späten Januar-Nachmittag in Polen sehr kalt. Auf dem Gelände lag an einigen Stellen noch Schnee. Die Rampe selbst und die Mahntafeln der Gedenkstätte waren allerdings freigeräumt. Und so entstand ein sehr markantes Bild, als die Überlebenden und die Gäste der Veranstaltung diese Strecke von mehreren hundert Metern begingen. Im Gegenlicht der Scheinwerfer sah man die Personen zunächst nur als Silhouetten, aber deutlich stieg ihre Atemluft von ihren Gesichtern auf. Eine unwirkliche Ruhe lag über diesen Bewegungen im Halbdunkel. Die polnische Live-Regie hatte Bilder vorbereitet, die mehrfach in diese Live-Übertragung eingeschnitten wurden. Es handelte sich um jene Parallelfahrten an den Elektrozäunen des Lagers entlang, die seit dem beispielgebenden Dokumentarfilm „Nacht und Nebel“ von Alain Resnais aus dem Jahr 1955 immer wieder aufgenommen werden. (Der Filmtitel gibt den deutschen Tarnnamen des Befehls zur Deportation des französischen Widerstands in die Konzentrations- und Vernichtungslager wieder.)

Während dieses Gangs, der fast eine Viertelstunde währte, spielte man – ob vor Ort oder allein für die Übertragung war nicht auszumachen – das „Adagio for Strings“ von Samuel Barber aus dem Jahr 1938 ein, das mit seinen spätromantischen Klängen als Sinnbild der Trauer gilt und mithin gerne bei Beerdigungen, aber auch in Spielfilmen verwendet wird. Eine wohlkalkulierte ästhetische Operation, deren Wirkung man sich vor dem Fernsehgerät nicht entziehen konnte, als die wenigen heute noch verbliebenen Überlebenden – jeweils begleitet und gestützt von jungen Männern und Frauen – an den Gedenktafeln je eine Kerze aufstellten. Doch die innere Anteilnahme an dem, was sie an diesem Ort und an diesem Tag der Erinnerung an ihre Befreiung durch die Rote Armee wohl empfunden haben mögen, verflog, als man sah, wie sich einige der Ehrengäste auf diesem Weg wechselseitig vor dem Lagerzaun oder einem dort postierten Transportwaggon fotografierten.

Diese absurde Praxis, Erinnerungsfotos aus Auschwitz aufzunehmen, verwies für einen Moment darauf, dass es nur vier damalige Fotografien aus dem Lager gibt, die nicht von den SS-Männern selbst (für private oder dienstliche Zwecke) aufgenommen wurden. Von diesen vier Fotos wurde nur eines – allerdings stark bearbeitet – in diesen Tagen wieder des Öfteren gezeigt; es war von Häftlingen aufgenommen und aus dem Lager geschmuggelt worden. Dieses Foto wurde ununterschieden genauso verwendet wie die Aufnahmen der Täter, um das Leiden der Opfer zu dokumentieren oder – anders gesagt – zu illustrieren.

Dieser unreflektierte Bildergebrauch geschah am Gedenktag und an den Tagen zuvor in zahlreichen Dokumentationen und Nachrichtenfilmen mannigfach. Ebenso problematisch erschien, dass in dem von US-Regisseur Steven Spielberg produzierten Film, der während der Gedenkveranstaltung eingespielt wurde, die größte Gaskammer, die von den Nazis vor ihrer Flucht gesprengt worden war, im 3D-Trick auferstand und von einer virtuellen Kamera durchquert wurde, als könne diese Darstellung irgendetwas von dem, was in der realen Gaskammer einst geschah, auch nur zu einem kleinsten Bruchteil wiedergeben.

30.01.2015 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 3/2020

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