Fernsehserientraum: Da wünschte man sich, dass Frank Underwood von der Fiktion in die Wirklichkeit spränge und eine Präsidentschaftskandidatur von Donald Trump verhinderte

26.02.2016 •

Die Hysterie um die Fernsehserien geht auch im neuen Jahr weiter. Da werden Produktionsaufträge, die beispielsweise Netflix an eine deutsche Firma richtet, wie Siegesmeldungen eines Feldzugs verbreitet. Da präsentieren die ARD und der Pay-TV-Sender Sky auf einer Pressekonferenz während der Berlinale die fürchterlich neue Nachricht, dass bald die Dreharbeiten zu „Babylon Berlin“ tatsächlich begännen – eine Serie von Regisseur Tom Tykwer, die die beiden Sender seit zwei Jahren regelmäßig ankündigen. Da gibt der US-Konzern Amazon bekannt, dass man für das hauseigene Videostreaming-Portal „Instant Video“ eine Serie mit dem deutschen Schauspieler Matthias Schweighöfer plane. Und alle, wirklich alle apportierten diese Information, die in ihrem Kern nichts anderes als geschickt lancierte Werbung für den Auftraggeber darstellt.

Spannender als dieses Ballyhoo, über das man selbstverständlich eine wunderhübsche Serie – ruhig auch mit Schweighöfer als Kopf einer Werbeagentur und Tykwer als Mann für besondere Bildeinfälle – drehen könnte, war da schon der konkrete Start neuer Serien oder neuer Serien-Staffeln jetzt im Fernsehen. Im ZDF begann am 14. Februar die dritte Staffel von „Die Brücke“, die hierzulande den Untertitel „Transit in den Tod“ trägt. Es handelt sich um eine Serie, die im Original aus Skandinavien stammt und von deren erster Staffel es längst ein auch in Deutschland gezeigtes US-Remake gibt. Nach den ersten beiden Staffeln hat es den Anschein, als ginge es diesmal noch düsterer zu. Wer will, kann übrigens sämtliche Folgen von „Die Brücke 3“ schon vor der Erstausstrahlung in der ZDF-Mediathek anschauen – ein Service des Senders für diejenigen, die lieber alles in einem Rutsch wegsehen, als Woche für Woche sonntags um 22.00 Uhr das ZDF einzuschalten, was sie vielleicht deshalb nicht wollen, weil sie beispielsweise lieber im Ersten Programm die parallel laufende Talkshow „Anne Will“ anschauen.

Beim Sender TNT Serie, den man beispielsweise über die Sky-Plattform oder über Kabelanbieter kostenpflichtig empfangen kann, läuft seit vorigem Montag (22. Februar) die dritte Staffel der norwegisch-amerikanischen Serie „Lilyhammer“. War Protagonist Johnny (Steve van Zandt) am Ende der zweiten Staffel in die USA zurückgekehrt, um einem alten Mafia-Feind den Garaus zu bereiten, sind zu Beginn der dritten Saison zwei seiner Spießgesellen in Rio de Janeiro, wo sich einer der beiden unsterblich in eine schöne Frau verliebt hat, die sich für ihn aber als einen potenziellen Drogenkurier interessiert, was natürlich erfordert, dass Johnny auch in Brasilien aktiv wird, während unterdessen in Norwegen sein Lokal angegriffen wird. Am chaotischen Handlungsverlauf mit seinen vielen Ortswechseln spürt man förmlich die Erschöpfung der ursprünglich starken Idee, einen amerikanischen Mafioso in ein beschauliches Städtchens Nordeuropas zu verpflanzen und aus der Kollision der unterschiedlichen Verbrechenskulturen viele Pointen zu schlagen.

Ähnliches steht auch für die vierte Staffel von „House of Cards“ zu befürchten, die in Deutschland Anfang März bei Sky Atlantic startet. Schon die dritte Staffel litt darunter, dass man sich weit vom englischen Original entfernte und sich zu diesem Zweck vor allem mit der US-amerikanischen Außenpolitik beschäftigte, worunter die Schärfe der Darstellung litt. Hinzu kommt, dass einem das Ekel Frank Underwood (Kevin Spacey) mittlerweile viel sympathischer erscheint. Was weniger an dessen immer noch finsteren Handlungsweise liegt, sondern viel mehr daran, dass ihm in Donald Trump, der sich derzeit um die Kandidatur als Präsidentschaftsanwärter der Republikaner bemüht, ein Konkurrent um die Krone des skrupellosesten Politikers der USA erwachsen ist. Ja, man wünschte sich angesichts all der martialischen Sprüche und Gesten von Trump, dass Underwood von der Fiktion in die Wirklichkeit spränge und eine Präsidentschaftskandidatur des Immobilienspekulanten verhinderte.

„House of Cards“ ist vom US-Streaming-Anbieter Netflix in Auftrag gegeben worden, wurde aber schon, lange bevor Netflix auch in Deutschland präsent war, hierzulande an Sky verkauft, so dass die Netflix-Abonnenten bis auf Weiteres nur die ersten drei Staffeln zu Gesicht bekommen und die vierte skurrilerweise also erst einmal Sky-Kunden vorbehalten bleibt. Zum Trost können die Netflix-Nutzer die zweite Staffel von „Better Call Saul“ sehen, die in Deutschland seit dem 16. Februar parallel zur Erstausstrahlung in den USA (dort in einem Pay-TV-Programm) freigeschaltet wird. Und sie können mit „Love“ seit Mitte Februar eine neue Serie anschauen, die mit Judd Apatow einer der erfolgreichsten Komödienregisseure der USA produziert hat. Es ging in den ersten vier Folgen in einer gemächlichen Darstellung darum, dass sich die beiden Hauptfiguren Mickey (Gillian Jacobs) und Gus (Paul Rust) in Los Angeles kennenlernen. Beide sind etwas älter als 30 Jahre und haben sich damit abgefunden, dass sie nur am Rande der Medienindustrie untergekommen sind.

Mickey arbeitet für einen Psychologen, der live im Radio Anrufer therapeutisch berät, während Gus als Lehrer eine Kinderschar auf dem Set einer Fernsehproduktionsfirma unterrichtet. Die zwei haben ihre einstigen Träume aufgegeben – sie wollte Schauspielerin werden, er Drehbuchautor – und schlagen sich nun desillusioniert durch das Leben, zu dem Drogen, Alkohol und Psychopharmaka gehören wie die tägliche gesunde Ernährung. Zu Beginn der ersten Folge trennen sich beide von ihrem jeweiligen Partner, aber selbst am Ende der vierten Folge sind Mickey und Gus nicht mehr als miteinander befreundet. „Love“ unterhält dank vieler absurder Nebenfiguren, zu denen Sektenprediger wie auch durchgedrehte, aber liebevolle Nachbarn gehören. Eine Sensation ist die Serie nicht, aber man schaut ihr in der Darstellung des Alltäglichen gerne zu, auch wenn der weitere Handlungsablauf vorhersehbar scheint.

Wenn der Faktor des Gerne-Zuschauens auch für all die neuen Serien gilt, die da in den letzten Tagen annonciert wurden, dann können neben den Zuschauern auch die Produzenten zufrieden sein. Aber die müssen diese Serien erst einmal fertigstellen.

26.02.2016 – Dietrich Leder/MK