Es spricht vieles gegen die Spiele von Tokio – aber dann entstand doch olympische Stimmung vor dem Fernsehgerät

02.08.2021 •

Sicher, vieles an diesen Olympischen Sommerspielen, die am 23. Juli (Freitag) eröffnet wurden, fällt denkbar merkwürdig aus. Beispielsweise, dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Veranstaltung ein Jahr nach der ursprünglichen Ansetzung gegen den Protest vieler Menschen in Tokio und Umgebung, wo die Spiele trotz Pandemie ausgetragen werden, durchgesetzt hat. Beispielsweise, dass die örtlichen Corona-Schutzverordnungen dazu führen, dass keine Zuschauer in den Stadien und an den Sportstätten weilen dürfen. Beispielsweise, dass man auf den Tribünen nur ordentlich maskierte Olympia-Funktionäre sieht, die den jeweiligen Wettkämpfen routiniert zusehen. Beispielsweise, dass diese Funktionäre dafür sorgen, dass alles Kritische ausgeblendet bleibt, nicht zuletzt weil die IOC-genehme Regie des Weltbildes, das die Sender, die von den Spielen berichten, übernehmen müssen, auf Spektakel und Emotionen setzt, dafür die Schattenseiten, zu denen Verletzungen, das leidige Thema Doping, aber auch politische Themen gehören, ausgeblendet bleiben.

Sicher, all das führt zu merkwürdig aseptischen Spielen, die gleichsam extraterritorial stattfinden, in die das reale Leben von Tokio nur als Tonstörung hineindrängt, zum Beispiel wenn man etwas vom Verkehrslärm außerhalb der Stadien hört, der nicht wie sonst vom Geräusch der Zuschaueratmosphäre übertönt wird. Aseptische Spiele, die aber in Deutschland von ARD und ZDF auf der einen und Eurosport auf der anderen Seite mit jenem hohen Aufwand übertragen werden, der sich seit mehr als 20 Jahren als Standard eingebürgert hat.

Das Dauergrinsen eines ARD‑Moderators

Die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF wechseln sich bei den Übertragungen wie gewohnt tageweise ab. Sie beginnen in ihren Hauptprogrammen nachts gegen 3.00 Uhr, wenn am Morgen japanischer Zeit die Wettkämpfe beginnen, und sie setzen die Berichterstattung bis gegen 17.00 Uhr fort, wenn in der japanischen Nacht die letzten Wettkämpfe enden. Online kann man über die Mediatheken live Wettbewerbe sehen, die in den Hauptprogrammen wegen attraktiver Konkurrenz nicht übertragen werden. Einige dieser Live-Bilder werden kommentiert, wobei sich ARD und ZDF hier nach Sportarten abwechseln und nicht nach Tagen, so dass man an einem ARD-Fernsehtag online den ZDF-Mann Béla Réthy eine Hockeyübertragung kommentieren hört. Andere Live-Bilder sind nur mit dem jeweiligen Originalton versehen.

In der Moderation wechseln sich im Ersten Programm der ARD Jessy Wellmer und Alexander Bommes und beim ZDF Katrin Müller-Hohenstein und Rudi Cerne ab. Sie haben keinen leichten Job, wenn sie da über Stunden aus dem Studio in Tokio das Geschehen zusammenfassen, zu den Live-Übertragungen diverser Sportarten überleiten und Interviews mit deutschen Sportlerinnen und Sportlern führen müssen. Das verlangt eine große Kenntnis der Fachtermini, der Namen der wichtigsten Personen, der Regeln und der sportlichen Verfahrensweisen ab.

Angesichts dieser enormen Aufgabe machen sie ihre Sache nicht schlecht. Ohne Bastian Schweinsteiger, der jüngst bei den Übertragungen von der Fußball-Europameisterschaft an ihrer Seite stand, wirkt Jessy Wellmer deutlich gelöster, auch wenn man über manche ihrer burschikosen Formulierungen geteilter Meinung sein kann. Rudi Cerne, der sich als ehemaliger Spitzensportler (unter anderem auch Olympia-Teilnehmer als Eiskunstläufer) noch am besten in die Situation der Athleten, die er zu befragen hat, einfühlen kann, wirkte sehr souverän, auch wenn ihm nicht jedes Interview gelang. Alexander Bommes kann einem mit seinem leichten Dauergrinsen, das eine falsche Souveränität signalisiert, spätestens ab der zweiten Stunde eines Übertragungstages auf die Nerven gehen. Katrin Müller-Hohenstein merkt man mitunter die Anstrengungen des Tages an, wenn sich die Ereignisse überschlagen und viele Namen und Daten von ihr rekapituliert werden müssen.

Ein kleiner randständiger Sender

Dass sowohl ARD und ZDF als auch der Privatsender Eurosport Olympische Spiele übertragen, ist nicht mehr ungewöhnlich; so ist es schon seit längerem. Nominell haben sich aber die Gewichte verschoben. Zur Erinnerung: Der Mutterkonzern von Eurosport, das US-Medienunternehmen Discovery, hatte 2015 die Rechte an den folgenden Olympischen Spielen der Jahre 2018 bis 2024 erworben, als es auf den massiven Ausbau seiner Sportprogramme setzte (vgl. hierzu diesen MK-Artikel). Anfangs schien es so, als würden ARD und ZDF ab dann nur noch kleinere Rechtepakete als Sublizenzen erwerben können.

Doch von der großen Marktoffensive von Eurosport – zu der ja auch 2018/19 der Erwerb von Live-Rechten an Spielen der Fußball-Bundesliga gehörte – ist nicht mehr viel übriggeblieben. Eurosport ist, auch wenn man sich den Slogan „Home of the Olympics“ gegeben hat, wieder der kleine randständige Sender, der er seit seiner Gründung 1989 gewesen ist. Und ARD und ZDF haben über Sublizenzen im Grunde dasselbe Rechtepaket erworben, als wenn sie dieses direkt beim IOC ersteigert hätten, und sie können somit sehr umfangreich übertragen.

Eurosport sendet in seinem Hauptprogramm mit dem Namenszusatz „1“, das kostenfrei nur in Standardauflösung (SD) und also nicht in HD ausgestrahlt wird, rund um die Uhr. Ruhen die Wettbewerbe in Tokio und Umgebung, sendet man Zusammenfassungen und Hintergrundberichte. Bei der kostenpflichtigen Streaming-Plattform Joyn kann man die Wettbewerbe verfolgen, die von Eurosport 1 nicht live übertragen werden. Zudem kann man beim ebenfalls kostenpflichtigen Sport-Streaming-Portal DAZN neben Eurosport 1 auch Eurosport 2, ebenfalls mit Olympia-Übertragungen, in HD-Qualität sehen. Bei Eurosport 1 moderieren jeweils paarweise Anna Kraft und Oliver Sequenz sowie Birgit Nössing und Wolfgang Nadvornik das Geschehen. Sie sitzen aber anders als ihre Kollegen von ARD und ZDF nicht in Tokio im Studio, sondern in München; das lässt sie auch dank der Doppelmoderation mitunter wacher als die Konkurrenz erscheinen.

In Zeiten der Pandemie

Auch viele der Eurosport-Kommentatoren verfolgen das Geschehen aus der Ferne, also am Bildschirm und nicht live vor Ort. Das verstärkt den aseptischen Eindruck dieser Fernseh-Spiele, bei denen bis in die Ansetzung der Wettbewerbe hinein der Einfluss der übertragenden und also das Spektakel finanzierenden Sender zu spüren ist. So fanden die Schwimm-Entscheidungen am japanischen Morgen, also nachts deutscher Zeit statt, damit aber so, dass sie live zur Primetime in den USA zu sehen waren, wo sich das Network NBC für Milliarden Dollar langfristige Olympia-Übertragungsrechte gesichert hat.

Bei manchen Sportarten führte diese fernsehgesteuerte Art des Zeitplans dazu, dass Wettbewerbe zur Mittagszeit in Tokio angesetzt wurden, wenn dort im Juli und August Temperaturen über 30 Grad Celsius bei einer enormen Luftfeuchtigkeit herrschen, was die Sportler an ihre körperliche Belastungsgrenze und darüber hinaus trieb. Als 1964 zum ersten Mal Olympische Sommerspiele in Tokio stattfanden, waren sie wegen der meteorologischen Verhältnisse im Sommer in den Oktober verlegt worden. Auf so etwas nimmt das IOC aber schon seit längerem keine Rücksicht mehr, so wie es die Ausrichtung der Spiele in diesem Jahr trotz der weiterhin währenden Corona-Pandemie gegen alle Bedenken durchgesetzt hatte. In der ersten Woche der Spiele stiegen die Inzidenzzahlen in Japan deutlich an. Einen Zusammenhang mit Olympia, das ja viele Menschen aus aller Welt nach Japan brachte, will das IOC nicht sehen.

Das IOC will spektakuläre Bilder

Zu beobachten ist auch, dass das IOC vor allem die Sportarten neu ins olympische Programm aufgenommen hat, die spektakuläre Bilder bedeuten, wie sie das BMX-Radfahren oder das Skateboarden liefern, oder kurzweilige Begegnungen versprechen, wie sie das 3x3-Basketballspiel hervorbringt. Die Firma, die das Weltbild für das IOC produziert – dem ARD und ZDF nur wenige eigene Bilder (zumeist Interview-Passagen von den Wettkampfstätten) zur Seite stellen – legt wie erwähnt großen Wert auf Emotionen. Im Rückblick auf die erste Olympia-Woche lässt sich feststellen, dass die Bilder dominieren, in denen Sieger um ihre Fassung ringen, wenn ihre Körper nach dem Gewinn zusammenbrechen, als sei alle Kraft aus ihnen gewichen, wenn sie die Hände vors Gesicht schlagen, weil sie’s kaum fassen können, wenn die Tränen fließen und der Oberkörper ob des Schluchzens zuckt. Man spürte förmlich die Enttäuschung der Live-Regie, wenn jemand den Sieg nur mit einem Lächeln, wenn nicht gar mit einem Schulterzucken quittierte. Die Szenen der mimischen Exaltationen fallen auch deshalb besonders auf, weil die Gesichter abseits der unmittelbaren sportlichen Aktionen stets mit Corona-Masken bedeckt sind und also stets emotionslos wirken. Die Sportler dürfen einzig nach der Siegerehrung fürs Posieren mit den Medaillen für die Pressefotografen und, wenn der Abstand groß genug ist, bei Interviews für Fernsehsender die Masken kurz abnehmen.

Zum anderen geht die Regie des Weltbildes mit denen, die nicht siegen oder keine Medaille gewinnen, geradezu schnöde um. Beim Schwimmen wurden zum Schluss nur die Namen der jeweils drei Erstplatzierten eingeblendet; wer noch dabei war, war keine Information wert. Auch bei den anderen Wettbewerben wurden alle diejenigen, die selbst vierte oder fünfte Plätze erreicht hatten, zu Nebenfiguren degradiert. Dass dabei sein alles ist, wie eine berühmte olympischen Devise verspricht, hat der Veranstalter IOC mit seinen Anweisungen an die das Weltbild produzierende Firma längst ins Gegenteil verkehrt: Es zählen nur die Sieger, alle anderen werden gleichsam ausgeblendet.

Ansonsten hat die Weltregie die Zahl der Kameras weiter erhöht. Beim Wildwasserkanu hatte man das Gefühl, man erfasste jeden Meter des Parcours aus einer eigenen Perspektive. Bei der Vierer-Verfolgung im Bahnradfahren sah man sogar Bilder, die von einer Kamera stammten, die am Rennrad eines der vier Sportler installiert war. Beim Turnen gab es mehrfach eine aus den vielen Kameraeinstellungen errechnete virtuelle Fahrt um den jeweiligen Sportler herum, dessen Bewegung stillgestellt wurde. Also auch hier galt die neue Maxime des IOC: Mehr, noch mehr und noch mehr vielfältige Fernsehbilder auf noch mehr Sendern und Kanälen.

Besondere, begeisternde Momente

Es spricht also vieles gegen diese Sommerspiele. Aber dann entstand am vergangenen Sonntag (1. August) dann doch so etwas wie olympische Stimmung vor dem Fernsehgerät. Es begann mit dem Endspiel im Herrentennis. Am Freitag hatte der Deutsche Alexander Zverev in einem begeisternden Spiel den derzeit weltbesten Tennisspieler Novak Djokovic aus Serbien, der bislang alle drei Grand-Slam-Turniere gewonnen hatte, in drei Sätzen geschlagen. Nun stand Zverev im Endspiel Karen Khachanov gegenüber, der für die Mannschaft des Russischen Olympischen Komitees antrat: Unter diesem Namen (englisch abgekürzt: ROC) nehmen die russischen Sportler in Tokio teil, weil sie nicht unter dem Namen ihres Landes antreten dürfen, da Russland wegen systematischen Dopings vom IOC bestraft worden war.

Zverev ließ im Finalmatch seinem russischen Gegner keine Chance, dominierte ihn bei fast allen Ballwechseln und gewann mit 6:3 und 6:1. Das bedeutete die erste Goldmedaille für Deutschland beim Tennis im Einzel der Herren. Wer das Endspiel bei Eurosport 1 sah (via DAZN über Internet leicht zeitversetzt zur ZDF-Übertragung), erlebte es auch aus der Perspektive von Zverevs Bruder Mischa mit, der für Eurosport als Co-Kommentator im Tennis agiert. Wie er mitfieberte, wie er die Taktik seines Bruders erläuterte und doch immer mal wieder von dessen sensationellen Schlägen überrascht wurde, das war schon etwas Besonderes.

Am Nachmittag deutscher Zeit dann an diesem Tag Leichtathletik-Entscheidungen. In ihrem letzten Versuch erzielte Yulimar Rojas aus Venezuela mit 15,67 Meter im Dreisprung der Frauen einen neuen Weltrekord und gewann damit Gold. Beim Hochsprung der Männer verständigten sich Gianmarco Tamberi aus Italien und Mutaz Essa Barshim aus Katar, die bei derselben Anzahl an Fehlversuchen 2,37 Meter übersprungen hatten, darauf, auf ein Ausscheidungsspringen um Gold zu verzichten, so dass sie sich beide den ersten Platz kameradschaftlich teilten. Nachdem sie sich darauf geeinigt hatten, tanzten die beiden Arm in Arm über die Laufbahn, auf der wenig später sensationell der Italiener Lamont Marcell Jacobs den 100-Meter-Lauf der Männer in neuem Europarekord von 9,80 Sekunden gewann. Wenig später riss ihn der italienische Hochsprungkollege und Mannschaftskamerad Tamberi fast um, als er auf ihn zulief und den Landsmann umarmte. All das waren besondere Momente, die in Erinnerung bleiben und die fast vergessen lassen, dass die Zuschauer im Stadion fehlten, die diese Ereignisse durch ihre Begeisterung erst geadelt hätten.

02.08.2021 – Dietrich Leder/MK

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