Eine wichtige Produktion: Der Corona-Fernsehfilm „Die Welt steht still“ im ZDF

16.11.2021 •

Hätte man vorab eine Stichwortliste erstellt, was in einem Film vorkommen müsste, der sich mit den ersten drei Monaten der durch die Corona-Pandemie ausgelösten Gesellschaftskrise beschäftigt, hätte man die Stichwörter, während man am gestrigen Montag (15. November) im ZDF den Film „Die Welt steht still“ von Dorothee Schön (Buch) und Anno Saul (Regie) sah, Punkt für Punkt abhaken können. Irgendwie kam alles vor. Die Nachrichten aus China, die von einem neuen Virus und einer Epidemie in der Stadt Wuhan berichten. Die ersten Erkrankungen in Deutschland, auf die das Gesundheitssystem vollkommen unvorbereitet reagieren muss. Die Reaktionen in der Gesellschaft, die von Unterschätzung bis zur Hysterie reichen. Die Bilder aus der norditalienischen Stadt Bergamo, die Militärtransporter zeigen, in denen Leichen aus der Stadt gefahren werden. Die Szenen aus den Intensivstationen, in denen Ärztinnen und Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger um das Leben der an Corona-Erkrankten kämpfen. Die Außenansichten von Altenheimen, deren Bewohner nicht mehr von ihren Angehörigen besucht werden dürfen. Die Ferngespräche per Telefon und Computer, die das leibhaftige Gespräch ersetzen.

All das kam, wie erwähnt, in diesem Fernsehfilm vor (Produktion: Network Movie), der somit ein klassisches Themenstück war. Das hatte den Nachteil, dass in den Dialogen vieles erklärt werden musste. Die Dialoge wurden also nicht wirklich zwischen Personen im Alltagsgespräch geführt, sondern als Erklärung für das Publikum gesprochen. Das klang denn oft arg nach dem Papier, auf dem sie – im Drehbuch – wohlabgewogen und von Fachleuten auf Sachrichtigkeit überprüft gestanden haben. Ein ähnlicher Zwang bestimmte die Charakterisierung der handelnden Figuren, die weniger als Individuen auftreten, sondern als Vertreter bestimmter Haltungen und Denkweisen. Da gab es Menschen, welche die vom Virus ausgehenden Gefahren kleinredeten. Es gab die Übervorsichtigen, die sich in Panik zurückzogen. Es gab auch schon erste Verschwörungstheoretiker. Und es gab jede Menge Opfer sowohl des Virus wie der Folgen, die zur Abwehr der Pandemie ergriffen wurden.

Der Themenzwang beherrschte auch über weite Strecke die in Konstanz spielende Handlung, die sich im Rahmen des Erwartbaren bewegte: Die Tochter der Familie Mellau (Lilly Barshy) muss sich in einen Schweizer verlieben, damit die Folgen der Grenzschließung zur Schweiz erzählt werden können. Die Mutter und Hauptfigur Carolin Mellau (Natalia Wörner), die als Ärztin im Konstanzer Krankenhaus arbeitet, behandelt eine Französin, die nach Deutschland geflogen wurde, weil in Frankreich die Intensivstationen bereits überlastet sind; diese Patientin überlebt, während ihr in Frankreich behandelter Mann stirbt. Der Vater Stefan Mellau (Marcus Mittermeier) ist freiberuflicher Musiker, dessen Konzerte wegen der Pandemie abgesagt werden, was zu finanziellen Problemen der Familie führt. Die Großmutter der Familie (Elisabeth Schwarz) lebt in einem Altenheim, zu dem der Zugang versperrt wird, so dass ihre Tochter nur noch am Telefon und via Internet mit ihr sprechen kann, was die alte Dame überfordert.

Wenn der Film (4,82 Mio Zuschauer, Marktanteil: 15,9 Prozent) dann doch den engen Rahmen des Themenstücks sprengte, so lag das an drei ausdrücklich als positiv zu lobenden Entscheidungen von Buch und Regie. Da ist zum einen die Idee, die Handlung des Films offenzulassen. Die Krankenhausärztin hat sich trotz aller Vorsichtsmaßnahmen dann doch angesteckt, als sie ihre alte Nachbarin, deren Mann durch Corona starb, mit einer Umarmung tröstete. Ob sie überlebt, wird nicht erzählt. Der Film endet mit dem Bild, das sie in der Intensivstation zeigt, wo sie gerade betäubt wird.

Da ist zum zweiten die Besetzung der Hauptrolle mit Natalia Wörner, die ihre Figur als kompetente, resolute und doch empfindsame Person spielt. Ihr nimmt man den Widerstreit der Gefühle ab, als Ärztin Maßnahmen ergreifen zu müssen, die notwendig sind und doch die Menschen entscheidend in ihrem Leben einschränken. Und ihr glaubt man jede Minute des Films die Mehrfachbelastung, die ihr im Beruf wie im Familienleben zuwächst.

Da sind zum dritten eine Reihe eindrücklicher Szenen, in denen dann doch etwas zum besonderen Bild wurde, was als allgemein bekanntes Thema abgehandelt schien. Ob es um die ersten Basteleien im Krankenhaus ging, mit denen Schutzkittel und Masken improvisiert wurden. Ob es um das Leben im Altenheim ging, das sich und die in ihm wohnenden Menschen nach Außen abschottet, so dass nur noch der Fensterblick an die Welt draußen erinnert. Ob es um das Proben des Musik-Ensembles ging, das sich über Computer zusammenschaltet und so tut, als ginge alles seinen gewohnten Gang.

Themenstücke bildeten in den 1970er und 1980er Jahren einen Schwerpunkt der Filmproduktion im deutschen Fernsehen. Bei aller Kritik an den geschilderten Folgen, die das Aufschlüsseln von Themen für die filmische Erzählung hat, sei aber noch eines positiv in Erinnerung gerufen, was auch für „Die Welt steht still“ gilt: Wird das Thema ernst genommen, wird es historisch richtig und angemessen geschildert, wird es nicht durch Genrekonventionen verkitscht, dann halten solche Filme die Erinnerung an etwas wach, das eine Gesellschaft in einer bestimmten Zeit durchlebte. Auch in diesem Sinn war der Film von Dorothee Schön und Anno Saul eine wichtige Produktion, zumal es einer der ersten fiktionalen Filme zum umfassenden Thema Corona war. Und gut, dass auf dem ZDF-Termin des „Fernsehfilms der Woche“ am Montag (20.15 bis 21.45 Uhr) an diesem Abend mal kein Krimi zu sehen war.

16.11.2021 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 23-24/2021

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