Ein Typus, wie man ihn kaum noch trifft: Zum Tod des früheren WDR-Fernsehspielredakteurs Joachim von Mengershausen

27.01.2020 •

Joachim von Mengershausen, der am 22. Januar im Alter von 83 Jahren in Köln starb, gehörte zu jener Redaktion des Westdeutschen Rundfunks (WDR) in Köln, die das, was man heute Fernsehfilm nennt, Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre erfand. Bis dahin hieß das, was die Fernsehsender, öffentlich-rechtlich allesamt, an fiktionalen Programmen selbst produzierten, mit einem gewissen Recht Fernsehspiel. Denn es waren in der Regel für das Fernsehen erstellte, im Studio meist vor elektronischen Kameras inszenierte Theaterstücke, die gewiss mit den besten Schauspielern ihrer Zeit besetzt wurden, die aber stets den klassischen Textvorlagen und der Enge des Studioraumes verhaftet blieben.

Egon Monk begann beim Norddeutschen Rundfunk (NDR) in Hamburg Anfang der 1960er Jahre, davon Abstand zu nehmen und filmische Formen zu finden, in denen auch die unmittelbare Wirklichkeit auf den Straßen, Plätzen und Wohnungen der Zeit erfasst wurde. Ihm tat es Mitte der 1960er Jahre beim WDR Günter Rohrbach gleich, der bald junge Redakteure um sich scharte, die aus den unterschiedlichsten Bereichen kamen, die aber der Enthusiasmus für den Spielfilm einte.

Joachim von Mengershausen hatte nach dem Abitur zuerst eine Bierbrauerlehre in seiner Geburtsstadt Bamberg absolviert, ehe er an einer der ersten bundesdeutschen Ausbildungsstätten für Film, dem Deutschen Institut für Film und Fernsehen (DIFF) in München, zu studieren begann. Doch nach einem heftigen Streit mit der Institutsleitung wechselte er an die Münchner Universität, wo er sich als Student für die Fächer Theaterwissenschaften, Kunstgeschichte und Germanistik einschrieb. Parallel zum Studium war er auch in der Praxis tätig, indem er als Aufnahmeleiter und im Schneideraum arbeitete.

Nach einigen Assistenzen schnitt Mengershausen dann auch selbst Filme, etwa die des Regisseurs und Drehbuchautors Peter Lilienthal, von dem er später beim WDR auch einige Spielfilme betreute. Zugleich schrieb er ab Mitte der 1960er Jahre Filmkritiken für die „Süddeutsche Zeitung“ und das „Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt“. So war er durch das Studium, seine praktische Arbeit und durch seine Kritiken mit der Münchner Filmszene vertraut, die spätestens mit der Gründung der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) München zu einer Keimzelle des Jungen deutschen Films wurde.

So ist es kein Zufall, dass Mengershausen 1969/70 für den damaligen Süddeutschen Rundfunk (SDR) in Stuttgart als Regisseur ein Porträt des Antitheaters drehte („Ende einer Kommune“), das Rainer Werner Fassbinder in München aufgebaut hatte. Fassbinder arbeitete damals schon zweigleisig, hatte neben seinen Theaterinszenierungen bereits vier Kinofilme vorgelegt. Er war damit auch für Günter Rohrbach und seine Redakteure interessant geworden. Der Kölner Redaktion war jedoch klar, dass sie von der erwähnten Keimzelle in München zu weit entfernt war. Deshalb holten sie mit Joachim von Mengershausen jemanden in ihre Gruppe, der alle aufstrebenden Talente in der bayerischen Metropole kannte. Und so wurde denn auch Mengershausen 1970, als Fassbinder seine erste Produktion für den WDR bestritt, dessen Redakteur. „Das Kaffeehaus“, ein von Fassbinder nach Carlo Goldoni verfasstes Theaterstück, wurde als Inszenierung des Antitheaters in einem Kölner WDR-Studio aufgezeichnet.

Wichtiger als Fassbinder wurde in den ersten Jahren ein anderer Regisseur aus München, den Mengershausen lange Zeit für den Kölner Sender betreute: Wim Wenders. Joachim von Mengershausen war der zuständige Redakteur von Wenders-Filmen wie „Alice in den Städten“, „Falsche Bewegung“, „Im Lauf der Zeit“, „Der amerikanische Freund“ oder „Paris, Texas“. Einige dieser Filme entstanden nach dem 1974 konstituierten Film-Fernseh-Abkommen, was hieß, dass sie vorab im Kino liefen, ehe sie im Fernsehen gezeigt wurden. Erst die Kofinanzierung durch öffentlich-rechtliche Sender wie den WDR ermöglichte diese Vitalisierung der einheimischen Kinofilmproduktion. Und Mengershausen war als dramaturgischer Begleiter von großer Bedeutung. Daran erinnerte Wim Wenders voller Dankbarkeit, als er 2015 die Laudatio auf Joachim von Mengershausen hielt, als dieser den Ehrenpreis der deutschen Filmkritik erhielt. Dabei betonte Wenders die Bedeutung, die der Fernsehredakteur auch für die Kinofilme hatte, die er für das Fernsehen koproduzierte.

Mengershausen begleitete auf ähnlich intensive Art Filme von Regisseuren wie Luc Bondy, Peter Handke, Rosa von Praunheim, Dagmar Knöpfel, Georg Lehner, Ulrike Ottinger, Jan Schütte, Ula Stöckl, Rudolf Thome oder Christian Ziewer. Neben den Fernseh- und Kinofilmen betreute er auch die Entwicklung und die Produktion von Fernsehserien wie „Exil“ von Egon Günther nach dem Roman von Lion Feuchtwanger und vor allem „Heimat“ und „Die Zweite Heimat“ von Edgar Reitz. Serien im Übrigen, die schon „High Concept“ waren, lange bevor man diesen Begriff auch in Deutschland einführte und verwandte.

Im Kollegium der WDR-Fernsehspielredakteure, die sich in den 1970er Jahren ihrer Bedeutung für die Filmszene durchaus bewusst waren und das auch gerne demonstrierten, fiel Joachim von Mengershausen durch eine angenehme Zurückhaltung auf. Wenn ihm etwas missfiel, weil es seinem ausgeprägten Stilempfinden widersprach, zog er eher nur die Augenbraue hoch, als dass er lauthals Kritik übte. Vielleicht weil er eben leise und zurückhaltend auftrat, unterschätzte man seine Energie, mit der er die von ihm unterstützten Produktionen im Sender durchsetzte und mit der er in schwierigen Situationen für sie kämpfte. Zugleich blieb er stets neugierig. So begann er sich in den 1980er Jahren, als andere sich schon auf dem Erreichten ausruhten, für den afrikanischen Spielfilm zu interessieren, den er in Form internationaler Koproduktionen des WDR unterstützte. Zugleich half er auch in Europa jungen Regisseurinnen und Regisseuren bei ihren ersten Arbeiten.

Joachim von Mengershausen gehörte zu einem Typus von Fernsehredakteur, wie man ihn heute kaum noch in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten trifft, der nämlich nicht in deren Betrieb sozialisiert und damit auf ein Befehl-und-Gehorsam der Hierarchie gedrillt wurde, sondern der erst nach gehöriger Berufs- und Lebenspraxis und damit auch der Ausbildung eines Geschmacks in eine Senderredaktion wechselte. Gerade weil Joachim von Mengershausen seinem Filmgeschmack treu blieb und nie auf so etwas wie die Quote achtete, war er mit den von ihm betreuten Filmen und Serien erfolgreich. Ein Vorbild, dem keiner so rasch nachfolgen kann.

27.01.2020 – Dietrich Leder/MK

Joachim von Mengershausen (1936-2020)

Foto: privat/Petra Seeger


Print-Ausgabe 3/2020

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