Ein nächtlicher Höhepunkt des Fernsehjahres: Der Dokumentarfilm „Wir sind alle deutsche Juden“ mit Daniel Cohn‑Bendit

13.10.2021 •

Die Einblendung, die vor dem Filmtitel zu sehen ist, ist so ungewöhnlich wie der Titel selbst erklärungsbedürftig. In der Einblendung heißt es: „Geschrieben und erzählt von Dany Cohn-Bendit“, während der Filmtitelsatz „Wir sind alle deutsche Juden“, ein Zitat, einst auf eben diesen Daniel („Dany“) Cohn-Bendit geprägt worden war. Er war im Zuge der Mai-Revolte des Jahres 1968, während der er in Paris einer der Sprecher der protestierenden Studenten war, von einem französischen Minister antisemitisch angegangen worden, worauf sich die Demonstranten mit ihm solidarisierten. Der nach Frankreich vor den Nazis geflohene Schriftsteller Georg K. Glaser erinnert sich in seinem Buch „Jenseits der Grenzen“ (1980), wie er im Mai 1968 tief bewegt diese verbale Geste der Solidarität wahrnahm.

Die Eltern von Daniel Cohn-Bendit – der Vater Rechtsanwalt, die Mutter Studentin der Jurisprudenz – waren 1933 ebenfalls vor den Nazis nach Frankreich geflohen. Sie fürchteten als Linke in Deutschland die Verfolgung aus politischen Gründen; zugleich ahnten sie, dass sie als Juden und damit (anders als Glaser) zudem rassistisch verfolgt werden würden. Nach der deutschen Besatzung in Frankreich überlebte die Familie Cohn-Bendit, Vater, Mutter und Sohn Gabriel, im Untergrund. Daniel, der zweite Sohn, wird gezeugt, nachdem Frankreich von den Deutschen befreit ist, und am 4. April 1945 in Montauban geboren. Er wächst in Frankreich auf, ehe er mit 13 Jahren nach Frankfurt am Main zieht. Er erhielt die deutsche Staatsangehörigkeit. Ab 1965 studierte er dann in Paris, wo er zu einem Wortführer des Mai 1968 wurde.

Nun ist er, als der Film gedreht wird, 75 Jahre alt und fragt sich selbst, ob er ein Jude sei. Dieser Frage wird er für den Film in vielen Gesprächen nachgehen, die er in Frankreich, vor allem in Israel und am Ende in Frankfurt am Main mit Personen führt, die er extra dafür aufgesucht hat. Er ist Protagonist und Erzähler dieses Films, den Niko Apel als Regisseur verantwortet (Apel ist ein Stiefsohn von Daniel Cohn-Bendit). Produziert wurde der Film 2020 von der Firma Siècle Productions für France Télévisions, also dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen Frankreichs. Ein deutscher Sender hat sich an dem Film nicht beteiligt. Er wurde von der ARD angekauft und am 11. Oktober nachts von 23.40 bis 1.00 Uhr im Ersten Programm ausgestrahlt.

Der 80-minütige Dokumentarfilm lebt von der Präsenz seines Protagonisten. Das liegt zum einen daran, dass die Gespräche mit zwei Kameras aufgenommen wurden, so dass bei den Unterhaltungen nicht nur das jeweilige Gegenüber, sondern auch Cohn-Bendit im Bild erscheinen kann. Diese Methode hat gewiss Vorteile, weil auf diese Weise das Gespräch in der Aktion und Reaktion des Sprechens und Hörens gezeigt werden kann. Aber immer wieder gibt es Momente, in denen dies die Aufmerksamkeit von den Gesprächspartnern ablenkt. Besonders störend ist das bei Aufnahmen eines Hauskonzerts der Sängerin Talila, das in Paris stattfindet. Hier möchte man als Filmzuschauer der Frau, die in Jiddisch singt, auch beim Gesang zusehen und eben nicht den Protagonisten, wie er ihr versonnen zuhört.

Diese Selbstbezüglichkeit von Daniel Cohn-Bendit, der sich wohl auch selbst gerne im Bild sieht, ist zum Teil störend. Zugleich ist sie aber fast eine Voraussetzung für die Offenlegung seiner Gedanken und Überlegungen, die er zum Thema seines Films anstellt. Und es ist ebendiese Offenheit, die zu vielen eindrücklichen Gesprächsmomenten führt, von denen man viele nicht so leicht vergessen wird. Die erwähnte Sängerin Talila sagt beispielsweise, dass sie auf Jiddisch singe, „um mir selbst zu verzeihen, dass es mich gibt“. Auf Nachfrage von Cohn-Bendit erklärt sie, dies sei so, weil sie ja lebe, während viele andere Juden während des Holocausts ermordet wurden.

In Israel berichtet Naomi Bubis, die Tochter von Ignatz Bubis, des langjährigen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, dass sie sich in Deutschland aufgrund des Antisemitismus dort nicht zu Hause gefühlt habe. Dieses Zuhause habe sie nun in Israel gefunden. Bald gehe ihr Sohn in die israelische Armee, er habe sich schon für eine Kampfeinheit entschieden. Sie bekomme Angst, wenn sie daran denke. Als Deutsche empfindet sich Naomi Bubis nicht mehr, wie sie sagt. Doch von Cohn-Bendit wird sie dennoch als „Jeckes“ bezeichnet, also als deutsche Einwanderin in Israel, denn sie betreibt dort ein veganes und ökologisch nachhaltiges Café, was in dem Land sehr ungewöhnlich ist. In Israel ist Ökologie angesichts vieler anderer vorrangiger Probleme kein Thema.

Cohn-Bendit berichtet, wie er als junger Mann in ein von Sozialisten geführtes Kibbuz gegangen sei und dort eine gewisse Zeit gelebt und gearbeitet habe. Hier habe sich für ihn die Möglichkeit einer anderen Gesellschaft aufgetan, in der alle Menschen gleich seien. Dass dem im heutigen Israel nicht immer und überall so sei, beschreibt im Gespräch der Sprecher der äthiopischen Juden im Land. Er, der 1984 nach Israel einwanderte, werde wegen seiner dunklen Hautfarbe weiterhin schief angesehen. Eine Schülerin, die als Nicht-Jüdin mit ihrer Mutter aus dem Kongo nach Israel floh, berichtet Cohn-Bendit, wie sie darunter leide, dass sie auf der Straße wegen ihrer dunklen Hautfarbe „wie ein Tier angeglotzt“ werde. Sie versucht zu lächeln, während sie das sagt, aber die Tränen, die aus ihren Augen quellen, kann sie nicht aufhalten.

Israel ist für Daniel Cohn-Bendit ein Land der Widersprüche. Es ist das Land, in dem Juden heute sicher leben können, das sich militärisch selbst verteidigen kann. Auf dem Felsplateau von Masada in der Judäischen Wüste, auf dem im Jahr 73 oder 74 nach Christus die Menschen Widerstand gegen die römischen Eroberer leisteten und dabei ums Leben kamen, fühlt sich Cohn-Bendit an den Aufstand im Warschauer Ghetto erinnert, bei dem 1943 die eingesperrte jüdische Bevölkerung in äußerster Verzweiflung angesichts der drohenden Transporte nach Auschwitz ihre wenigen Waffen gegen die deutschen Besatzer richtete. Ein heroischer Kampf, den nur wenige überlebten.

Israel ist für Cohn-Bendit zugleich ein Land, das sich abschottet, das für den Konflikt mit den Palästinensern keine Lösung findet, das den Ausbau illegaler Siedlungen im Palästinensergebiet forciert und in dem zunehmend eine nationalistische Rechte und extrem orthodoxe Juden die Politik mitbestimmen. Die Widersprüche zeigen sich in der offen geführten Diskussion um eine Zwei-Staaten-Lösung, die viele Israelis ablehnen. Sie zeigt sich aber auch im Kleinen. Als Daniel Cohn-Bendit einen gleichaltrigen Mann aus jenem Kibbuz besucht, in dem er in den 1960er Jahren eine gewisse Zeit lang lebte, freut sich dieser sichtlich. Sie tauschen lachend Erinnerungen aus. Doch als Cohn-Bendit das Gespräch auf die Besetzung des Palästinensergebiets bringen will, lenkt der Mann ihn dreimal ab. Einmal pflückt er ihm Weintrauben, das andere Mal zeigt er ihm etwas in der Landschaft, beim dritten Mal lädt er ihn in sein Haus ein.

Die heftigste Auseinandersetzung führt Cohn-Bendit mit einer Frau, die ein Modemagazin für orthodoxe Jüdinnen leitet. Sie ist entsetzt, als sie hört, dass ihr Interviewer keine Jüdin geheiratet hat. Dann seien seine Kinder ja keine Juden. Lächelnd, aber in der Sache beinhart erklärt sie: Cohn-Bendit habe sich und seine Familie somit exkommuniziert. Cohn-Bendit, der sich immer noch nicht sicher ist, ob er sich wirklich als Jude begreift, trifft dieses Verdikt sichtlich. Vielleicht hat er sich nie stärker als Jude gefühlt als in diesem Augenblick. Die schönste Antwort auf seine Frage, was denn ein Jude sei, kommt von einer Rabbinerin. Sie berichtet von ihrem Vater, ebenfalls ein Rabbiner, der stets gesagt habe, ein Jude sei ein Mensch, der morgens mit einer Frage aufwache und abends mit einer anderen zu Bett gehe.

Cohn-Bendit führt seine Gespräche auf Französisch, Englisch und Deutsch selbst. Die Gespräche auf Hebräisch übersetzt ihm sein Freund Ofer Bronchtein. Er hat wohl auch die meisten Begegnungen und Gespräche in Israel organisiert. Mit ihm, dem Friedensaktivisten, verbindet Cohn-Bendit viel. Am Ende des Films stehen die beiden auf dem Platz in Tel Aviv, auf dem im November 1995 die große Friedenskundgebung stattfand, mit der ein Abkommen mit den Palästinensern gefeiert wurde. Auf dieser Kundgebung wurde Jitzchak Rabin, der als Ministerpräsident das zuvor in Oslo abgeschlossene Abkommen ausgehandelt hatte, von einem rechtsradikalen, religiös ultraorthodoxen Juden erschossen. Bronchtein fürchtet, dass Gruppierungen, die diesen politischen Mord heute verteidigen, an Macht gewinnen könnten in Israel. Falls diese geschähe, wäre es nicht mehr sein Land, sagt er.

Die vielen Gespräche, Begegnungen und Beobachtungen des Films werden durch den Off-Kommentar des Protagonisten, aber auch unmerklich durch mehrere thematische Bögen zusammengehalten. Zwei seien kurz erwähnt. Als sich Cohn-Bendit zu Beginn des Films durch Paris bewegt, steht er vor einem Straßenschild mit der Aufschrift „Place Marek Edelman“. Das schlägt, wie sich dann später erweist, den Bogen zur Passage über Masada und den Ghettoaufstand in Warschau. Denn Edelman war einer wenigen Überlebenden des Ghettoaufstands, den er als einer der Kommandeure angeführt hatte. In einer Szene nach dem Gespräch mit dem Mädchen aus dem Kongo sieht man Cohn-Bendit mit einem Jungen, vermutlich ebenfalls ein nach Israel Geflohener, Fußball spielen. Und am Ende des Films sieht man, wie Cohn-Bendits Sohn (und damit der Halbbruder von Regisseur Niko Apel) eine Jugend-Fußballmannschaft von Makkabi Frankfurt, einem jüdischen Sportverein, trainiert.

Daniel Cohn-Bendit, das legt der Film wie nebenbei offen, ist jemand, der sich seit dem Mai 1968 seiner medialen Präsenz bewusst ist. Ob es seine einstigen roten (und heute ergrauten) Locken sind, die ihm den Spitznamen „Dany Le Rouge“ eintrugen. Ob es sein Grinsen ist, das er 1968 einem Polizisten zeigte und das erst als Fotografie, dann auf Plakaten als Symbol des antiautoritären Geistes galt. Ob es seine Präsenz ist in Fernsehdiskussionen oder Talkshows wie der legendären Ausgabe vom „Club 2“ des österreichischen Fernsehens, in der er zusammen mit Rudi Dutschke für die Sache der Linken und der Aufklärung focht. Ob er als Politiker auf Seiten der Grünen in Deutschland wie in Frankreich aktiv wurde. Ob es seine Aktivitäten als Publizist, als Zeitschriftenherausgeber („Pflasterstrand“) und eben als Mitwirkender an vielen Filmen sind. Er ist immer auch eine Medienfigur, die sich ihrer Mittel – der Reibeisenstimme, des robusten Charmes wie einer fluiden Eloquenz – sicher ist und sie stets souverän einzusetzen weiß.

In den vielen Jahren seit 1968 und in unendlich vielen Zeugnissen seiner Aktionen, Auftritte und Äußerungen hat Cohn-Bendit auch manchen – mitunter auch großen – Unsinn geredet. Aber er blieb sich bis in seine Widersprüche treu. „Wir sind alle deutsche Juden“ ist sein persönlichster und emotionalster Film geworden. Vielleicht auch deshalb, weil ihn ein anderer als Regisseur verantwortet hat. Ein nächtlicher Höhepunkt des Fernsehjahres. (Der Film steht in der ARD-Mediathek weiterhin zum Anschauen bereit.)

13.10.2021 – Dietrich Leder/MK

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