Ein Fernsehabend mit Merkel und Löw oder: Gemeinsamkeiten zwischen Bundespolitik und deutschem Fußball

30.03.2021 •

Früher war alles anders. Da waren Auftritte der Bundeskanzlerin oder ihrer Vorgänger im Live-Fernsehen so rar, dass sie mühelos als Ereignisse medial zelebriert wurden und ihnen große Aufmerksamkeit widerfuhr. Und da waren Fernseh-Live-Übertragungen von Fußball-Länderspielen Ereignisse, die alle Aufmerksamkeit auf sich zogen, so dass die anderen Sender dagegen nur Wiederholungen ansetzten.

Heute ist alles anders. Am vergangenen Sonntag (28. März) fand einer der seltenen Auftritte von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) wieder einmal in der ARD-Talkshow von Anne Will statt, bei der sie sich in solchen Fällen anscheinend am liebsten äußert. Und die Talksendung mit der deutschen Regierungschefin lief parallel zur zweiten Halbzeit des von RTL übertragenen Fußball-Länderspiels Rumänien gegen Deutschland (0:1), einer Begegnung im Rahmen der Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2022 in Dubai. Zwei Ereignisse, die früher jeweils allein die Nation vor die Bildschirme gelockt hätten, konkurrierten an diesem Abend um die Aufmerksamkeit einer durch die Pandemie – wie allgemein attestiert – erschöpften und müden Gesellschaft.

Schaltete man an diesem Abend gezwungenermaßen zwischen Will und Merkel im Ersten Programm und Rumänien gegen Deutschland bei RTL hin und her, fielen einem die Gemeinsamkeiten zwischen der Bundespolitik und dem deutschen Fußball auf. Beide habe ihre besten Zeiten schon länger hinter sich. Das zeigt sich vor allem an ihrem Führungspersonal. Angela Merkel und Joachim Löw erhielten ihre Posten fast zur selben Zeit. Zugegeben, als Merkel Bundeskanzlerin wurde, avancierte Löw zwar noch nicht zum Bundestrainer; aber hinter Jürgen Klinsmann, der Mitte 2004 Bundestrainer wurde und in der Nationalmannschaft so aufräumen wollte wie Angela Merkel in der CDU nach der Ära Kohl, war Löw schon damals der wichtigere Mann, zu dem er dann ab Juli 2006 auch nominell als Cheftrainer avancierte, als der er bis in dieses Jahr hinein wirkt. Angela Merkel war 2005 Kanzlerin geworden, als die sie bis heute unterschiedlichen Koalitionen vorstand.

Merkel wie Löw haben die Politik wie den Fußball der letzten anderthalb Jahrzehnte geprägt. Den Zuschauern ist jede Geste und jede Mimik der beiden bekannt, wenn sie Erfolge oder aber auch Niederlagen zu kommentieren haben. Eine Reihe von Antworten auf Fragen, die dann zu erwarten sind, können deshalb nicht nur die Fans der beiden bis in den Sprachduktus hinein vorwegnehmen. Auch die Strategie der verbalen Ausweichbewegung, mit der sie auf Kritik reagieren, besser gesagt: ihr aus dem Weg gehen, haben beide bis zur Perfektion einstudiert. Beide haben im Übrigen ihr Privatleben zu weiten Teilen vor dem Licht der Öffentlichkeit verborgen gehalten; so kennt man ihre biografische Stationen, aber über ihren Lebensalltag weiß man wenig, gerade mal, dass die eine gerne Suppen kocht und der andere gerne Espresso trinkt.

Beide haben beschlossen, dass ihre Karrieren in diesem Jahr ausklingen. Der Trainer gab es später bekannt, geht dafür früher, nämlich nach dem Ende der Fußball-Europameisterschaft 2021 (11. Juni bis 11. Juli). Die Kanzlerin gab es früher bekannt, geht dafür erst etwas später, nämlich nach der am 26. September stattfindenden Bundestagswahl. Merkel, abwägend, wie sie nun mal ist, wies am Sonntag bei „Anne Will“ darauf hin, dass sie so lange als Kanzlerin im Amt bleibe, bis jemand Neues gewählt sei; tatsächlich dauerten ja die Koalitionsverhandlungen nach der letzten Bundestagswahl 2017 mehrere Wochen.

Bei beiden, Merkel und Löw, weiß man noch nicht, wer ihnen nachfolgen wird. Kandidaten gibt es viele. Und das Geraune, wer es denn werden könne, solle oder auf keinen Wahl werden dürfe, ist ähnlich laut. Und so wie der frühere Bayern-München- und Nationalmannschaftskapitän Lothar Matthäus Fußball-Bundestrainer würde, wenn man ihn denn bäte, würde auch der derzeitige bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende und Markus Söder als Kanzlerkandidat der Union antreten, wenn man ihn dazu aufforderte. Das wäre dann übrigens ein Franken-Duo.

Aber noch ist alles offen und so bleibt also nach diesem Will-Merkel-Rumänien-Deutschand-Abend die Doppelfrage: Wer gewinnt in diesem Jahr die Fußball-Europameisterschaft und wer die Bundestagswahl?

30.03.2021 – Dietrich Leder/MK

` `