Die Zersplitterung der Live-Fußballrechte und die Frage: Was läuft wo und wann?

30.10.2018 • Für die Fernsehzuschauer, die sich für den Spitzenfußball interessieren und deren Bundesliga-Lieblingsverein auch noch im DFB-Pokal oder in einem der europäischen Wettbewerbe vertreten ist, hat mit Beginn der Saison 2018/19 ein neues Ratespiel begonnen, das auf die Frage hinausläuft: Was läuft wo und wann? Denn so breit wie noch nie wurden die Rechte für die Live-Übertragungen aufgeteilt – und das Meiste läuft im Pay-Bereich. Die Bundesliga-Spiele am Freitagabend, am Sonntagmittag und am Montag überträgt Eurosport; den Rest kann man bei Sky empfangen (und im Fall von drei Spielen pro Saison neuerdings auch beim ZDF). Die Begegnungen vom DFB-Pokal überträgt Sky, während die ARD pro Spieltag (gesplittet auf zwei Abende) je eine Partie im Free-TV zeigt. Die Champions League läuft bei Sky, aber nur einige Partien live, während der Streaming-Anbieter DAZN alle Begegnungen zeigt.

Um alles zu sehen, muss man zunächst klären, auf welchen technischen Wegen (Kabel, Satellit, Internet) die Live-Übertragungen empfangen werden können und wie die Datenpakete dann noch in den Fernsehapparat gelangen. Schon das ist nicht einfach: Wer beispielsweise seine Internetsignale über einen TV-Stick von Amazon ins Fernsehgerät schickt, kann Eurosport nur über den Versandkonzern buchen. Wer das Eurosport-Abonnement separat abgeschlossen hat, muss über den Computer in den Fernsehapparat. DAZN wiederum hat eine App, die mit dem TV-Stick kompatibel ist. Grundsätzlich bedarf es allerdings eines stabilen und schnellen WLAN-Netzes, um die Übertragungen von DAZN gut in HD-Qualität empfangen zu können.

Wessen Netz kränkelt, der muss mit Aussetzern und eingefrorenen Bildern rechnen. Solche Sendeabbrüche führen bei DAZN dazu, dass die Übertragung nach Beendigung der Störung nicht neu live einsetzt, sondern beim Moment des Abbruchs weitergeht. Ehe man sich versieht, läuft das angebliche Live-Bild dem realen Ereignis um mehrere Minuten hinterher. Hier empfiehlt es sich, die Übertragung selbst abzubrechen, in das Auswahlmenü von DAZN zurückzukehren und das gewünschte Spiel neu anzuwählen, um dann wieder wirklich live dabei zu sein. Die Reibungslosigkeit des Empfangs von Sky über Kabel hängt wiederum vom Kabelanbieter ab, wie etwa Unitymedia, in dessen Netze beispielsweise nicht alle Sky-Kanäle in HD übertragen werden; vor allem, wenn viele Spiele parallel übertragen werden, muss man hier auf SD-Empfang ausweichen.

Problematischer als dieses technische Chaos ist die finanzielle Belastung: Zu zahlen sind, neben dem unvermeidlichen Rundfunkbeitrag für die öffentlich-rechtlichen Sender, die Kosten für den Kabel-, den Internet- und gegebenenfalls auch für den Telefonzugang und dann noch die Kosten für die Abonnements der Pay-Plattformen. Eurosport verlangt für seine Bundesliga-Partien 49,99 Euro für ein Jahr. Sky für Bundesliga, Pokal und Champions League zunächst 299,88 Euro für ein Jahr (allerdings verdoppeln sich meist die Kosten im zweiten Jahr). DAZN will 119,88 Euro pro Jahr. Macht alles zusammen gerechnet für die Spielzeit 2018/19 eine Summe von 459,75 Euro im Jahr. Verglichen damit ist der Zwölf-Monats-Betrag für den Rundfunkbeitrag (210 Euro) geradezu ein Schnäppchen.

Dass der Markt der Fußballrechte mittlerweile so umkämpft ist und infolge dessen die (Live-)Rechte derart aufgesplittet wurden, ist die Folge eines verschärften Wettbewerbs. Wie immer in der Entwicklung des Fernsehens ist der Fußball jene Attraktion, mit der neue Techniken und Apparate durchgesetzt werden und mit der neue Anbieter auf sich aufmerksam machen. Der Pay-TV-Sender Sky hatte unter seinem alten Namen Premiere mit der Live-Übertragung von Bundesliga-Spielen begonnen.Das Unternehmen gehörte in den vergangenen Jahren zum britischen Konzern Sky plc, der zu 39 Prozent im Besitz von Rupert Murdochs Firma 21st Century Fox war, die sich 2017 auch um die restlichen Anteile bemüht hatte. Vor einigen Wochen scheiterte der Versuch des Disney-Konzerns, über 21st Century Fox die restlichen Anteile von Sky plc zu erwerben. Seit diesem Oktober nun gehört Sky plc zum US-Kabelgiganten Comcast, der sich in einem Bietergefecht um die Übernahme des Pay-TV-Konzerns durchsetzen konnte. Was der Kauf von Sky plc durch Comcast für die Ausrichtung von Sky Deutschland bedeutet, bleibt abzuwarten.

Eurosport war im vorigen Jahr von seinem Inhaber Discovery Inc. unter hohen Kosten nicht nur mit Rechten an der deutschen Fußball-Bundesliga, sondern auch mit denen der Olympischen Spiele ausgestattet worden. Dies ist ebenfalls der Versuch, dem immer noch eher kleinen Sportsender die notwendige Aufmerksamkeit zu verleihen, um zu wachsen. Da die Akzeptanz der Eurosport-Übertragungen sowohl von den Olympischen Spielen wie auch von der Fußball-Bundesliga nicht allzu groß war bzw. ist, lautet die spannende Frage, wie lange sich der US-Konzern Discovery das teure Geschäft in Europa noch leisten kann oder will.

DAZN wiederum agiert erst seit dem Sommer 2016. Der Streaming-Anbieter gehört über die Perform Group dem russischstämmigen Unternehmer Leonard Blavatnik. Er agierte in den ersten beiden Jahren sehr expansiv, als er sich die Rechte an vielen europäische Fußball-Ligen einverleibte, so dass man derzeit über DAZN wichtige Spiele aus England oder Spanien sehen kann; hinzu kommt Sport aus den USA wie Baseball, Basketball, Eishockey und American Football. Nicht zu vergessen ist, dass hierzulande auch der Kabelnetzbetreiber Unitymedia – den derzeit der britische Telekommunikationsriese Vodafone zu übernehmen plant – sich früher einmal selbst an den Fußballrechten probierte, doch seinem Sender namens Arena war nur ein kurzes Leben vergönnt.

Die Bewegungen auf dem Fußball-Rechtemarkt kosten die Kunden nicht nur technische Anstrengungen und ein nicht geringes Geld – er muss auch mit all den Reklamesprüchen leben, mit denen um die Aufmerksamkeit des Publikums gekämpft wird. Besonders lustig ist da die Verheißung von Sky, dass man nur bei Sky die Konferenz mit allen Spielen der Champions League sehen könne. Das ist zwar richtig, soll aber nur davon ablenken, dass man bei Sky seit dieser Saison nicht mehr alle Spiele live sehen kann. In der Konferenz verpasst man zwar keinen entscheidenden Moment der Spiele, die zu einer der beiden Anstoßzeiten um 18.55 Uhr und um 21.00 Uhr angepfiffen werden, aber eine Vorstellung vom Spielverlauf bekommt man nicht, wenn alle drei Minuten (oder noch schneller, wenn viele Tore fallen) immer wieder in ein anderes Stadion geschaltet wird.

Eurosport hat inhaltlich mit Ex-Nationalspieler Matthias Sammer als Fachmann und dem vormaligen Sky-Mann Jan Henkel als Moderator einen guten Fang getan. Das Duo analysiert die Bundesliga-Spiele treffend und detailreich. Allerdings übersteigt bei Eurosport die Vorberichterstattung am Freitagabend mit anderthalb Stunden jedes Maß.

Sky hat seine Viererkette an Fachleuten, die das angebliche Bundesliga-„Topspiel“ samstags um 18.30 Uhr jeweils vor- und nachbereitet hat, aufgesprengt. Seit dieser Saison sitzen Reiner Calmund und Christoph Metzelder ab 14.00 Uhr unter Moderation von Esther Sedlaczek im Münchner Studio, während Lothar Matthäus zum jeweiligen „Topspiel“ pilgert, um es vor Ort mit dem jeweiligen Kommentator zu besprechen und anschließend nachzubereiten. Während Matthäus im Lauf der Jahre in seinen Analysen präziser wurde, ist Calmund mit seinen bräsig vorgetragenen Allgemeinplätzen selbst von Metzelder (wie man erkennen kann) kaum auszuhalten.

Bei DAZN werden die Spiele der Champions League von einem Journalisten und einem Experten kommentiert, wobei sich beide ständig abwechseln. Die zwei sitzen in einem Münchner Studio. Ähnlich hält es Sky bei vielen Spielen der Champions League ohne deutsche Beteiligung, während die Sky-Kommentatoren der Begegnungen deutscher Mannschaften in der Champions League wie bei den Bundesliga-Partien jeweils vor Ort im Stadion sitzen. Wie wichtig die Präsenz in der Stätte des Spiels ist, erfuhr man mal wieder am letzten Samstag (27. Oktober) bei der Live-Übertragung des Spiels Borussia Dortmund gegen Hertha BSC Berlin, als es im Stadion zu Schlägereien zwischen Berliner Fans und der Polizei kam. Die Live-Regie, die ja im Auftrag einer Tochterfirma der Deutschen Fußball-Liga (DFL) handelt, zeigte davon nichts, schränkte gar den Blickwinkel der Kameras so ein, dass auch nicht zufällig bei der Beobachtung eines Spielzugs Bilder der Gewalt zu sehen waren, die aber dann der Kommentator schilderte.

Insgesamt hat die Aufsplittung der Rechte zu noch mehr Vor- und Nachberichterstattung geführt. Jedes noch so unwichtige Detail wird stundenlang ausgewalzt und umgewälzt, jede Personalie tagelang erörtert. Es werden existenzbedrohende Krisen nach nur zwei verlorenen Spielen und Siegesserien nach zwei nicht verlorenen Begegnungen ausgerufen. Es könnte einem langsam alles zu viel werden.

30.10.2018 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 23/2018

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