„Die Täter – Heute ist nicht alle Tage“: Ein problematischer Beginn der NSU-Filmtrilogie im Ersten

31.03.2016 •

An der Pressearbeit und der Reklame vorab kann es nicht gelegen haben, dass der erste Teil des ARD-Filmprojekts „Mitten in Deutschland: NSU“ beim Publikum am vorigen Mittwoch (30. März) keinen großen Zuspruch fand, 2,89 Mio Zuschauer hatte der Film. Der größte Teil des Publikums – 6 Mio Zuschauer – schaltete an diesem Abend lieber die parallel im ZDF laufende Ausgabe der Fahndungsreihe „Aktenzeichen XY…ungelöst“ ein, in der die realen Täter der Terrorzelle, die sich NSU nannte (die Abkürzung steht für „Nationalsozialistischer Untergrund“), nie gesucht worden waren, jedenfalls nicht als Rechtsradikale. Eine Ursache des mangelnden Publikumsinteresses am Auftaktfilm im Ersten zum NSU-Komplex mag darin gelegen haben, dass in diesem ersten Film mit dem Titel „Die Täter – Heute ist nicht alle Tage“ (ARD/SWR/MDR/Degeto) die Darstellung des Geschehens nichts als Düsteres und Finsteres aus dem rechten Milieu in Ostdeutschland versprach, aus dem die Titelfiguren entstammten und das sie und ihre Taten prägte.

Tatsächlich erwies sich der von Thomas Wendrich geschriebene und von Christian Schwochow inszenierte Film als düstere Chronik eines sich stetig radikalisierenden Trios aus einer Frau und zwei Männern, die am Ende ihren ersten Mord begehen werden. Die Erzählung folgt dieser Chronik (nur den ersten Mord deutet sie in einer Rahmenhandlung zu Beginn an, ehe sie ihn am Ende im Off stattfinden lässt) und es werden deutlich durch Schwarzblenden ihre Auslassungen markiert. Auf Schrifttafeln zu Beginn und am Ende wird auch darauf hingewiesen, dass manche Passagen des Films Interpretationen und Annahmen darstellen, die (noch) nicht durch polizeiliche Ermittlungen und durch gerichtliche Rekonstruktionen als bewiesen gelten.

Im Mittelpunkt des Films „Die Täter – Heute ist nicht alle Tage“ (20.15 bis 22.00 Uhr) steht jene Frau, die derzeit in München vor Gericht steht und dort sich alle Mühe gibt, nicht als gleichrangiges Mitglied eines Trios, sondern als Mitläuferin und eher zufällige Gehilfin der beiden Männer zu gelten, die sich nach einem missglückten Banküberfall 2011 selbst töteten. Sie wird im Film Beate genannt und von Anna Maria Mühe gespielt. Die besondere Leistung der Hauptdarstellerin verleiht diesem Film erst seine Wucht und Bedeutung. Durch sie gewinnt die Entwicklung ihrer Figur eine gewisse Plausibilität – wie sie als Schülerin eher zufällig in die rechte Szene hineingerät, wie sie sich mit Uwe M. (Albrecht Schuch) politisch radikalisiert, wie sie eine zweite Beziehung zum ebenfalls rechtsradikalen Uwe B. (Sebastian Urzendowsky) beginnt, erst in einer größeren Gruppe die Grenze zur Gewalt überschreitet, um dann im klandestin agierenden Trio mit den beiden Uwes auch vor Mordplänen nicht mehr zurückzuschrecken.

Bei aller Action, die der Film mit seiner stetig in Bewegung gehaltenen Kamera auch auskostet, geht es ihm um so etwas wie ein Psychogramm insbesondere der Täterin. Dies hätte an Intensität gewonnen, hätte der Film die Geschichte konsequent aus ihrer Perspektive erzählt. Doch er folgt dummerweise zu sehr auch anderen Figuren, etwa Uwe M. in seiner Zeit bei der Bundeswehr, oder gar einem der Anführer der Neonazi-Szene bei einem Gespräch mit dem Verfassungsschutz. Es sind Szenen, die nichts mit Beate zu tun haben, aber auch kaum etwas über die beiden Männer des Trios oder die rechtsradikale Szene aussagen, sondern eher raunend Hinweise auf Verbindungen und Netzwerke geben, über die dann doch bitte detailliert zu erzählen wäre, was aber nicht geschieht. Diese überflüssigen Nebengeschichten verschleiern, dass der Film ansonsten die Welt jenseits des Trios nur aus Versagern, hilflosen Personen, Intriganten und Rechtsradikalen zusammensetzt. Ob der Sozialarbeiter in einem Jugendzentrum, die Lehrer in der Schule, ein verwandter Polizeibeamter, die Eltern – sie alle bleiben schwache Figuren, die entweder die Radikalisierung des Trios ignorieren oder mit Panik darauf reagieren.

Das verleiht der Geschichte eine Zwangsläufigkeit, die politisch äußerst problematisch erscheint, als hätte die Entwicklung wie eine Naturkatastrophe nie gestoppt werden können. Politisch absurd schon der Anfang: Der Film beginnt in den Tagen der Selbstauflösung der DDR, was den Schluss nahelegt, als sei der Rechtsradikalismus ein reiner Import aus dem Westen – wie die neue bunte kapitalistische Warenwelt, die bundesdeutsche Politik unter Kanzler Kohl (CDU) mit seinem Versprechen von den blühenden Landschaften oder wie die auch noch vorkommenden Sektenprediger der Scientologen. Bei aller inszenatorischen Sorgfalt und guter Besetzung war „Die Täter: Heute ist nicht alle Tage“ also ein problematischer Beginn der NSU-Trilogie. Die anderen beiden Filme, zu sehen am 4. und 6. April jeweils um 20.15 Uhr, widmen sich den Opfern und den Ermittlern.

31.03.2016 – Dietrich Leder/MK

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