Die Premiere des TV-Triells war seriös und erfolgreich – beides zusammen war RTL bislang äußerst selten

30.08.2021 •

Peter Kloeppel war bei der Anmoderation der Stolz anzumerken, dass er zusammen mit Pinar Atalay bei RTL und beim kleinen Schwestersender ntv einem politischen Fernsehereignis vorstehen sollte, das einen neuen Namen trug: „Das Triell“. Der Begriff erweitert das klassische Duell, bei dem sich zwei Personen gegenüberstehen, um eine weitere Person. In der Wirklichkeit, in der Literatur oder im Film gab es ein Triell nur äußerst selten. Manche erinnern sich vielleicht an die abschließende Szene des Italo-Westerns „Il buono, il brutto, il cattivo“ von Sergio Leone (1966), der im Englischen richtig übersetzt „The Good, the Bad and the Ugly“ hieß, während er im Deutschen absurderweise „Zwei glorreiche Halunken“ genannt wurde – eine Szene, in der die drei im Originaltitel mit ihren Spitznamen genannten Protagonisten sich am Ende mit der Schusswaffe in der Hand gegenübertreten (passenderweise am Rande eines Friedhofs). Leone ironisierte so das klassische Duell des Westerns und verlängerte nebenbei die musikalisch von Ennio Morricone untermalte Schlusspassage auf über acht Minuten.

Seitdem klar war, dass sich bei der Bundestagswahl 2021 (26. September) eine Politikerin und zwei Politiker explizit um das Kanzleramt bewerben, hatte das „Duell“ zweier Spitzenkandidaten, das erstmals 2002 im deutschen Fernsehen stattgefunden hatte, für dieses Jahr ausgedient. Das „TV-Duell“ hatte die Darstellung des Wahlkampfs in seiner jeweiligen Endphase zugespitzt und gleichsam sportifiziert. Im Gegeneinander der beiden Spitzenkandidaten – stets von CDU/CSU und SPD – sollte sich zeigen, wer schlagkräftiger, überzeugender und natürlich auch wer telegener ist. Ein gewisser Showbestandteil wohnte bereits diesem Duell inne.

So musste man befürchten, dass der Privatsender RTL, der das erste von insgesamt drei Triellen dieses Wahlkampfs veranstaltete, dieses womöglich mit Attributen versehen würde, die an das erste Triell der Mediengeschichte von Leone erinnerten: sei es mit Anklängen an die Musik von Morricone, sei es mit einer an Sergio Leone erinnernden Kamera-Ästhetik, die auf schnelle Schnitte und auf den Zoom setzt, sei es mit Variationen des Originaltitels, mit denen die Kandidatin und die beiden Kandidaten auf eine schnelle adjektivische Bestimmung gebracht worden wären.

Doch all das unterließ man bei RTL. Der Sender hat ja mal wieder eine Informationsoffensive ausgerufen und möchte also seriöser erscheinen, als viele seiner Sendungen tatsächlich sind. Als einzigen Verweis auf den Sergio-Leone-Film werden vielleicht manche den Kreis empfunden haben, zu dem sich die drei Personen, die explizit das Kanzleramt anstreben, und die zwei, die ihnen in den nächsten 110 Minuten Fragen stellen sollten, in einem Berliner Studio arrangierten. Im Kreis stand links neben Pinar Atalay – die vor einigen Wochen von der ARD zur RTL-Gruppe gewechselt war (vgl. MK-Meldung) und mithin hier ihren ersten großen Auftritt für ihren neuen Arbeitgeber hatte – Armin Laschet, der nach einem erbitterten internen Machtkampf am Ende dann doch als Kanzlerkandidat von CDU/CSU nominiert worden war.

Links von Laschet befand sich Annalena Baerbock, die im parteiinternen Kampf Robert Habeck hinter sich gelassen hatte und also Kanzlerkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen geworden war. Links von dieser harrte Olaf Scholz, den die SPD bei der Wahl zum Parteivorsitz hatte abblitzen, ihn dann aber doch zum Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl gekürt hatte, der Fragen, während wiederum links von ihm schließlich Moderator Peter Kloeppel stand, der schon so einige Informationsoffensiven seines Senders, für den er seit 1985 arbeitet, bestens überstanden hat.

Vor allen fünf Beteiligten befand sich jeweils ein Pult, an dem sie sich festhalten oder anlehnen konnten. Das Studio war in Blautönen gehalten und wies nur wenige dekorative Elemente auf. Ein Display, das in der Mitte des Kreises stand, konnten nur Kloeppel und Atalay einsehen; hier wurde vor allem die Redezeit angegeben, die jeder der drei Politiker für sich beansprucht hatte. Armin Laschet trug einen dunkelblauen Anzug mit einer hellblauen Krawatte, während Olaf Scholz mit schwarzer Krawatte und in einem schwarzen Anzug antrat, der im Scheinwerferlicht leicht glänzte, während Annalena Baerbock mit einem dunkel-violetten Hosenanzug ein wenig eine andere Farbe ins Studio brachte (Atalay war ebenfalls in Schwarz gekleidet, Kloeppel in Dunkelblau). Für RTL bestand die größte Sensation wohl darin, dass der Sender das live übertragene Triell, das um 20.10 Uhr begann und um 22.00 Uhr zu Ende ging, auch nicht für einen einzigen Werbeblock unterbrach; das muss für einen kommerziellen Sender, der sein Geld ja mit den Werbeeinnahmen verdient, fast schon als eine heroische Geste verstanden werden.

Peter Kloeppel und Pinar Atalay gaben sich denn auch alle Mühe, auf fast jede Beigabe aus dem Entertainment zu verzichten. Nur die Eingangsfrage an alle drei Beteiligten, weshalb sie sich den Konkurrenten nicht im Kanzleramt vorstellen wollten, klang kurz so, als gehe es hier doch ähnlich zu wie in der RTL-Dschungelshow „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“, die zu den großen Quotenerfolgen des Kölner Senders zählt. Dieses Ansinnen wehrten die drei aber so souverän ab, so dass es bei diesem kleinen Krawallmoment blieb. Ansonsten spitzten die Fragen von Kloeppel und Atalay manche der sechs aufgerufenen Sachthemen zu, doch die Moderatoren hielten sich selbst bei der Kommentierung der Antworten zurück. So reagierten eher Laschet, Baerbock und Scholz aufeinander, was mitunter zu einem schnellen Wortwechsel führte. Das verlieh der Gesprächssendung ein gewisses Tempo.

Vor allem Armin Laschet versuchte, früh zu punkten, indem er mit den Worten wie „Frau Baerbock, mal ganz langsam“ die grüne Konkurrentin unterbrach oder den SPD-Konkurrenten gleich zu Beginn kritisierte. Es war zu spüren, dass Laschet nach manchem Patzer im laufenden Wahlkampf nun in dieser Sendung unbedingt Boden gutmachen wollte, auch wenn er weiterhin in einem Fernsehstudio fremdelt. Er bemerkte beispielsweise mehrfach nicht, wenn er selbst im Bildhintergrund zu sehen ist. In diesen Momenten fühlte er sich unbeobachtet, so dass die Kamera manches Grimassieren von ihm festhielt oder wie er eine Pastille oder eine Tablette lutschte.

Zudem missrieten Laschet manche Formulierungen. So sagte er beispielsweise: „Die Bilder, die Sie schildern, teile ich alles.“ In der Sache gab er den klassischen Unionspolitiker, der wirtschaftsfreundlich höhere Steuern ablehnt, auf innere Sicherheit großen Wert legt, die Bundeswehr aufrüsten möchte und vor allem die Furcht vor einem Links-Bündnis schürt. Am Ende war förmlich zu spüren, wie Laschet vor allem die traditionelle Klientel, die Stammwähler seiner Partei von sich überzeugen wollte. Gegenwind habe er immer wieder gespürt, der habe ihn aber nicht aufhalten können, betonte er.

Annalena Baerbock, die wie Laschet eine Reihe von Fehlern im bisherigen Wahlkampf begangen hatte, gab sich als Politikerin, die für eine andere Politik stehe. So hob sie immer wieder darauf ab, was nach ihrem „Verständnis von Politik“ zu geschehen habe und was nicht. Anders als ihre beiden Konkurrenten betonte sie das Persönliche, drückte ihre Gefühle aus, die sie in manchen Krisen befallen hatten, und zog immer wieder Beispiele aus ihren Begegnungen im Lebensalltag heran. Floskelfrei bleibt aber auch ihre Sprache nicht. Man kann es so sagen: Während Laschet und Scholz des öfteren in den mit Fachbegriffen gespickten Jargon der klassischen Sachpolitik verfallen, in dem beispielsweise ein Mensch nicht stirbt, sondern „verstirbt“, wie Scholz an einer Stelle sagte, verwendet Baerbock eine Sprache, in der das persönliche Erleben ebenso routiniert wiedergegeben wie als Argument, was es nur selten ist, in eine Sachdebatte eingeführt wird. Doch darauf reduzierte sie sich an diesem Abend zum Glück nicht. Gleich mehrfach erwies sie sich in der Sachdebatte, in die sie vor allem Laschet verwickeln wollte, als sattelfest, ja, mitunter wirkte sie kompetenter auf Themenfeldern, die der NRW-Ministerpräsident Laschet und der Bundesfinanzminister Scholz für sich gepachtet zu haben glauben.

Olaf Scholz gab den zurückhaltenden Staatsmann, der mitunter über den kleinlichen Debatten zu stehen schien, in die Baerbock und Laschet sich verwickelten. Auffallend war, wie oft der SPD-Mann als Mitglied der momentanen großen Koalition die Gemeinsamkeiten mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) betonte. „Ich und die Kanzlerin“ war eine Floskel, die er mehrfach gebrauchte. Selbst das leise Lächeln, mit dem Merkel ihre Überlegenheit in Sachdebatten signalisiert, bemühte Scholz auf sein Gesicht zu zaubern. Es war, als wolle er den Zuschauern sagen: Wer will, dass der Geist von Angela Merkel weiterhin regieren soll, müsse ihn wählen; er werde das im Sinne der Frau richten, die nun bald nach 16 Jahren ihr Amt als Kanzlerin nach den Bundestagswahlen abgibt.

Vor dem Triell bei RTL und ntv war an diesem Sonntag im „ARD-Sommerinterview“ der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) aufgetreten, der im Frühjahr in der internen Konkurrenz der Union Armin Laschet unterlegen war. An diesem Tag unterließ Söder jedwede Formulierung, die man als negative Kommentierung seines Konkurrenten hätte deuten können. Vergleicht man das Auftreten beider vor Fernsehkameras, ist Söder ohne Zweifel der Geschicktere.

Doch es sei daran erinnert, dass die Bundesrepublik Deutschland viele Jahre von einem Mann als Kanzler regiert wurde, dem ebenso viele Missgeschicke vor den Fernsehkameras unterliefen wie in den letzten Wochen Armin Laschet. Helmut Kohl, um ihn handelt es sich, waren irgendwann die Medien egal. Er ignorierte die öffentlich-rechtlichen Sender, die ihm – so seine Verschwörungsthese – 1976 den sicher geglaubten Wahlsieg über Helmut Schmidt (SPD) abspenstig gemacht hätten, und den „Spiegel“, der ihn wie auch andere als „Birne“ verspottet hatte. Armin Laschet ähnelt auch in der Zähigkeit, mit der er Niederlagen verwindet, Helmut Kohl mehr als allen anderen Politikern. Vielleicht überrascht Laschet ja am Wahltag die Medien mit einem guten Ergebnis, so wie Kohl dereinst aus vielen Wahlen gestärkt hervorging.

Dass der TV-Dreikampf zur ungewohnten Zeit um 20.10 Uhr begonnen hatte, deutet daraufhin, dass RTL möglichst viele Zuschauer davon abhalten wollte, den „Tatort“ einzuschalten, der fünf Minuten später im Ersten begann. Der Trick ging nicht ganz auf. Die „Tatort“-Folge „Wer zögert, ist tot“ (HR) war mit 7,2 Mio Zuschauern (erwartbar) erfolgreicher als RTL mit dem Triell; aber der Privatsender wird mit 5,05 Mio Zuschauern für eine Informationssendung äußerst zufrieden gewesen sein, denn für einen Sonntagabend bedeutete das einen Rekordwert für den Sender. Seriös und erfolgreich – beides zusammen war RTL bislang äußerst selten.

Das nächste „Triell“ wird am 12. September bei ARD und ZDF laufen, ehe eine Woche später das dritte und letzte bei Sat 1 und Pro Sieben zu sehen sein wird. Dann ist erst einmal austriellisiert. In vier Jahren könnte es dann vielleicht zu einem Quadrell kommen.

30.08.2021 – Dietrich Leder/MK

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