Die Pandemie als Horror: Nachgeholtes Anschauen der Serie „Sløborn“ in der ZDF-Mediathek

18.09.2020 •

Wer es dieser Tage nachholte, in der ZDF-Mediathek die Serie „Sløborn“ anzuschauen – die bei ZDFneo am 23. und 24. Juli an zwei Abenden mit jeweils vier Folgen ausgestrahlt wurde –, den wird die Frage beschlichen haben, wie wohl im Mainzer Sender im Frühjahr über die Platzierung der Folgen diskutiert worden ist. Denn die Serie erzählt unter anderem vom Ausbruch einer fiktiven „Tauben-Influenza“, an der viele sterben, die von dem Virus befallen wurden. Der Krankheitsverlauf ist zwar ein gänzlich anderer als bei der derzeit grassierenden Covid-19-Erkrankung, doch viele Maßnahmen der Gesundheitsbehörden und des Staates erinnern von weitem an das, was die Bundesbürger seit dem Auftauchen des Coronavirus in Deutschland real erlebten: Quarantäne-Bestimmungen, Maskenpflicht, Lockdown.

Durch einen absurden Zufall der Geschichte hatte das ZDF für sein Spartenprogramm ZDFneo also eine Serie in Auftrag gegeben, die zur Produktionszeit des Jahres 2019 eine fiktive Katastrophe schilderte, die im Moment ihrer Fertigstellung und Ausstrahlung gegenwärtig wie keine andere war. Während im Rest des fiktionalen Fernsehens (fast) alles so weiterlief wie vor Corona, sah man bei „Sløborn“ Menschen mit Mund-Nasen-Masken, Polizisten, die auf die Einhaltung von Abstandsgeboten und Aufenthaltsverboten achteten, und eine nervöse Gesundheitsbehörde, die auch nicht genau wusste, was sie verordnen sollte und was nicht.

Doch im Sender scheute man davor zurück, damit öffentlich zu werben und beispielsweise „Sløborn“ als die Serie zur Corona-Pandemie ins ZDF-Hauptprogramm zu holen. Stattdessen strahlte man sie mitten in der Ferienzeit an zwei Tagen hintereinander im Spartenprogramm ZDFneo aus, fast so, als wollte man nicht, dass die Serie über mehrere Tage oder Wochen einen Sog des Interesses entfacht oder im Hauptprogramm für Furore gesorgt hätte.

Aber das ist letztlich kein Grund zur Klage! Wer die Serie bis zu ihrem Ende sah, kann durchaus verstehen, warum sie am Rand der Aufmerksamkeit versteckt wurde. Denn diese filmische Erzählung kennt keine Rückkehr zur Normalität, von der derzeit die deutsche Gesellschaft tagträumt; stattdessen wird hier von Folge zu Folge alles nur noch schlimmer. Das offene Ende der Serie, das nebenbei auch auf die Möglichkeit einer Fortsetzung spekuliert, verheißt nichts anderes als den Zusammenbruch der Zivilisation im Angesicht der weltweit wuchernden Krankheit. Und das ist wirklich eine Zumutung.

Dieses Serien-Ende folgt nicht den Erwartungen von Politik und Gesellschaft, basiert auch nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen dessen, was bei Pandemien möglich ist, sondern folgt ausschließlich der Logik des Genres, dem sich „Sløborn“ vor allem verpflichtet fühlt, nämlich dem des Horrorfilms. Auf dieses Genre verweisen jede Menge Zitate – vom Geisterschiff der Romantik bis zu jenem auch verfilmten Roman, in dem Stephen King die Liebe einer Leserin zu einem Schriftsteller zu einer gewalttätigen Obsession ausgestaltete („Misery“).

Wichtiger ist aber, dass das Horrorgenre vom Prinzip der Steigerung lebt. So ist bei „Sløborn“ – dies ist der Name einer fiktiven deutschen Nordseeinsel vor der dänischen Küste – die Tonspur fest im Griff dräuender Klänge, die selbst die zahlreichen Küstenaufnahmen mit Spannung auflädt und die den Schrecken überdeutlich annoncieren. So wird die Krankheit durch Blut signalisiert, das dramatisch aus den Augen der Protagonisten hervorquillt oder das bei Hustenanfällen spektakulär erbrochen wird. So muss sich die Handlung nach langsamen Beginn Schritt für Schritt dramatischer entwickeln und damit schlechter für die Menschen werden, ehe in der letzten Folge alle fünf Minuten jemand getötet wird oder sich selbst tötet. (Diese Schlussfolge, die 60 Minuten lang ist, während die sieben anderen Episoden 47 bzw. 48 Minuten dauern, ist denn auch aus Jugendschutzgründen mit einem Freigabevorgang verbunden, der – nebenbei gesagt – in der ZDF-Mediathek intelligenter als bei der gleichnamigen ARD-Einrichtung gelöst ist.)

Doch als Horrorserie wäre „Sløborn“ nur ungenau charakterisiert. Es handelt sich vielmehr um einen wilden Mix unterschiedlicher Genres, bei dem sich der Horror erst allmählich durchsetzt. Da ist zum einen das Genre des Coming-of-Age-Movies, das von den klassischen Konflikten der Jugendlichen erzählt, die auf der Insel leben. Während sie versuchen, mit sich zu Rande zu kommen, erleben sie ihre Eltern durchweg als gescheiterte Charaktere, die alten Träumen anhängen, während um sie herum Beziehungen, Freundschaften und Ehen zerbrechen.

Die Charaktere der Jugendlichen sind diesem Genre folgendermaßen entworfen: Es gibt Mitläufer und beste Freundinnen. Es gibt den isolierten Jungen, der sich prompt als cleverer Computer-Nerd erweist. Es gibt den aggressiven Opinion-Leader, der über seine Schwächen und Kränkungen hinweglügt. Es gibt, als Hauptprotagonistin, das verletzlich wirkende Mädchen (Emily Kusche), das einer großen, aber illegitimen Liebe zu ihrem Lehrer anhängt und sich am Ende als die letzte starke Persönlichkeit erweist. Das ist bis in die Besetzung und in die Inszenierung hinein konventionell und löst keine Überraschung aus.

Ähnliches gilt für das gesellschaftliche Panorama, das die Serie, einem Themenfernsehspiel ähnelnd, von der Inselgemeinschaft entwirft. Da gibt es die umtriebige Tourismusexpertin (Annika Kuhl), die ein altes Hotelprojekt, das als Ruine vor sich hindümpelt, reaktivieren will. Da ist ihr Bruder (Maximilian Brauer), der als Bürgermeister die unterschiedlichen Interessen ausgleichen muss. Da sind Insulaner, die für sich leben möchten und denen Besucher aller Art ein Graus sind. Da gibt es den Kleinkriminellen und den Ordnungshüter, die in einen routinierten Kampf verstrickt sind. Und da tauchen sogar chinesische Investoren auf, die den Kampf um die Zukunft der Insel befeuern. Auch hier gibt es wenige Überraschungen, wie beispielsweise die, als das Treffen mit den Chinesen zu einem Trinkgelage ausartet, das die Tourismusexpertin auch sexuell über die Stränge schlagen lässt. Auch hier verrät die Routine eine mögliche Absicht, die mit der Schilderung der ökonomischen und sozialen Konflikte verbunden gewesen wäre.

Das Auftauchen der Krankheit wiederum gemahnt an den Katastrophenfilm, in dem sich eine gesellschaftlich heterogene Gruppe von Menschen, die der Zufall zusammengebracht hat, bewähren muss. Die zu Beginn stark erscheinen, erweisen sich bald als schwach, während die, die schwach und hilflos erschienen, zu Rettern mutieren. Auch das ist bei „Sløborn“ angelegt. Das junge Mädchen, das von ihrem Lehrer schwanger ist, wird sich heldinnenhaft um ihre Geschwister kümmern, während die Mutter sich nur in ihre alten Gefühle verstrickt. Doch auch dies ist nicht konsequent durchgehalten. Der Vater des Mädchens, der von Wotan Wilke Möhring gespielt wird und zu einem weiteren Helden getaugt hätte, verschwindet phasenweise aus der Serie, um dann seine Tochter ohne sichtbare Begründung zu verraten. Warum? Auf dass der Horror für die junge Frau noch mehr zunehme...

Diese wilde Genremischung, zu der noch die komischen Szenen gehören, für die eine Schriftsteller-Karikatur (Alexander Scheer) zuständig ist, provozierte in den ersten Folgen so etwas wie die Erwartung, dass gleich auch noch ein Westernheld in den Hauptort der Insel einreiten oder ein Alien aus einem am Nordseestrand gelandeten Raumschiff klettern würde. Dazu kam es dann doch nicht. Positiv formuliert lässt sich resümieren: Man spürte bei „Sløborn“ die Lust von Christian Alvart, der die Serie ersonnen hat, mit vier anderen Autoren die Drehbücher schrieb, sich mit Adolfo Kolmerer die Regie teilte und neben Christian Huck auch noch die Bildgestaltung mit übernommen hat, sich in den Genres auszutoben und sie miteinander zu kombinieren. (Die weiteren Autoren waren Erol Yesilkaya, Henner Schulte-Holtey, Siegfried Kamml und Arend Remmers.) Negativ formuliert: Die Genres blockierten sich dann doch wechselseitig und das Horrorende, in dem die Gewalt eskalierte, gab um der Effekte willen vieles von dem preis, was zuvor ernsthaft entwickelt worden war.

Nebenbei: Die durch eine Pandemie ausgelöste gesellschaftliche Krise, die sich in der Serie entwickelt, zeigt sich vor allem in der Anonymität der immer radikaler werdenden Entscheidungen, an denen die Politik, die Gesundheitsbehörden, die Polizei und am Ende gar die Bundeswehr beteiligt sind. Das ähnelt dem, was derzeit von Rechtsradikalen und Verschwörungsphantasten als Ist-Zustand der realen Gesellschaft ausgegeben wird.

18.09.2020 – Dietrich Leder/MK

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