Die neue Ernsthaftigkeit: Jan Böhmermann und sein „ZDF Magazin Royale“

18.12.2020 •

Ob er das wirklich ernst meint? Das werden sich viele gefragt haben, als Jan Böhmermann ankündigte, dass seine neue Sendung „ZDF Magazin Royale“ heiße. Er erwies damit auf das „ZDF Magazin“, mit dem der Mainzer Sender ab 1969 den politischen Magazinen der ARD wie „Panorama“ (NDR), „Report München“ (BR) und „Monitor“ (WDR) etwas entgegensetzen wollte. Was sich nach kurzer Zeit zu einem gewissen Problem auswuchs, denn Gerhard Löwenthal, der Redaktionsleiter und Moderator des „ZDF Magazins“, sah es bald als seine Hauptaufgabe an, die damalige neue Bundesregierung aus SPD und FDP und deren Ostpolitik massiv mit Kritik zu überziehen.

Die Folge: Wenn mit Beginn des „ZDF Magazins“ die dräuenden Klänge der Titelmusik, die einem Orchesterstück von Witold Lutoslawski entnommen waren, erklangen, schalteten viele vor allem jüngere Zuschauer ab oder um. Allen externen, aber auch internen Kritikern zum Trotz hielt der äußerst konservative Löwenthal bis ins Jahr 1987 durch, bis er mit 65 Jahren die Pensionsgrenze erreichte und – von seiner Seite durchaus ungewollt – in Rente geschickt wurde. Sein langjähriger Stellvertreter Fritz Schenk hielt das Magazin dann noch ein paar Monate am Leben, ehe es im Frühjahr 1988 eingestellt wurde. Dieses Ende ist insofern bemerkenswert, weil es ein Jahr vor dem Fall der Mauer geschah – ein Ereignis, auf das Löwenthal wie kaum ein anderer Fernsehpublizist gewartet hatte.

Jan Böhmermann, der seine Vorgängersendung „Neo Magazin Royale“ am 12. Dezember 2019 eingestellt hatte, beließ es nicht allein dabei, mit dem Namen des neuen Formats auf das alte ZDF-Politmagazin zu verweisen. Er zitierte gerne auch die Sätze, mit denen Löwenthal seine erste Sendung am 8. Januar 1969 eröffnet hatte, denen zufolge das Magazin „unerbittlich nach schadhaften Stellen in unserer Demokratie fahnden und furchtlos Stellung beziehen“ werde. Als dann am 6. November die erste Ausgabe vom „ZDF Magazin Royale“ begann (das gegen 23.00 Uhr im Anschluss an die „Heute-Show“ läuft), bemerkten sicher manche ältere Zuschauer, dass ihnen die Titelmusik bekannt vorkam. Es handelt sich nämlich um dasselbe dräuende Orchesterstück vonLutoslawski, mit dem Gerhard Löwenthal seine Sendung eröffnen ließ – nun allerdings in einer sehr beschleunigten Pop-Fassung. Selbstverständlich betonte Böhmermann, dass mit ihm die Suche nach den „schadhaften Stellen“ in der Demokratie jetzt „etwas lustiger“ vonstattengehen werde als mit dem stets bärbeißigen Löwenthal, dem Ironie so fern lag wie der Kommunismus oder das Leben in einer Wohngemeinschaft.

Kaum jemand wird diese Bemerkungen von Böhmermann ernst genommen, sondern sie wohl eher als jenes Spiel mit den Medien und ihrer Geschichte wahrgenommen haben, das der Moderator in seiner alten Sendung auf ZDFneo kultiviert hatte. Doch Böhmermann, jetzt ins ZDF-Hauptprogramm umgezogen, meint es, ausweislich der ersten sechs Ausgaben, mit dem politischen Anspruch absolut ernst. Sicher, es gibt weiterhin das kabarettistische Solo, in dem er aktuelle Ereignisse aufgreift und ad absurdum führt. Und es gibt weiterhin das Rundfunktanzorchester Ehrenfeld (dieser Titel ist ja ebenfalls eine Reminiszenz an alte Radiozeiten, in denen solche Orchester zum Tanz aufspielten), das jeweils ein oder zwei Musikstücke beisteuert. Den Rest der halbstündigen Sendung – und das ist die Hauptsache – widmet Böhmermann je einem politischen Thema. Da ging es bisher etwa um die NS-Vergangenheit von reichen deutschen Familien, um die medienrechtliche Konstruktion von Online-Casinos, um Rassismus in der Polizei und um den Umgang mit der Raubkunst aus der Kolonialzeit. Die Einspielfilme zu diesen Themen beruhten durchweg auf soliden Recherchen, auf deren Basis Böhmermann anschließend die Sachverhalte scharf und pointiert kommentieren konnte.

Selbstverständlich ist der Zugang zu diesen Themen meist ein durch Medien vermittelter. Der Ausgangspunkt zum Thema Online-Casinos war die Beobachtung, dass in einigen privaten Fernsehsendern Werbespots auftauchten, in denen auf der einen Seite für solche Internet-Angebote geworben wurde und auf der anderen Seite darauf hingewiesen wurde, dass diese Einladung nur an Menschen ergehe, die in Schleswig-Holstein lebten. Das „ZDF Magazin Royale“ zeigte den medienpolitischen Irrsinn auf, der dafür verantwortlich war.

Der neue Ernst geht zu Lasten der vielen visuell reichen Clips, mit denen das alte Magazin auf ZDFneo aufgewartet hatte. Diese Veränderung mag auch darin begründet liegen, dass das neue, ebenfalls in Köln hergestellte Magazin nicht mehr von der Bildundtonfabrik (BTF), sondern von einer neuen Firma produziert wird, die Böhmermann mit einer ZDF-Produktionstochter gründete. (Dieser Schritt erinnert an Harald Schmidt, der sich eines Tages auch von Brainpool trennte, um seine Late-Night-Show von einer eigenen Firma produzieren zu lassen, was ihm deutlich größere Einnahmen sicherte.) Der neuen Böhmermann-Firma mit Namen Unterhaltungsfernsehen Ehrenfeld scheint es noch an Fachleuten in diversen Gewerken zu fehlen. Manche Schnitte der bislang wegen Corona ohne Zuschauer aufgezeichneten Sendung wirkten beispielsweise deutlich ungelenker als beim alten „Neo Magazin Royale“.

Bleibt die Frage: Hält Jan Böhmermann die neue Ernsthaftigkeit auf Dauer durch?

18.12.2020 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 3-4/2021

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