Die heftig diskutierten #allesdichtmachen-Videos zu Corona: Wären es nicht Prominente gewesen, hätte vermutlich keiner die Aktion wahrgenommen

26.04.2021 •

Wer sich, nachdem die Massenmedien durch eine heftige Diskussion um Videos erschüttert wurden, die vom Regisseur Dietrich Brüggemann und dem Produzenten Bernd K. Wunder hergestellt und unter dem Titel „#allesdichtmachen“ ins Netz gestellt worden waren, erst zwei, drei Tage später mit den inkriminierten Werken beschäftigen wollte, musste feststellen, dass sich die Lage geändert hat. Längst sind nicht mehr alle Videos online, die für Aufregung sorgten. Von den ursprünglich 52 Filmen kann man (derzeit) nur noch 34 besichtigen.

Beginnen wir mit dem, was den vorhandenen Videos gemeinsam ist. Sie sind im Standardformat 16:9 und in Farbe aufgenommen. Die Kamera bewegt sich in den ein bis zwei Minuten, die jeder Film dauert, nur in ganz wenigen Fällen. In der Regel laufen auch die jeweiligen Einstellungen durch, so dass Schnitte die Ausnahme sind. Der Hintergrund deutet meist eine private Atmosphäre an, die aber oft ähnlich aussieht, als seien die Aufnahmen an ein oder zwei Orten, aber an verschiedenen Ecken desselben Lofts entstanden. Zu sehen und zu hören ist jeweils eine Person, die sich mit ihrem Namen und dem Hinweis vorstellt, sie sei Schauspielerin oder Schauspieler. Sound-Schnipsel sorgen mal für eine gewisse Dramatik, mal suggerieren sie eine gewisse Bedeutung, mal klingen sie esoterisch.

Eine Reihe der Beteiligten kann für sich eine gewisse Prominenz beanspruchen, vor allem weil sie wie Jan Josef Liefers, Ulrike Folkerts, Richy Müller, Wotan Wilke Möhring oder Ulrich Tukur als „Tatort“-Kommissare beschäftigt sind. Andere wiederum werden wohl eher bei den Casting-Agenturen bekannt sein. Tatsächlich muten die Filme ästhetisch wie Probeaufnahmen an, wie sie beim Casting für Filmrollen angefertigt werden. Denn bei den meisten Beteiligten ist zu merken, dass sie sich gerade einen fremden Text angeeignet haben, den sie nun, ihn vor der Kamera sprechend, als eigenen verkaufen sollen.

Angesichts der großen Zahl der Beiträge erübrigt sich fast jede Detailanalyse. In der Summe bieten die Texte, die vermutlich Dietrich Brüggemann, der auch Drehbuchautor ist, weitgehend vorgegeben hat und die er dann mit den Beteiligten vor der Kamera inszenierte, eine wilde Mischung. Da gibt es auf der einen Seite durchaus treffende Sprachkritik, witzige Wortspielereien und mitunter auch eine berechtigte Kritik an der Sprechweise von Politik wie Medien. Da gibt es auf der anderen Seite jede Menge Geraune über eine Öffentlichkeit, die angeblich „kritischen Journalismus“ nicht mehr kenne, über eine Politik, die alles verordne und den Bürger zum Untertan degradiere, über eine gesellschaftliche Stimmung, die eine abweichende „eigene Meinung“ gar nicht mehr kenne.

Der Tonfall wechselt von Film zu Film. Manche der sich Artikulierenden geben sich ironisch oder sarkastisch, einige gar zynisch, während andere sich naiv zeigen. Jede dieser Haltungen ist allein behauptet und durch nichts verbürgt. Bei allen Unterschieden verbindet die Stellungnahmen politisch ein allgemeines, unbestimmtes, aber plakatives „So nicht!“, das denen da oben gilt, wer auch immer damit gemeint ist und wo auch immer sie angesiedelt sein sollten.

Dass es sich zumeist um angeeignete Texte handelt, kann man daran erkennen, dass sie sehr unterschiedliche Themen rund um Corona behandeln. Den Texten gemeinsam ist ein gewisser sprachkritischer Duktus, mit dem Metaphern, Sprechweisen und Verhaltensregeln rundum die Pandemie aufgegriffen und mitunter ad absurdum geführt werden. Das alles kann man heute nur noch begrenzt untersuchen, da auf der Internet-Seite der Aktion, wie schon erwähnt, nur noch 34 der ursprünglich 52 Filme anzutreffen sind. Der Rest wurde von den jeweiligen Darstellerinnen und Darstellern entfernt, sei es, weil sie sich von dem, was sie da sprachen, inzwischen selbst distanzieren oder – so heißt es auf einem aktualisierten Text der Seite – weil sie die Reaktionen, die das Unternehmen provozierte, nicht mehr ausgehalten haben.

Tatsächlich hatte die Aktion in einer aberwitzigen Geschwindigkeit Begeisterung wie vor allem aber auch Protest ausgelöst. Dummerweise zeigten sich vor allem die begeistert, die der AfD nahestehen oder sich in der Querdenker-Bewegung organisieren oder bei der „Bild“-Zeitung arbeiten. Sie sahen sich durch die mal sprachkritischen, mal ironischen, mal sarkastischen Einsprüche aus der Schauspieler-Gilde bestätigt, auch wenn zu bezweifeln ist, ob sie mehr als einen der Filme gesehen und viele der anderen verstanden haben werden. Protest wurde auf der anderen Seite des politischen Spektrums laut, deren Vertreter in den vielen Statements ebenso rasch Pandemie-Leugner und -Verharmloser erkannt haben wollten.

Als bei Recherchen herauskam, dass einer der beiden Initiatoren der Aktion, Bernd K. Wunder, vor einem Jahr manche obskure Äußerung zur Corona-Krise abgesondert hatte, schien das vielen ein Beleg dafür, dass die beteiligten Schauspielerinnen und Schauspieler sich an einer Art von rechter Propaganda beteiligt hatten. Was ja auch durch die Begeisterung der AfDler und Querdenker bewiesen sei. Umgekehrt sahen sich diese durch den Protest der Gegenseite in ihrer Annahme bestätigt, dass derjenige, der in Sachen Corona nicht so denkt wie die Bundesregierung und die meisten Parteien im Bundestag, unter Druck gerät oder sogar Berufsverbot erhält. Tatsächlich hatte sich der ein oder andere, der die Aktion kritisierte, in diese Richtung geäußert.

Auf einer nächsten Ebene der öffentlichen Diskussion wurde darüber gestritten, ob man das dürfe, was die Beteiligten da abgeliefert hatten. Was zu bizarren Fraktionierungen führte. Mancher, der noch vor kurzem harmlose Scherze aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen verbannt wissen wollte, sprach sich nun für „die Freiheit der Kunst“ aus. Und manche, die diese stets im Mund führen, wollten diese nun eingeschränkt sehen, wenn eben diese Kunst den Feinden der Demokratie in die Hände gespielt hätte. Andere verwiesen auf die Dramen, die sich tagtäglich auf den Intensivstationen ereigneten und über die sich die Beteiligten an der Aktion anscheinend hinweggesetzt hätten. Am Ende erklärten manche Ärztin, mancher Pfleger, dass sie sich durch diese Aktion in ihrer harten Arbeit brüskiert fühlten.

Keiner sprach darüber, dass die Zweifel bereits bei der Form der öffentlichen Erklärung ansetzen müssten, in der sich mehr oder weniger Prominente zu aktuellen Fragen äußern oder Bekenntnisse aller Art ablegen. Für Letzteres spricht, dass bei der Schauspieleraktion der Eingangssatz mit der Namensnennung und der Berufsbezeichnung auf das Bekenntnisritual verweist, das man von den Anonymen Alkoholikern kennt. Eine Darstellungsform, in der es weniger um den Inhalt geht als um die Selbstinszenierung einer realen oder behaupteten Persönlichkeit. Hier gesteigert durch die Prominenz der Beteiligten. Die Aufmerksamkeit, um die es geht, benutzt nicht die Prominenz für oder gegen eine Sache, sondern benutzt sie nur zur Stabilisierung und Maximierung eben dieser Prominenz. Und die Selbstdistanzierung von dem, was man zuvor als inszeniertes Selbst von sich gegeben hatte, weil man sich nicht denken konnte, was alles geschehen würde, dient allein eben diesem Selbst, das nun ein anderes und doch dasselbe ist. Und erst diese Prominenz befeuert auch den Zuspruch wie den Widerspruch zur Aktion. Wären die Namen der Beteiligten weitgehend unbekannt gewesen, hätte vermutlich keiner die Aktion wahrgenommen und noch weniger auf sie reagiert.

Begeisterung wie Protest führten dazu, dass mehrere Beteiligte sich von dem, an dem sie sich beteiligt hatten, dann distanzierten. Sie ließen deshalb ihre Videos entfernen. Auffallend, dass diese Selbstdistanzierungen auf einmal nicht mehr nach jener Rollenprosa klangen, die sie noch unter der Regie von Brüggemann vorgetragen hatten, sondern in einer Alltagssprache verfasst waren, in der es vor Betroffenheitsfloskeln nur so wimmelte. Was für ihre Echtheit sprach und noch einmal auf den fiktiven Gehalt der angeblich persönlichen Erklärungen auf der Internet-Seite allesdichtmachen.de aufmerksam machte.

All das war in dem Text, den der Schauspieler Hanns Zischler las, bereits vorweggenommen, als er gleich zu Beginn sagte, dass er sich von alldem, was er nachfolgend vortragen werde, schon jetzt distanziere. Anschließend sprach er beispielsweise darüber, dass er sich von der Corona-Politik der Bundesregierung so distanziere, wie er sich ebenso von der Kritik an dieser Politik durch „Schwurbler, Esoteriker und Wissenschaftsleugner“ distanziere. Zischler machte deutlich, während er in die Kamera sprach, dass er hier einen Text kundtue, dessen Papierfassung er in der linken Hand hielt (außerhalb des Blickfeldes der Kamera). Er war Hanns Zischler, der einen gewissen Hanns Zischler spielte, der Schauspieler sei „und auch manchmal nicht“. Er endete: „Ich distanziere mich von morgens bis abends. Mit anderen Worten: Ich nehme Abstand!“

26.04.2021 – Dietrich Leder/MK

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