Die Fußball-EM 2020 im Jahr 2021: Eriksen, Corona, Regenbogenfarben und der Einfluss der UEFA auf die Fernsehbilder

22.06.2021 •

Als am gestrigen Abend gegen 21.40 Uhr die dänische Fußball-Nationalmannschaft in ihrem letzten Gruppenspiel bei der Fußball-Europameisterschaft auch noch ein viertes Tor gegen die zu dieser Zeit entkräftete Russen schoss (Endstand 4:1), hatte das Turnier seinen ersten emotionalen Höhepunkt erreicht. In dem vom Ersten Programm der ARD live übertragenen Spiel hatten sich die Dänen auch gegen die Widrigkeiten eines Schiedsrichters durchgesetzt, der einem russischen Spieler nach einem taktischen nicht die vorgeschriebene zweite gelbe Karte zeigte und ihn damit vom Platz gestellt hätte und der wenig später sogar einen Elfmeter gegen Dänemark wegen eines Vergehens im Strafraum pfiff, das so strafwürdig nur er gesehen hatte.

Aber es war nicht nur die Dramaturgie des Spielablaufs, die die Stimmung im Kopenhagener Stadion hochkochen ließ. Es war vor allem die Erinnerung daran, was ebendort Tage zuvor am 12. Juni geschehen war. An jenem Samstag war in der Begegnung gegen Finnland der Spielmacher und Antreiber der dänischen Mannschaft, Christian Eriksen, der seit Januar 2020 für Inter Mailand spielt, auf dem Platz abseits des Balls und ohne Einwirkung eines Gegners zu Boden gestürzt und reglos liegen geblieben. In der Zeitlupe war zu sehen, wie er zusammenbrach, als hätte ihn der Schlag getroffen. Tatsächlich hatte der Spieler, wie sich später herausstellte, auf dem Platz einen Herzstillstand erlitten. Zum Glück hatten das seine Mitspieler und der Mannschaftsarzt sofort erkannt, so dass ein Notfallmediziner ihn mit einem Elektroschockgerät (Defibrillator) reanimieren konnte.

Dass man das weiß, liegt auch daran, dass die Live-Regie des Fernsehens ab dem Moment, in dem das Spiel unterbrochen wurde, sich ausführlich diesem besonderen Ereignis widmete. Die Kameras zeigten immer wieder in Nahaufnahmen, wie die Mitspieler Eriksens geschockt reagierten oder wie dessen Lebensgefährtin von einem der Spieler getröstet wurde. Um Nahaufnahmen von Eriksen zu unterbinden, hatten seine Mitspieler früh einen Kordon um ihn und die behandelnden Ärzte und Sanitäter gebildet. Doch das hinderte die Live-Regie nicht daran, die Kameraleute anzuweisen, durch die Beine und Arme der Umstehenden einen Blick auf die Notrettungsmaßnahmen zu erheischen. Das ZDF, das an diesem Tag in Deutschland übertrug, übernahm lange das Live-Bild aus Kopenhagen. Zu den größten Leistungen von ZDF-Kommentator Béla Réthy gehörte, dass er in dieser Situation über weite Strecken schwieg. Seine Sprachlosigkeit war die beste Reaktion auf das, was geschehen war.

„The Games must go on“

Aber das ZDF setzte dem Live-Bild, das eine externe Firma im Auftrag des europäischen Fußballverbands UEFA produziert und auf das die übertragenden Fernsehsender kaum Einfluss haben, nichts entgegen. Es übernahm das sogenannte Weltbild, das allen Sendern zugeliefert wird, für das die Kameras den Kampf eines Fußballspielers ums Überleben zeigen wollten. Peter Körte bezeichnete dies in einem Artikel in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (Ausgabe vom 20. Juni) zu Recht als „etwas Obszönes“. Dass das ZDF später aus der Übertragung ausstieg und ausgerechnet eine Folge des „Bergdoktors“ sendete, in der es, wie Körte schreibt, um die Reanimation einer Frau und eines Kindes ging, bewies die Hilflosigkeit des Senders, der gegen 20.15 Uhr zum Spiel zurückkehrte, als es nach anderthalbstündiger Pause wieder angepfiffen wurde. Mittlerweile hatte sich der Zustand von Eriksen stabilisiert und er war in einem Krankenhaus wieder bei Bewusstsein.

Dass es zur Wiederaufnahme des Spiels kam, das Finnland dann 1:0 gewann, ist ein weiterer Skandal. Zwar wurde zunächst behauptet, es sei „auf Wunsch beider Mannschaften“ fortgesetzt worden, wer aber sah, wie die dänischen Fußballer apathisch auf dem Platz standen, der wusste, dass ihre Gedanken sicher nicht beim Spiel, sondern bei ihrem Freund und Mannschaftskameraden waren. Tatsächlich stellte sich heraus, dass die UEFA aufgrund ihres Regelwerks ansonsten nur eine Fortsetzung für den nächsten Tag um 12.00 Uhr für möglich erachtet hatte. „The Games must go on.“ Dieses Prinzip hatte einst Avery Brundage bemüht, der damalige Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), als er nach dem Anschlag der palästinensischen Terrororganisation „Schwarzer September“ auf die israelische Olympia-Mannschaft bei den Sommerspielen 1972 in München den Fortgang der Veranstaltung dekretiert hatte.

Die Spiele müssen weitergehen, damit das Geschäftsmodell nicht kollabiert, von dem so viele profitieren, nicht zuletzt die Funktionäre eines internationalen Sportverbandes wie der UEFA, die ja auch die Idee ausgeheckt hatten, dass diese Europameisterschaft in zehn verschiedenen Ländern ausgetragen wird, darunter das in Asien gelegene Aserbaidschan. Eine Idee, die schon vor Jahren unsinnig war, als man sie ersann, und die nur der Geldschneiderei diente. Und an dieser Idee auch in Zeiten von Corona noch festzuhalten, kann man schließlich nur als Aberwitz bezeichnen.

Eine Erpressung

Daran, dass die UEFA weiter auf dem Claim „UEFA EURO 2020“ beharrte, der dann auf jedem Fernsehbild eines Spiels dieser EM im Jahr 2021 unauflöslich rechts oben klebt, kann man erkennen, dass der Verband die Pandemie, die im letzten Jahr die Europameisterschaft hatte ausfallen lassen, in diesem Jahr zu ignorieren trachtet. Das führte dazu, dass die UEFA von den Städten, in deren Stadien Spiele stattfinden, verlangt, dass sie unabhängig vom jeweiligen Pandemie-Gefahrenstatus Zuschauer zulassen. Eine Erpressung, nichts anderes. Wurden Spieler positiv getestet, wurden allein sie und nicht ihre Mitspieler oder die Gegner, denen sie im Spiel überaus nahegekommen waren, in Quarantäne geschickt. Eine Absurdität angesichts all dessen, was die Menschen in Corona-Zeiten durchlebt haben und durchleben.

Wie problematisch das Regelwerk ist, nach dem die UEFA die einzelnen Spiele live übertragen lässt, bewies dann erneut ein Vorfall während der Übertragung des Spiels Deutschland gegen Portugal am 19. Juni (Samstag) in München. Kurz vor Anpfiff sah man in der Live-Übertragung der ARD für einen kurzen Moment, wie ein Mann mit einem gelben Gleitschirm am Spielfeldrand zu landen versuchte. Er geriet nur zufällig ins Bild. Die Live-Regie schnitt sofort auf Einstellungen um, in denen von dem Gleitschirm nichts zu sehen war. Aufnahmen von Zuschauern zeigten später, dass der Flieger in der Höhe des Stadiondachs an einen Draht geraten war, der ihn ins Trudeln brachte und zu einer riskanten Landung zwang, bei der glücklicherweise nur zwei Menschen leicht verletzt wurden. Wie sich später herausstellte, war das Ganze eine Aktion der Umweltorganisation Greenpeace, die vom Gleitschirmflieger einen großen Ball mit einer Aufschrift gegen den EM-Sponsor Volkswagen in die Münchner Arena fallen lassen wollte. Der Flieger touchierte bei dieser Aktion vermutlich ein Drahtseil, an dem die Spidercam hängt, mit der Flugaufnahmen vom Fußballgeschehen ermöglicht werden. Dadurch geriet er ins Trudeln und hätte womöglich abstürzen können.

Man muss das als doppelte Idiotie bezeichnen: Die Organisation Greenpeace wollte mit der Aktion, die einen Sponsor der Europameisterschaft kritisieren sollte, von der Öffentlichkeit des Fußballspiels profitieren, von der sie die UEFA wiederum durch die Zensur des Live-Bildes auszuschließen suchte. Dass die Aktion dann in einem Unfall endete, der von etwas ausgelöst wurde, was zum Equipment der die Öffentlichkeit herstellenden Fernsehübertragung gehört, kann man nur noch als besondere Pointe dieser Idiotie bezeichnen. Tatsächlich darf nach den Pflichten, die von der UEFA der übertragenden Produktionsfirma aufgeherrscht werden, nichts in der Übertragung erscheinen, was nicht ausdrücklich erlaubt ist. Zu dem, was nicht erscheinen soll, gehören politische Statements, die auf Plakaten geäußert werden, ebenso wie Werbebotschaften von Firmen, die nicht zum Kreis der UEFA-Geschäftspartner zählen, aber auch Aktionen von Menschen, die nackt flitzend über das Spielfeld laufen, um auf sich aufmerksam zu machen.

Der Todeskampf als Teil des Produkts

Die Live-Übertragung dieser Spiele ist demnach nicht die journalistische Darstellung dessen, was tatsächlich geschieht, sondern dessen, wie es die UEFA gerne hätte. Nun könnte man das ja als Konzentration auf den Sport bezeichnen, die alles Störende und nicht zum Sport Gehörende abweist. Der Fall von Christian Eriksen hatte wiederum bewiesen, dass für die UEFA aber zum Beispiel der Todeskampf eines Spielers als eine Art besonderer Thrill zum Fußball gehört, wie ihn die UEFA als Produkt an die Fernsehsender verkauft.

Es sei nicht verschwiegen, dass einzelne der Experten, die in großer Zahl die Studios von ARD und ZDF während der Vor- und Nachberichterstattung bevölkern und zu allem nur Denkbaren ihre Meinung absondern sollen, klare Worte zum Geschehen im Fall Eriksen fanden. Vor allem Christoph Kramer, Fußball-Profi bei Borussia Mönchengladbach, kritisierte im ZDF die Fortsetzung des Spiels Dänemark gegen Finnland ebenso deutlich wie plausibel. Er erläuterte auch vollkommen zu Recht, weshalb man die dänischen Spieler gar nicht erst hätte fragen dürfen, ob sie nun nach der langen Spielunterbrechung wieder antreten wollten oder nicht.

Die Klarheit der Worte Kramers blieb einem vor allem auch deshalb so deutlich in Erinnerung, weil viele der anderen Experten zur Unverbindlichkeit neigen. Meister des Nichtsagenden ist bislang Ex-Nationalspieler Bastian Schweinsteiger, der neben Moderatorin Jessy Wellmer für die ARD aus den Stadien des jeweiligen Abendspiels berichten soll. Den beiden hat die ARD wohl die Aufgabe erteilt, eine Art Kopie des frotzelnden Duos aus Gerhard Delling und Günter Netzer abzuliefern, die für ihre Kaspereien einst sogar einen Grimme-Preis erheischt hatten. Noch führt es nur dazu, dass sich Frau Wellmer mit Anspielungen, Witzchen und Kokettieren peinlich abmüht, aus dem meist stoffeligen Herrn Schweinsteiger einen eloquenten Gesprächspartner zu zaubern. Was nicht gelingt.

Die Ausbeutung des Ereignisses

Verblüffend in den ersten zehn Tagen dieser EM sind die vielen technischen Fehler, die sowohl bei ARD und ZDF zu verzeichnen sind. Die Off-Übersetzungen von fremdsprachigen Interviews sind kaum zu verstehen, da schlecht mit dem Originalton abgemischt, mitunter fehlen Übersetzungen ganz, was die der jeweiligen Sprache fremden Moderatoren dumm aussehen lässt. Schaltungen enden oft genug im Nirvana oder erfolgen zu früh oder zu spät. Es ist, als überfordere die große Anzahl der Spielorte selbst die erfahrenen Organisatoren von ARD und ZDF.

Andererseits versuchen beide Sender, das Ereignis so weit wie möglich für ihre Programme auszubeuten. Eine überflüssige Sendung wie der „Sportschau-Club“, in der am späten Abend im Ersten Esther Sedlaczek, die mit Beginn der Europameisterschaft vom Pay-TV-Sender Sky zur ARD wechselte, mit Micky Beisenherz noch einmal all das bespricht, was man in den Stunden zuvor schon endlos beredet hat, kann man nur aus dem Grund der restlosen Ausbeutung der Rechte verstehen. Beisenherz, der nicht nur als Moderator, sondern auch als Gagschreiber arbeitet, beweist nebenbei, wie man selbst bessere Pointen, die bei ihm äußert selten sind, durch falsches Tempo oder falsche Betonung verschenkt.

Wie weit der Einfluss der UEFA reicht, bewies am heutigen Tag ihre Entscheidung, dass das Münchner Stadion nicht – wie von der Stadt gewünscht – am morgigen Abend (23. Juni), wenn dort die deutsche Mannschaft gegen Ungarn antritt, in Regenbogenfarben illuminiert werden darf. Die Stadt München hatte damit ein Zeichen gegen die homophobe Politik der ungarischen Regierung von Ministerpräsident Orbán setzen wollen, die beispielsweise vor kurzem ein Gesetz erlassen hat, das die Informationsmöglichkeiten für Jugendliche in Sachen Homo- und Transsexualität einschränkt. Bleibt die Frage, warum nicht das ZDF, das dieses Spiel am Mittwoch übertragen wird, seinerseits die Ansichtstotale einfach selbst mit den Regenbogenfarben einfärbt und damit dem mal wieder eingeschränkten Weltbild der UEFA etwas entgegensetzt.

22.06.2021 – Dietrich Leder/MK

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