Die Diskussion bei „Maischberger“ über ARD und ZDF: Sie zeigte auch etwas über den Zustand der Fernsehkritik

02.03.2018 • Merkwürdig, dass in den vielen Fernsehkritiken, die auf die Diskussion zum Thema „Wozu brauchen wir noch ARD und ZDF?“ reagierten, die im Rahmen der Talkshow „Maischberger“ am 28. Februar ab 22.45 Uhr im Ersten ausgestrahlt wurde, wenig zu ihrer fernsehspezifischen Form geschrieben wurde. Alle reagierten nur auf den Inhalt, also auf das, was da irgendwann von einem der Beteiligten gesagt wurde. Keiner erwähnte beispielsweise, wie endlos sich diese Talkshow mit einer Länge von 105 Minuten in die Nacht zog. Wie absurd es war, dass in den Talk nach 13 Minuten eine halbstündige Extra-Ausgabe des „Weltspiegels“ eingebaut wurde, die sich dem Zustand von öffentlich-rechtlichen Sendern in Europa widmete. Wie peinlich es gerade in einem solchen Zusammenhang ist, dass es Tonprobleme gab bei einer simplen Schaltung in die Schweiz. Und wie verräterisch, dass die Ausstrahlung mit einem Standbild begann, was verriet, dass das Gespräch vorher aufgezeichnet worden war, während man sonst so tat, als sei man live auf Sendung.

Die Fernsehsendung wurde also nicht als Fernsehsendung betrachtet, sondern eher als ein vielstimmiger, durchaus dissonanter Leitartikel, auf den die Kritiker ihrerseits mit Leitartikeln reagierten, in denen sie hervorhoben, welcher Satz aus der Diskussion ihnen gefallen hatte und welcher nicht. In diesem Sinne brachte die Sendung mit Sandra Maischberger vielleicht mehr Wahrheit über den Zustand einer Fernsehkritik zutage, die sich allein noch um die Talkshows und den „Tatort“ sowie die auf diversen Streaming-Plattformen startenden Serien kümmert, aber den Rest des alltäglichen Programms aus den Augen verliert, als über den Zustand des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems. Das lag allerdings auch an der Auswahl der Gäste, denen man bei ihren Argumentationen mehrfach eine gewisse Scheinheiligkeit nicht absprechen konnte.

Da war beispielsweise Georg Kofler, der einst aus dem längst vergessenen Privatsender Eureka TV den Spielfilm- und Serienkanal Pro Sieben gemacht und zu einem gewissen Erfolg geführt hatte. Er sang an diesem Abend mal wieder das hohe Lied der Marktwirtschaft, das dem der „staatswirtschaftlichen“ Konstruktion der öffentlich-rechtlichen Sender überlegen sei. Dass er aber selbst einst die Regeln der Marktwirtschaft außer Kraft gesetzt hatte, als er steif und fest behauptet hatte, Pro Sieben gehöre nicht Leo Kirch, sondern dessen Sohn Thomas, hat er wohl verdrängt. Diese damals an der Wahrheit hart vorbeisegelnde Behauptung musste Kofler mehrere Jahre aufrechterhalten, weil sonst die Medienaufsicht eingeschritten wäre, weil damals eine Beteiligung von Unternehmern an mehr als einem Vollprogramm untersagt war. Kofler unterlief also eine Regelung, die Marktwirtschaft herstellen sollte, so wie sein Chef Leo Kirch, wenn nicht ein Monopol, so doch mindestens ein Duopol auf dem deutschen Fernsehmarkt errichten wollte. Der Kapitalist liebt den vielfältigen Markt nur theoretisch, praktisch hätte er am liebsten das Gegenteil, nämlich ein Monopol.

Da war beispielsweise Thomas Gottschalk, der am Ende eines nun wirklich langen Abends – es war kurz vor 0.30 Uhr – noch einmal die alte Idee hervorkramte, dass bundesweit ein öffentlich-rechtliches Fernsehprogramm in Gestalt des ZDF ausreiche, während sich die ARD-Anstalten auf ihre Regionalprogramme beschränken sollten. Das werden ihm die ZDF-Intendanten, die den Entertainer jahrelang gut bezahlt haben, eingeflüstert haben. Keck von Gottschalk, dass er behauptete, seine nicht gerade preiswerten Sendungen und seine nicht gerade niedrigen Honorare seien von den umgebenden Werbespots wieder eingespielt worden. Für „Wetten, dass..?“ etwa kann das nicht gelten, da diese Samstagabendshow 15 Minuten nach der letzten Chance für eine Werbephase im ZDF begann. Und für seine letzte ARD-Sendung, die im Werberahmenprogramm ausgestrahlt wurde, kann das auch nicht gelten, weil sie niemand sehen wollte, weshalb sie vorzeitig abgesetzt wurde.

Da war beispielsweise die Politikerin Beatrix von Storch, die einer Partei angehört, die ihre Bekanntheit vor allem den Talkshow-Auftritten ihrer Funktionäre verdankt. Storch behauptet dabei stets, sie würde nur die Sendungen von ARD und ZDF sehen, in denen sie selbst auftrete, ansonsten schaue sie keine öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramme. Sie beklagte bei „Maischberger“ dennoch, also ohne Kenntnis, dass es eine objektive Berichterstattung in den Nachrichtensendungen dieser Programme nicht gebe, womit sie vermutlich meinte, dass diese nicht so berichteten, wie sie es sich wünschte. Ihre Idee, ein öffentlich-rechtliches Fernsehangebot als Pay-TV zu veranstalten, war dann der Gipfel der Absurdität, weil ein solches Angebot dem öffentlich-rechtlichen Prinzip nun gerade fundamental entgegengesetzt ist.

Da war schließlich WDR-Intendant Tom Buhrow, der sich den Angriffen, die aus allen Richtungen kamen, zu erwehren versuchte. Das tat er nicht immer mit Fortune. Die Höhe seines Jahresgehalts von rund 400.000 Euro konnte er ebenso wenig gut begründen, wie er die Vielfalt des Ewiggleichen in den Hörfunk- und Fernsehprogrammen der ARD erklären konnte. Auf die Kritik von Beatrix von Storch, ihre Partei werde in öffentlich-rechtlichen Sendungen immer als rechtspopulistisch bezeichnet, antwortete er eher hilflos mit dem Gegenangriff, der Begriff „Zwangsgebühr“ sei ja auch abwertend, statt etwa zu kontern, dass er diese Bezeichnung für von Storchs Partei für falsch halte, weil sie ein Pleonasmus sei. Erst am Ende der Sendung fand Buhrow dann doch noch richtige Worte, als er der Politikerin vorwarf, dass ihre Solidarität mit den armen Rentnern, denen der Rundfunkbeitrag den ohnehin kargen Lebensunterhalt noch weiter schmälere, nur vorgeschoben sei. Ihr und ihrer Partei gehe es in Wirklichkeit um die Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Systems: „Sie wollen uns schwach, Sie wollen uns weg. Wir stören Sie.“

Angesichts all dessen war es kein Wunder, dass „Tagesthemen“-Moderatorin Pinar Atalay unter den Gästen dieser „Maischberger“-Ausgabe den besten Eindruck machte. Sie verfiel nie in den Reklamemodus, wie ihn Tom Buhrow – wie auch seinen Blick in die Kamera – jederzeit mühelos anschalten kann. Sie differenzierte selbst dann, wenn ihre Sendung von Frau von Storch indirekt massiv kritisiert wurde. Sie blieb selbst dann konkret, wenn sich die Debatte in ungenaue Erinnerungen von Georg Kofler und Anekdoten von Thomas Gottschalk verstieg. Und sie deutete so etwas wie Selbstkritik an, als sie beschrieb, dass auch die Nachrichtenredaktionen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens im Sommer 2015 von den europäischen Flüchtlingsbewegungen irritiert worden seien.

Sandra Maischberger bemühte sich wacker, dass die vielen Punkte abgearbeitet wurden, die ihr die Redaktion und das Themenspektrum des „Weltspiegel-Extras“ aufgetischt hatten. Gelegentlich benützte sie interessegeleitete Begriffe, die von Kombattanten in der Auseinandersetzung um das öffentlich-rechtliche System benutzt werden, ohne dass man diesen Zitatcharakter unbedingt bemerkte. Ihre Gäste behandelte sie freundlich, selbst dann, wenn diese versuchten, ihr die Diskussion aus der Hand zu nehmen. An ihr lag es also nicht, dass dieser lange späte Abend einen doch eher ermüdete, als dass er zum Thema inhaltlichen Gewinn brachte.

Blieben am Ende drei Erkenntnisse: Der Anlass der Sendung – die Abstimmung am 4. März in der Schweiz über die dortigen Radio- und Fernsehgebühren und die Folgen ihrer möglichen Abschaffung – geriet vollkommen aus dem Blick; doch gerade eine spezifische Untersuchung der Stimmungslagen im Nachbarland hätte Lehren für die bundesdeutsche Diskussion erbringen können. Diese Diskussion wiederum darf nicht die Ausnahme in den Programmen von ARD und ZDF sein; die regelmäßige kritische Erörterung dessen, was ARD und ZDF im Radio und im Fernsehen anbieten, legitimiert die Arbeit der Öffentlich-Rechtlichen. Schließlich: Dem WDR-Intendanten Buhrow sollten seine Mitarbeiter mal ein Zitatlexikon schenken. Der Satz, dass die Pressefreiheit nichts sei als die Freiheit einiger weniger Verleger, ihre Meinung zu äußern, stammt nicht, wie Buhrow in der Sendung sagte, von der APO, sondern von dem konservativen Journalisten Paul Sethe (1901 bis 1967), einem der Gründungsherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Sethe bezog diesen Satz damals auf „zweihundert reiche Leute“; so viele Verleger gibt es schon lange nicht mehr.

02.03.2018 – Dietrich Leder/MK