Die Choreografie der Ampelkoalitionäre: Eine politische Inszenierung nach Western-Art für die Fernsehkameras

30.11.2021 •

Am Mittwoch letzter Woche (24. November) eröffneten die Hauptnachrichtensendungen mit dokumentarischen Aufnahmen einer Szene, die für einen Kamerapulk inszeniert worden war. In der „Tagesschau“ der ARD um 20.00 Uhr ist beispielsweise zu sehen ist, wie eine Gruppe von Frauen und Männern die Treppe eines alten Fabrikgebäudes herunterkommt, auf die Straße einschwenkt und auf die Kameras zuläuft. Die neun Personen geben sich leutselig. Sie scheinen untereinander zu flachsen, so lächeln einige nach Bemerkungen anderer. Je näher die Gruppe den Kameras kommt, desto mehr treten die beiden Männer, die die anderen um Haupteslänge überragen, zurück. Sie werden von nun an im Hintergrund stehen. Die beiden Frauen, die eine ganz in Violett (oder war es doch Blau?), die andere mit einer roten Jacke, flankieren nun die Gruppe der restlichen fünf Männer. Ihr Gang hat nichts mit einem Spaziergang zu tun, wie noch das Flachsen und das Lächeln andeuten könnten. Es ist ein kräftiges Ausschreiten, das sein Ziel genau zu kennen scheint und vor allem energisch wirken soll.

Für die Bilder, die in der „Tagesschau“ zu sehen sind, ist die erkennbar choreografierte Szene von mindestens drei Kameras aufgenommen worden. Die erste zeigt in einer Halbtotalen, wie die Gruppe – es handelt sich um neun Politiker – auf die Straße einschwenkt. Die zweite fügt eine Ansichtstotale bei, auf der man die Gruppe sieht wie auch den Ort, auf den sie zugeht und an dem sich der Pulk der Kameras befindet. Die dritte Kamera zeigt einen Teil der Gruppe nun in einer amerikanischen Einstellung: Links steht Annalena Baerbock, neben ihr stehen Robert Habeck (beide Grüne) und Olaf Scholz (SPD), während Christian Lindner (FDP) das Bild nach rechts abschließt. Im Hintergrund auf der linken Seite ist leicht verdeckt Norbert Walter-Borjans (SPD) zu entdecken und hinter Christian Lindner dessen Parteifreund Volker Wissing zu erahnen. Saskia Esken (SPD); die Frau mit der roten Jacke ist nicht mehr im Bild, ebenso die beiden großen Männer Michael Kellner (Grüne) und Lars Klingbeil (SPD).

Die Einstellung endet, als Olaf Scholz den gestreckten rechten Arm hebt und mit dem Zeigefinger auf jemanden im Pulk der Kameras zeigt. Es ist eine Geste, die sich US-amerikanische Politiker angewöhnt haben, mit der sie ausdrücken wollen, dass sie in der anonymen Öffentlichkeit der audiovisuellen Medien doch noch Personen kennen und identifizieren. So lächelt Scholz denn auch, als er den Zeigefinger hebt, als freute er sich, die von ihm erkannte Person zu sehen. Da aber der Schnitt auf eine Einstellung fehlt, in der die betreffende Person zu sehen ist und der man entnehmen könnte, ob sie zurückgrüßt und sich ebenso freut, bleibt die Geste gleichsam ohne Substanz. Sie entspricht rhetorischen Floskeln, mit denen Gemeinsamkeiten zwischen Redner und Publikum behauptet werden, die sich erst im realen Leben erweisen müssen.

Die Szene wurde im Berliner Westhafen, wo der zu sehende Industriebau zur Linken nur noch Kulisse und kein wirklicher Arbeitsplatz mehr ist, für die Kameras choreografiert, um den Koalitionsvertrag zu präsentieren, auf den sich SPD, Grüne und FDP verständigt haben. Sie wollen die zukünftige Bundesregierung bilden und den Mann mit der Zeigefinger-Geste zum Bundeskanzler wählen. Die zugewandte Stimmung aus Flachserei und Lächeln soll die gute Stimmung signalisieren, die während der Verhandlungen des Koalitionsvertrages unter den Politikern herrschte. Und die energischen Schritte auf die Kamera sollen suggerieren, dass hier eine tatkräftige Gruppe zueinander gefunden hat.

Die Staffelung im Raum gibt die Machtverhältnisse wieder: Lars Klingbeil, der SPD-Generalsekretär, und Michael Kellner, der Bundesgeschäftsführer der Grünen, treten nach Verhandlungsende ebenso an den Rand zurück wie die SPD-Vorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans. Wer in der Regierung als Minister dabei sein wird, ist im Vordergrund zu sehen. So gilt dies für Robert Habeck und Annalena Baerbock, die ihre Vorsitzendenämter bei den Grünen bald mit Ministerposten eintauschen werden. Und im Mittelpunkt steht der Mann mit der US-Attitüde: Olaf Scholz als designierter neuer Kanzler der Bundesrepublik Deutschland.

Die Choreografie erinnerte Betrachter an Szenen aus Westernfilmen, wenn die Gruppe der Helden, die den Entrechteten zur Hilfe kommt, auf die Kamera zuschreitet. Gerhard Matzig erinnerte in einem Artikel in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 26. November an den amerikanischen Spielfilm „Die glorreichen Sieben“ („The Magnificent Seven“) von John Sturges aus dem Jahr 1960 und an Varianten dieser Szene in Filmen wie „Armageddon“, aber auch in einer Folge der Vorabend-Fernsehserie „Münchner Geschichten“ (BR 1974). Das war schön beobachtet, aber wohlwollend interpretiert. Denn in all diesen Produktionen sind die tatkräftig dahinschreitenden Personen der Seite des Guten zuzurechnen. Komplizierter wäre es schon, wenn man eine ähnliche Szene auswählte, wie sie etwa zu sehen ist auf dem Plakat des Films „The Wild Bunch“ von Sam Peckinpah zeigt (USA 1969). Denn in diesem Film – er hat den deutschen Titel „Sie kannten kein Gesetz“ – besteht die dargestellte Truppe, die da auf die Kamera zugeht, aus Outlaws und Ganoven, die es dann eher zufällig auf die Seite der Guten verschlägt.

So perfekt im Berliner Westhafen der Außenauftritt der Ampelkoalitionsgruppe geriet, so sehr missriet ihr anschließend die Präsentation des Programms im Saal. Die Gesichter der Personen, die dort nacheinander sprachen, schienen leicht unscharf, da ein wenig unterbelichtet. Zudem flackerte der Hintergrund bei den Großaufnahmen der jeweils Sprechenden. Das hatte seine Ursache vermutlich darin, dass der Hintergrund kein klassisches Plakat war, sondern eine Videowand, auf die der Reklame-Claim der kommenden neuen Regierung in Großbuchstaben elektronisch eingestanzt wurde: „Mehr Fortschritt wagen. Bündnis für Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit“.

Doch damit an medialem Ungeschick nicht genug. Annalena Baerbock bemühte, als sie von den Erfahrungen aus den Koalitionsverhandlungen berichtete, einen etwas merkwürdigen Vergleich. „…dass, wenn Christian Lindner“, sagte sie und zeigte mit der ausgestreckten rechten Hand auf etwas, was jenseits des linken Bildrandes lag und ebenfalls nicht durch einen Umschnitt gezeigt wurde, „eine Sechs auf der Seite sieht und wir hier eine Neun sehen, dass wir vielleicht beide Recht haben können und wir nur bereit sein müssen, mal die Sichtweise des anderen einzunehmen.“

Fatal an diesem Vergleich ist folgendes: Man kann die Zahlen Sechs und Neun genau dann verwechseln, wenn das Papier, auf dem die Zahl steht, zwischen Baerbock und Lindner liegt und sie sich in einer Gegenüber-Position befinden. Dann sieht die eine eine Neun, während der andere eine Sechs wahrnimmt. Doch der Rest, beispielsweise der Text, in dem die Zahl auftaucht, markiert natürlich eindeutig, welche Zahl in diesem Kontext gemeint ist. Eine der beiden Wahrnehmungen geht also in die Irre. Der Wechsel der Sichtweisen ist also nichts anderes als eine leere Behauptung.

Vor der „Tagesschau“ waren an diesem 24. November im ZDF in der Sendung „Was nun, ..?“ Robert Habeck und Christian Lindner zu Gast. Diese Gesprächssendung war um 19.25 Uhr aus dem aktuellen Anlass der Präsentation des Koalitionsvertrags ins Programm genommen worden. Deshalb wollte das ZDF darauf hinweisen, dass die ursprünglich für diese Zeit geplante Sendung ausfallen musste. Und so wurde am oberen Bildrand die Information eingeblendet: „Die Serie ‘Blutige Anfänger’ entfällt“. Als solche werden sich Habeck und Lindner gewiss nicht gefühlt haben, auch wenn sie in ihrer Koalition erst am Anfang stehen. Und der ist nicht nur medial nicht eben leicht.

30.11.2021 – Dietrich Leder/MK

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