Der Plansequenz-„Tatort“ aus der Schweiz: Ein überaus konventionelles Experiment

07.08.2018 • Im vorigen Jahr wurde eine Zeitlang heftig über die Frage gestritten, wie viele Experimente sich die ARD-Krimireihe „Tatort“ erlauben könne oder dürfe. Den einen erschienen Folgen, wie sie beispielsweise der Hessische Rundfunk (HR) mit Ulrich Tukur als Hauptkommissar Felix Murot inszenieren ließ, gleichsam als Störungen im öffentlichen Fernsehdienst, weil sie sich nicht an die Maximen eines solchen Realismus hielt, bei dem alles Hand und Fuß haben und am Ende aufgeklärt sein muss. Die anderen wiesen wiederum darauf hin, dass der „Tatort“ nur dann lebendig und damit spannend bleibe, wenn er nicht in jenen Konventionen erstarre, die alle anderen Krimiserien und -reihen bei ARD und ZDF eigen sei.

Die einen plädierten also für die Konvention, bei der das Schreckliche in Gestalt eines Mordes, um den es ja fast immer im „Tatort“ geht, so aufbereitet wird, dass es am Sonntagabend mühelos konsumiert werden kann. Die anderen engagierten sich für das Experiment, das eben nicht nach einem festliegenden Schema vom Schrecklichen erzählt, sondern das die Erzählweise in alle nur denkbare Richtungen offenhält, also die Zuschauer nicht nur ob der Geschichte überrascht.

Seit dieser Debatte wird fleißig vorab gerätselt, ob eine neue „Tatort“-Folge nun wohl der Experimental- oder der Konventionskategorie zuzurechnen ist. Und in den Vorabkritiken gilt der Hinweis auf Konventionalität oder Experimentierfreude als Werbung für das jeweilige Lager unter den „Tatort“-Zuschauern. Dass jetzt ausgerechnet das Schweizer Fernsehen (SRF), das sich – mit Unterbrechung – seit vielen Jahren am „Tatort“ beteiligt, eine als experimentell annoncierte Folge vorlegte, überraschte dann doch. Denn das, was die Schweizer mit dem Luzerner Ermittlerduo Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) bislang vorgelegt hatten, gehörte zum konventionellsten aller konventionellen „Tatort“-Folgen.

In der Folge vom 5. August sollte es also ganz anders zugehen. „Die Musik stirbt zuletzt“, so lautete der Titel, Regisseur und Autor war Dani Levy (Produktion: Hugofilm). In Vorabbesprechungen raunten Kritiker, diese Folge sei in einer einzigen Kamera-Einstellung gedreht. Schon das war selbstverständlich doppelter Unsinn. Zum einen variierten die Kamera-Einstellungen hier wie (fast) in allen anderen „Tatort“-Folgen von der Großaufnahme bis zur Totalen; allerdings kamen diese in einer Plansequenz zustande, bei der die Handlung nicht in einzelne Takes aufgelöst, sondern in einem Stück gedreht wird, wobei sich die Kamera wie die Protagonisten permanent bewegen und so die unterschiedlichen Einstellungsarten zustande kommen. Zum anderen war deutlich zu sehen, dass diese Plansequenz an mindestens drei Stellen neu angesetzt worden war – beispielsweise beim Betreten eines Aufzugs und beim Öffnen und Schließen jener Tür, die eine Figur in die Vergangenheit führte. Ein One-Single-Shot wollte der Film zwar sein, war es aber nicht.

Der Dreh in einer (fast) durchlaufenden Plansequenz, die ja die Identität von Erzählzeit und erzählter Zeit behauptet, war nicht das einzige Experiment in dieser Schweizer „Tatort“-Folge (4,79 Mio Zuschauer, Marktanteil: 17,5 Prozent). Das andere bestand darin, dass es einen expliziten Erzähler gab, der in die Kamera sprechend in die Handlung einführte und der sich auch zwischendurch gelegentlich einmischte, wenn es zu unübersichtlich wurde oder wenn so etwas wie eine Pause anzukündigen war. Dieser Erzähler (Andri Schenardi), der in der Handlung selbst eine nicht geringe Nebenrolle spielte, gab zudem Kommentare auf einer Meta-Ebene ab, die das Fernsehen im Allgemeinen und den „Tatort“ im Besonderen betrafen. So erklärte er, als er sich eine Zigarette anzündete, dass das im Fernsehen nur Figuren dürften, die als unsympathisch gelten würden, oder er behauptete zur Eröffnungsszene, dass es so etwas nur im Fernsehen gebe.

Dass hinter dieser Narrenfigur dann der Täter steckte, wird die Liebhaber der Krimi-Konventionen besonders geärgert haben, denn zu den wichtigsten Regeln des Whodonit-Krimis gehört ja, dass der Ich-Erzähler niemals der Täter sein darf; denn er müsste ja den Leser belügen, um sein Geheimnis zu bewahren und somit den Vertrag zwischen Leser und Erzähler fundamental infrage stellen. Nun kann man die Konventionalisten beruhigen, denn selbst Agatha Christie, die vielleicht die wichtigste aller Whodonit-Autorinnen und -Autoren war, hat in einem frühen Roman von 1926 den Ich-Erzähler des Mordes überführen lassen – in „The Murder of Roger Ackroyd“ (in Deutschland erschienen unter dem Titel „Alibi“). So experimentell war diese Erzählpointe des „Tatorts“ also auch nicht.

Den Schauspielern war der Spaß, in langen Plansequenzen durchspielen zu können und eben nicht in immer anderen Einstellungen neu ansetzen zu müssen, durchaus anzumerken, auch wenn das bei ihnen mitunter sehr theatralische Erscheinungen in Gestik und Mimik zutage förderte. Und die Idee, die Kriminalbeamtin im Abendkleid und in Schuhen mit hohen Absätzen und ihren Kollegen im Dress eines Fußballfans (mit dem eigenen Namen auf der Trikotrückseite) und in Flip-Flops ermitteln zu lassen, sorgte für eine besondere Komik etwa bei den Verfolgungsjagden. Doch die Geschichte um eine verspätete Rache, um eine Schuld, die ein vielfach besungener Held auf sich geladen hatte, verschwand hinter all diesen inszenatorischen Einfällen und Pointen.

So blieb am Ende ein Experiment, das sich in der Selbstironisierung des Fernsehkrimis erschöpfte, das die Erzählform so feierte, dass das Erzählte zu verschwinden drohte, und das sich selbst genügte. Wenn man so will: ein überaus konventionelles Experiment.

07.08.2018 – Dietrich Leder/MK