Der moderne Mensch und seine Medien‑Montage: Vom Fußball zu den Landtagswahlen und zurück zum Fußball mit einer Trauerfeier und Protesten gegen CSU und AfD

18.03.2016 •

Der Wechsel zwischen Medien, Sendern und Programmen gehört zur Routine des modernen Menschen. Das Hin-und-Herwechseln  wird oft genug diktiert von der Maxime, nur nichts Wichtiges zu verpassen, das sich möglicherweise gerade im anderen Medium, dem anderen Kanal, der anderen Sendung ereignet. Das produziert eine hektische Betriebsamkeit, die in der Regel kein Zweiter im Raum aushalten kann, der zwar ähnliche Wechsel bevorzugt, aber eben nicht in diesem Rhythmus und in dieser Reihenfolge. Einen Zusammenhang stiftet diese Montage aus diversen Texten und Tönen, bewegten und stehenden Bildern selten.

Am vorigen Sonntag (13. März) beispielsweise erschien es staatsbürgerlich notwendig, nach einer halben Stunde die Live-Übertragung des Bundesliga-Spiels zwischen Borussia Dortmund und Mainz 05 auf Sky zu verlassen, um live die Wahlprognosen der ARD mitzuerleben. Also wurde um 18.00 Uhr ins Erste gewechselt, wo pünktlich Jörg Schönenborn (WDR) die ersten Zahlen der Landtagswahlen in den Bundesländern Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt bekannt gab. Und es kam so, wie viele befürchtet hatten. Die Zahlen zeigten, dass es der rechtspopulistischen Partei Alternative für Deutschland (AfD) gelingen würde, in alle drei Landtage einzuziehen. Das bestätigte sich im Lauf dieses Wahlabends durch die Zahlen sowohl bei der ARD als auch beim ZDF. Als die vorläufigen Endergebnisse feststanden, war klar, dass die AfD, die vor allem gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung polemisiert hatte und dabei auch vor fremdenfeindlichen Äußerungen nicht zurückgeschreckt war, in allen drei Ländern ein Ergebnis von über zehn Prozent erzielen konnte und in Sachsen-Anhalt mit 24,2 Prozent sogar zur zweistärksten Partei nach der CDU avanciert war.

Die AfD hatte einst als eine Art von Talkshow-Partei begonnen. Denn sie war von Männern wie dem Wirtschaftswissenschaftler Bernd Lucke, dem Unternehmer Hans-Olaf Henkel und den Publizisten Alexander Gauland gegründet worden, die gerne in die diversen Talkshows eingeladen wurden, um dort als konservative Kritiker der Großen Koalition und vor allem ihrer Finanzpolitik aufzutreten. Und sie labten sich in den Sendungen am Beifall des Studiopublikums. Doch die AfD, die zahllose Interessenten am rechten Rand des Parteienspektrums anzog, radikalisierte sich innerhalb kürzester Zeit. Mit Lucke und Henkel verabschiedeten sich zwei Jahre nach Gründung der Partei ihre eher großbürgerlichen Initiatoren, von denen nur ein sich zunehmend radikalisierender Alexander Gauland übrig blieb. Den Ton in der AfD gaben nun mit Frauke Petry und Björn Höcke zwei nationalkonservative bis nationalistische Politiker an, die kaum Berührungsängste auch mit der rechtsextremen Szene zu kennen scheinen.

In der Minute, in der Jörg Schönenborn an diesem Sonntag die Prognosen für einen Wahlerfolg der AfD bekannt gab, fiel im Dortmunder Stadion das erste Tor für die heimische Borussia. Sie sollte die Partie, die sie durchweg dominierte, am Ende mit 2:0 gewinnen. Auch wenn also dieses sportliche Ergebnis eines Dortmunder Sieges recht klar zu erwarten war, erschien die Fußball-Übertragung spannender als das Verfolgen der Berichterstattung von den drei Landtagswahlen. Denn die Prognosen dazu bei ARD und ZDF hatten schnell klar gemacht, dass die Grünen in Baden-Württemberg, die SPD in Rheinland-Pfalz und die CDU in Sachsen-Anhalt die stärkste Partei sein würden, aber jeweils neue Koalitionspartner zu suchen hatten. Die frühe Spekulation hierüber nebst den üblichen Ritualen eines Wahlabends mit dem obligatorischen Dank an die Wähler und Mitstreiter erschien unattraktiver als das Fußballspiel.

Wer sich so entschied und von der Politik zum Fußball zurückwechselte, wurde Zeugnis eines Ereignisses, wie man es so bislang kaum miterlebt hatte. Irgendwann in den ersten Minuten der zweiten Halbzeit stellten zunächst die 25.000 Zuschauer auf der Südtribüne im Dortmunder Stadion das Anfeuern der einheimischen Mannschaft ein. Von der Südtribüne ertönte kein Gesang mehr, die Sprechchöre verstummten, ja, sogar die Fahnen und Banner wurden eingeholt. Und man pfiff sogar laut, als von anderen Stellen des Stadions die üblichen Anfeuerungsgesänge angestimmt wurden. Es wurde auf eine unwirkliche Weise still im Stadion, das mit über 80.000 Zuschauern gefüllt war. Es war so leise, dass man auf einmal jeden Zwischenruf von den Trainerbänken verstand. Irgendetwas musste geschehen sein, was die Fans hatte verstummen lassen. Sky-Reporter Kai Dittmann rätselte zunächst ebenfalls über das merkwürdige Geschehen, ehe er die Information erhielt, dass am Rande der Südtribüne zwei Zuschauer jeweils einen Infarkt erlitten hatten. Wie man später erfuhr, starb einer der beiden noch im Stadion, der zweite konnte gerettet werden.

Die Information, dass zwei Zuschauer mit dem Tode rangen, musste sich unglaublich schnell auf der Südtribüne herumgesprochen haben. Und die Fans trafen die richtige Entscheidung, in dieser Situation nicht einfach so fortzufahren, als wenn nichts wäre. Sie verstummten und der Rest der Zuschauer einschließlich der Mainzer Fans folgte ihnen darin. War diese Geste schon beeindruckend, sollte die Emotion noch einmal gesteigert werden, als die Südtribüne in den letzten drei Minuten des Spiels die Fußballhymne „You’ll Never Walk Alone“ anstimmte und das ganze Stadion einstimmte. Es entstand eine bewegende Trauerfeier, die von den Zuschauern im Stadion spontan und selbstinitiiert durchgeführt wurde und die auch hartgesottene Fans am Fernsehapparat bewegte.

Am Tag zuvor hatten gleichfalls Fußballfans für eine andere Geste gesorgt. Beim Spiel des FC Bayern München gegen Werder Bremen protestierten Mitglieder der Münchner Fanvereinigung „Schickeria“ gegen die Politik der CSU in der Flüchtlingsfrage. Auf einem großen Spruchband im Stadion standen diese Sätze: „Die Politik zündelt mit Worten – Der Pöbel schmeißt die Mollis hinterher! Erbärmliche Rassisten, wir hassen euch! – Die geistigen Brandstifter sitzen auch in der Landesregierung: Seehofer und Herrmann!“ Das war ein Bekenntnis, das auch deshalb überraschte, weil man dem FC Bayern eine enge Bindung zur CSU, zu Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef Seehofer und Landesinnenminister Herrmann nachsagt.

Selbstverständlich sind nicht alle Fußballfans so sensibel, wie es die Reaktion der Dortmunder Südtribüne an diesem Sonntag auf den Todesfall zeigte, oder so eindeutig antirassistisch, wie es die „Schickeria“-Vereinigung in München mit ihrem Spruchband bewies. Am Tag nach dem Spiel von Borussia Dortmund gegen Mainz 05 wurde bekannt, dass den Vorsitzenden der Fanvereinigung „BVB Freunde Deutschland“ Morddrohungen erreichten, nachdem er erklärt hatte, dass man Mitglieder ausschließen wolle, die in der AfD aktiv seien. „Die AfD Partei ist nach unserer Auffassung «Ausländerfeindlich» und «Radikalisiert». Diese Dinge können, dürfen und werden wir nicht unterstützen“, hatte der Fanclub-Vorsitzende auf der Homepage der Vereinigung unter anderem geschrieben.

Die Auseinandersetzung mit der AfD hat erst begonnen.

 

18.03.2016 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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