Der letzte Meuffels-„Polizeiruf“ und die Modellbildung des Mörderischen, die das deutsche Fernsehen mit seinem Übermaß an Krimis durchherrscht

18.12.2018 •

18.12.2018 FFernsehkrimis, die neben ihrer Mordgeschichte immer auch gleich die Bedingungen untersuchen, unter denen dieses genrespezifische Erzählen von Tat und Aufklärung abläuft, haben in den letzten Jahren auf dem Sendeplatz vor allem des ARD-„Tatorts“ zugenommen. Doch selten kamen die selbstreflektiven Momente so gelassen und souverän daher, wie im „Polizeiruf 110“, den Christian Petzold (Buch und Regie) mit dem schon stark selbstironischen Titel „Tatorte“ versehen hatte. Dass dieser Film, der am Sonntagabend (16. Dezember) im Ersten ausgestrahlt wurde, der letzte Auftritt von Matthias Brandt als Kommissar Hanns von Meuffels war, verlieh dieser Folge auch ohne diese angedeutete Selbstreflexion und Selbstironie, über die noch zu sprechen sein wird, eine besondere Bedeutung. Dieser Kommissar, den Brandt lässig, zurückgenommen und zugleich enorm präsent in seinen 15 Filmen spielte, war eine Ausnahmeerscheinung unter den deutschen Fernsehpolizisten.

Als Außenseiter, ja, fast als Sonderling ermittelte er in einem München, das ihm stets fremd erschien. In den besten Folgen, die neben Petzold vor allem Jan Bonny und Dominik Graf inszeniert hatten, wirkte Meuffels wie ein Indikator, der auf die gesellschaftliche Umgebung reagierte, in die er wegen der zu ermittelnden Fälle geriet. Er zeigte an, was an den gesellschaftlichen Zuständen, denen er begegnete, absurd, absonderlich und befremdlich erschien. Zustände, die wir als Zuschauer längst als Normalität akzeptierten, die aber befremdlich wirkten auf diesen Kommissar, der aus einer anderen Welt und vor allem aus einer anderen Zeit zu kommen schien, ohne selbst nostalgisch oder rückwärtsgewandt zu erscheinen.

Christian Petzold hatte der Figur des Hanns von Meuffels eine private Dimension hinzugefügt, als er sie sich in seinem ersten Münchner „Polizeiruf“ mit dem Titel „Kreise“ in seine Kollegin Constanze Hermann (Barbara Auer) verlieben ließ. Wie die beiden sich auch in der folgenden von Petzold stammenden Episode „Wölfe“ einander vorsichtig näher kamen, wenn sie sich im fahrenden Dienstfahrzeug über kleine Dinge und Beobachtungen unterhielten, wie sich wie durch einen inneren Zwang voneinander lösten, weil sie beide eine Enttäuschung fürchteten, die sie nicht aushalten könnten, wie sie ihre Nähe nicht durch große Worte oder Gesten, sondern durch ein leichtes Lächeln, eine kleine Berührung, einen Einverständnis andeutenden Blick verkörperten, das gehörte zu den schönsten Liebesgeschichten des deutschen Fernsehens in den letzten Jahren.

Zu Beginn der „Tatorte“-Folge haben sich die beiden schon einige Wochen getrennt; noch ist ihr gemeinsamer Haushalt nicht komplett aufgelöst. Die Zeit, die sie zusammenlebten, war die, die zwischen den letzten beiden Folgen lag. Um diesen Alltag des Paares betrog uns Petzold gewissermaßen. Wichtiger war ihm die bis ans Lächerliche grenzende Fixierung vorzuführen, in die der liebeskranke Meuffels geriet, als ihn die geliebte Frau verließ. Diese Fixierung führt am Ende zu einer Unaufmerksamkeit des Kommissars, die den Tod seiner jungen Kollegin Nadja Micoud (Maryam Zaree) herbeiführt. Der Grund, seinen Beruf aufzugeben – was er daraufhin macht –, ist also gewichtig, ist keine Laune oder eine Attitüde, sondern ist das Ergebnis einer eingestandenen Schuld. Dass die damit einhergehende Krise von Meuffels zu einer Rückkehr der geliebten Frau führt, ist aber keine Versöhnung. Wenn die beiden auf dem Fernsehapparat keinen „Tatort“, aber einen Film des Duos Laurel & Hardy schauen (den Film „Block-Heads“ aus dem Jahr 1938), betrachten sie ein Filmpaar, das nicht zusammen sein kann, ohne ein enormes, durchaus auch selbstzerstörerisches Chaos anzurichten, das zugleich aber weiß, dass der eine ohne den anderen nicht leben kann – Sinnbild der Beziehung, in der beide „Polizeiruf“-Figuren am Ende ihrer Fernsehdienstzeit stecken. Und es war von Samuel Barbers „Adagio“ den Film über musikalisch bereits angekündigt worden.

Den Mordfall, von dem der Film zu Beginn erzählt, wird durch die junge Kollegin wie nebenbei gelöst, und es ist der Täter, der sie am Ende erschießt, als sie ihn allein verhaften will, weil Meuffels durch den Versuch, die geliebte Frau telefonisch zu erreichen, abgelenkt ist. Maryam Zaree verleiht dieser jungen Frau eine besondere Note; ihre Kommissarin ist übereifrig und wissbegierig zugleich, sie will sich Meuffels gegenüber beweisen und gleichzeitig von ihm lernen, sie duzt alle ihre Kollegen, ohne diese richtig zu kennen. Das verleiht ihren Dialogen mit dem deutlich älteren Kommissar einen Witz und eine Leichtigkeit, die nicht nur die Szenen pointieren, sondern zugleich selbstironisch das Genre thematisieren. Denn die von Maryam Zaree verkörperte Figur spricht so, wie viele Fernsehkommissare reden – in halben Sätzen, die ein Nachfragen geradezu provozieren und so die Vermittlung der für die jeweiligen Handlung notwendigen Informationen in Dialoge verpacken, der außer dieser Funktion keinen anderen Zweck besitzen.

Im Film gibt es viele solche Anmerkungen zum Fernsehen und zu seinen Sitten und Gebräuchen. Man könnte all das zitieren und man könnte prüfen, ob denn das, was die Figuren da äußern, auch wirklich stimmt. Aber genau eine solche Inspektion, mit der vor allem der „Tatort“ und der „Polizeiruf 110“ seit einigen Jahren (im sogenannten „Checks“) unterzogen werden, verfehlt genau die Dimension der Selbstreferentialität, die diesem Film eigen ist. Denn Petzold spielt – wie schon in seinem ersten Meuffels-Film – die Modellbildung durch, mit der Polizisten wie Filmregisseure arbeiten. Constanze Hermann, die in die Polizeiausbildung gewechselt ist, arrangiert Mordfälle, die ihre Polizeieleven zu durchschauen haben. Dabei geht sie so vor wie ein Drehbuchautor und Regisseur. Sie konstruiert Geschichten, die von anderen zu deuten sind.

Das Set, an dem sie ihre Fälle inszeniert, könnte man als eine Persiflage auf die Drehsituation in einem Filmstudio deuten. Zugleich verweist die Szenerie auf vergleichbare Übungssituationen, wie sie Harun Farocki, viele Jahre lang Koautor von Petzold, in seinem Dokumentarfilm „Leben – BRD“ aufgenommen hatte. Auch in der Folge „Kreise“, dem erwähnten ersten Meuffels-„Polizeiruf“ von Petzold, gab es ein Modell, an dem damals der Täter seine Tat so minutiös geplant hatte, wie ein Regisseur seinen Dreh vorbereitet.

Petzold deutet in „Tatorte“ an, dass diese Modellbildung des Mörderischen, die das deutsche Fernsehen mit seinem Übermaß an Krimis im letzten Jahrzehnt durchherrscht, ebenfalls etwas von einer Fixierung aufweist. Die gesellschaftliche Phantasie orientiert sich nicht mehr auf andere Lebensverhältnisse, wie man sie der Zukunft abverlangen könnte, sondern konstruiert permanent Mörderisches, um wenigstens etwas an und in der Gegenwart aufzuklären – eine formale Aufklärung, die nicht über sich selbst hinaus gelangt. Diese Erkenntnis, die einem während des Films dämmerte, stimmte einen dann noch melancholischer als das Ende der Fernsehkrimifigur Meuffels. Matthias Brandt und Barbara Auer werden wir gewiss in einem der zukünftigen Filme von Christian Petzold wiedersehen.

18.12.2018 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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