Das zweite TV-Triell: Die Sendung bei ARD und ZDF führte einen zu Anne Will und Günther Jauch

14.09.2021 •

Am Montag danach wurde einem klar, was einem am Sonntagabend während der ARD-Talkshow von Anne Will (21.50 bis 22.55 Uhr) bereits gedämmert hatte. In der Gesprächssendung ging es um das zuvor an diesem Abend des 12. September gemeinsam von ARD und ZDF veranstaltete zweite TV-Triell zwischen Armin Laschet (CDU), Olaf Scholz (SPD) und Annalena Baerbock (Grüne), die von ihren Parteien für die Bundestagswahl am 26. September explizit als Kanzlerkandidaten ausgerufen worden waren. Der Titel dazu lautete: „Das Triell – Dreikampf ums Kanzleramt“.

WDR-Chefredakteurin Ellen Ehni präsentierte in der „Anne-Will“-Sendung Ergebnisse einer repräsentativen Blitzumfrage unter den Zuschauern des Triells. Die Frage, die am stärksten auf den Ausgang des Dreikamps spekulierte, lautete, wen man denn von den drei Personen zum Kanzler wählen würde? Diese Frage wurde durch den berechtigen Hinweis eingekleidet, dass dies in der Realität so nicht geschehe. Denn die Menschen in Deutschland wählen ja Abgeordnete und Parteien für den Bundestag, der dann die Kanzlerin oder den Kanzler wählt. Dazu brauchen die, die da zum Triell antraten, aber auch Stimmen aus den anderen Parteien, weshalb seit vielen Jahren die nun wirklich entscheidende Frage stets lautet: Wer koaliert mit wem? Dazu bieten sich neben den Parteien der Triellanten jene an, die dann am Montagabend (13. September) zuerst im ZDF (19.15 bis 20.15 Uhr, „Schlagabtausch – der Vierkampf“) und dann im Ersten Programm der ARD (20.15 bis 21.30 Uhr, „Der Vierkampf nach dem Triell“) miteinander sprachen. Das sind in der Reihenfolge der Stimmverhältnisse im derzeitigen Bundestag: AfD, FDP, Linke und CSU.

Diese lange, etwas mühselige Einleitung will sagen, dass das frühere TV-Duell zur Kanzlerschaft und nun das Triell eine politikferne Konstruktion des Fernsehens ist. Eine Konstruktion, die in einer Zeit, in der selbst die erfolgreichsten Parteien kaum die 30-Prozent-Marke erreichen, noch absurder anmutet als damals, als die Entscheidung zwischen CDU/CSU auf der einen und der SPD auf der anderen Seite getroffen wurde.

Die Absurdität der Triell-Konstruktion wird deutlich, wenn man sich erinnert, dass sich einst der FDP-Parteivorsitzende Guido Westerwelle sich auch zum Kanzlerkandidaten ausgerufen hatte. Wäre sein Nachfolger Christian Lindner dieser Hybris ebenfalls erlegen, dann hätte es ein Quadrell geben müssen (oder wie immer man einen solchen Vierkampf pseudofachlich genannt hätte). Zur Erinnerung: Das TV-Duell und nach ihm auch das erste Triell, das RTL und ntv vor zwei Wochen ausstrahlten, übertragen Elemente des Sports auf die Politik und reduziert diese vor allem auf die Persönlichkeitsmerkmale der Kandidaten, was angesichts komplexer Sachthemen die Diskussion erschwert.

Oliver Köhr (ARD) und Maybrit Illner (ZDF), die nun das zweite Triell moderierten (20.15 bis 21.50 Uhr), war das deutlich anzumerken. Auf der einen Seite wollten sie einen möglichst rasanten Schlagabtausch, auf der anderen Seite wollten sie viele Themen der Innenpolitik abarbeiten (die Außen- wie etwa auch die Bildungspolitik blieben außen vor). Das führte bei Köhr wie bei Illner dazu, dass ihre Fragen viel zu lang und zu kompliziert gerieten, weil sie zu viel in sie hineinpackten.

Mehrfach ging in diesen komplizierten, da verschachtelten Fragen das Erkenntnisziel aus den Augen, was die jeweils angesprochene Person dann auch erst einmal ratlos reagieren ließ. Zugleich wurden mehrfach politische Themen ineinandergerührt, die wenig bis nichts miteinander zu tun hatten, aber halt auch irgendwie abgearbeitet werden mussten. Zudem verhaspelte sich Oliver Köhr mehrmals, er hörte auch, anders als Maybrit Illner, dem, was die drei Studiogäste sagten, weniger zu, weshalb seine Interventionen stets ein wenig falsch lagen.

Köhr und Illner versäumten zudem zweimal, klare Inhaltsfragen, die Annalena Baerbock den beiden Konkurrenten gestellt hatte und von diesen ignoriert worden waren, zu wiederholen. Die Moderatoren klammerten sich also viel stärker an ihr Konzept, als dass sich auf das einließen, was im Studio geschah. Irritierend dabei, dass Köhr und Illner offenbar je ein eigenes Konzept mitgebracht und sie sich nicht aufeinander abgestimmt hatten. Anders kann man ihr Durcheinandersprechen und ihre unterschiedlichen Reaktionen auf Antworten der Kanzlerkandidaten nicht erklären. Da waren beim RTL-Triell Pinar Atalay und Peter Kloeppel deutlich besser aufeinander abgestimmt.

Die Sportifizierung des TV-Triells führte diesmal zu Beginn zu einem heftigen Wortwechsel zwischen Armin Laschet, der attackierte, und Olaf Scholz, der aus der Defensive konterte. Es war in diesem Moment zu spüren, dass der CDU-Kandidat Laschet seinen SPD-Konkurrenten provozieren wollte, der noch im ersten Triell wie ein über allen Streitereien stehender Sachwalter der Politik wirkte. Anders gesagt: Laschet gönnt Scholz die Rolle als besserer Merkel-Ersatz nicht, in der sich der Sozialdemokrat sichtlich wohlfühlt. Die Attacke Laschets funktionierte aber nur begrenzt. Zwar ging Scholz jetzt deutlich aus sich heraus, zeigte ungewohnt Emotionen, doch er replizierte allein und versagte sich jeden nur denkbaren Gegenangriff.

Der Elan von Laschet, mit dem er zu Beginn Scholz attackierte, sollte vor allem die eigene Klientel in die richtige Stimmung versetzen. Das hatte er bereits am Tag zuvor auf dem CSU-Parteitag in Nürnberg getan, als er in seiner Rede dort die Sozialdemokratie unter dem Beifall aller Anwesenden frontal angriff. Seine Stimme, die bei dieser Rede noch sehr strapaziert wirkte, hatte sich am Sonntag erstaunlich gut erholt. Doch anders als am Tag zuvor erschöpfte sich Laschet beim Triell im hastigen Durchgang durch viele Themen. Sein Schwung erlahmte. Und Scholz konnte wieder in den Merkel-Modus schalten, in dem er sich höchstens ein distanzierendes Lächeln als emotionale Reaktion erlaubte.

Die Live-Regie des ARD/ZDF-Triells forcierte den beschriebenen Streit dadurch, dass sie mehrfach zum Mittel des Splitscreens griff, man also den angreifenden Laschet und den von ihm angegriffenen Scholz in zwei parallel montierten Nahaufnahmen nebeneinander sah. Annalena Baerbock hatte den anfänglichen verbalen Schlagabtausch der beiden Herren, zwischen denen sie stand, ruhig über sich ergehen lassen. Später erklärte sie inhaltliche Differenzen der beiden Kontrahenten lapidar mit dem Hinweis darauf, dass deren Parteien ja nun seit vielen Jahren regiert hätten und hier nun zwischen Laschet und Scholz anscheinend nur Retro-Debatten ausgefochten würden, während sie selbst Zukunftsfragen stelle.

Das war überaus geschickt von Baerbock, die insgesamt wacher als ihre Kollegen erschien. Sie reagierte denn auch als einzige, als im Studio plötzlich ein lauter Knall zu hören war. Und sie wirkte mitunter präsenter selbst als die Moderatoren, etwa als sie diese daraufhin hinweisen musste, dass von den Uhren, die die Redezeit der drei Politiker festhielten – diese Zeitnahme ist ein weiteres Indiz für die Sportifizierung der Politik in Duell und Triell –, diejenige von Scholz gerade weiterlaufe, obwohl dieser bereits zu sprechen aufgehört habe.

Man kann das als eine Generationendifferenz markieren: Annalena Baerbock, 40, ist mit der Präsenz von Kameras aufgewachsen. Das Fernsehstudio ist gleichsam ein zweites Zuhause, weshalb man bei manchem Online-Parteitag der Grünen gerne eine Studiodekoration aufbaute, die an ein heimeliges Wohnzimmer erinnerte. Deshalb zeigt sich Baerbock als diejenige, die sich in dieser merkwürdigen Fernsehshow noch am wohlsten fühlt. Scholz, 63, und Laschet, 60, haben das nicht so verinnerlicht.

Am Ende des zweiten Triells, als die drei Politiker noch einmal in einer maximal 60 Sekunden währenden Rede für sich werben sollten, traten Laschet und Scholz diesmal ebenfalls vor ihre Rednerpulte. Das hatte ihnen Baerbock beim RTL-Triell vorgemacht, bei dem die beiden Männer vor zwei Wochen zur Schlussansprache noch steif hinter ihrem Pult geblieben waren. Bei Anne Will wiederholten die in der Talkshow anwesenden Parteienvertreter Malu Dreyer (SPD), Jens Spahn (CDU) und Katrin Göring-Eckardt (Grüne) zumeist nur das, was ihre Kanzlerkandidaten zuvor von sich gegeben hatten. Nur Göring-Eckardt sprach etwas an, das im Triell unerwähnt geblieben war: dass ein Gericht die Rechtfertigung, der massive Polizeieinsatz gegen Baumbesetzungen der Kohlekraft-Gegner im Hambacher Forst sei aus Gründen des Brandschutzes erfolgt, als nur vorgeschoben und damit nicht stichhaltig bewertet hatte. Dieser Polizeieinsatz, bei dem ein Videoblogger zu Tode stürzte, war in Nordrhein-Westfalen von der Laschet-Regierung initiiert worden. Anne Will hakte sofort nach: Warum Annalena Baerbock dies nicht im Triell thematisiert habe? In diesem Augenblick nun kam eine Ahnung davon auf, dass Anne Will sicher eine bessere Moderatorin für das Triell gewesen wäre als der seit einigen Monaten amtierende ARD-Chefredakteur Köhr (MDR), dem das Moderieren nicht zu liegen scheint.

Einen Grund dafür, weshalb Baerbock das Gerichtsurteil zum Polizeieinsatz nicht erwähnt hatte, deutete der Politikjournalist Robin Alexander („Die Welt“) in der „Anne-Will“-Sendung an. Alle drei Kanzlerkandidaten – selbst Laschet, nachdem sein Anfangselan erlahmt sei – wüssten, dass die Deutschen bei Politikern das Moderate und eben nicht das Aggressive liebten. Das wiederum schlug einen Bogen zum ersten Triell, in dessen Anschluss Frauke Ludowig eine unerhebliche Plapperrunde unter RTL-Prominenten moderiert hatte; sie hatte dabei den Unterhaltungsmoderator Günther Jauch mit dem Hinweis vorgestellt, dieser würde sicher von den Deutschen zum Bundeskanzler gewählt werden, wenn er denn nur kandidierten würde. Und wenn, so wäre zu ergänzen, die Kanzlerwahl so funktionierte, wie sich das Frau Ludowig als eine Variante der RTL-Dschungelshow vorstellt. Insofern also Jauch. Denn wer ist moderater als ein deutscher Moderator?

Bleibt noch eine zweite Frage: Wie kann das Panel der ARD-Befragung zum zweiten Triell vorab repräsentativ für die reale Zuschauerschaft einer Live-Sendung ausgewählt worden sein? – Und am kommenden Sonntag (19. September) gibt es dann das dritte und letzte TV-Triell, zu sehen zeitgleich bei Sat 1, Pro Sieben und auch bei Kabel 1 (20.15 bis 21.30 Uhr).

14.09.2021 – Dietrich Leder/MK

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