Das erste TV-Duell zur US‑Präsidentschaftswahl: Hillary Clinton im Wir-, Donald Trump im Ich‑Modus

30.09.2016 •

30.09.2016 • In nach deutscher Zeit der Nacht von Montag auf Dienstag (26./27. September) fand in den USA das erste von drei Fernsehduellen zwischen den Präsidentschaftskandidaten Hillary Clinton (Demokraten) und Donald Trump (Republikaner) statt. Die vom Sender NBC live übertragene Debatte vor Zuschauern in der Hofstra University von Long Island wurde hierzulande unter anderem von der ARD im Ersten Programm übernommen und simultan übersetzt. (Wer wollte, konnte beim Zweikanalton auch die Originalsprache wählen.) Das „Duell“, wie die seit 1960 übliche Auseinandersetzung zwischen den beiden Spitzenkandidaten um das US-Präsidentschaftsamt genannt wird, begann gegen 3.00 Uhr hiesiger Zeit.

Die Dekoration der Bühne ist von der Farbe Blau geprägt. Selbst die beiden in Schwarz gehaltenen Rednerpulte sind blau verblendet. Hinter den beiden Pulten sind in grauer Schrift auf dem blauen Hintergrund Auszüge aus der Verfassung der Vereinigten Staaten zu lesen. Moderator Lester Holt, der sonst beim Network NBC die Hauptnachrichtensendung präsentiert, sitzt zwei Stufen unter den leicht in seine Richtung verwinkelten Rednerpulten mit dem Rücken zu den Zuschauern, die zu Beginn darauf verpflichtet wurden, nicht mit Zwischenrufen oder Applaus zu reagieren.

Mindestens fünf Kameras – je eine für die Nahaufnahmen von Trump und Clinton, je eine für die Zweiereinstellung beider von den Seiten, eine für den Moderator – nehmen das Gespräch der Kandidaten auf, die sich bei der Kleidung auch farblich unterscheiden: Während Hillary Clinton einen roten Hosenanzug trägt, dessen Jacke hoch geschlossen ist, steht Donald Trump in einem schwarzen Anzug und – natürlich – blauer Krawatte vor den Zuschauern. Die Demokratin trägt goldene Ohrringe und eine schmale Halskette, während der Republikaner die amerikanische Flagge als Anstecker am Knopfloch des linken Jackettkragens präsentiert.

In ihrem ersten Statement spricht Hillary Clinton ihren Konkurrenten direkt an. Sie scheut – will sie auf diese Weise wohl sagen – die Auseinandersetzung nicht. Tatsächlich ist sie es, die Donald Trump immer wieder mit Bemerkungen zu seiner Biografie und der Geschichte seiner Firma sichtlich ärgert, was dessen mimische und gestische Reaktionen beweisen. Zugleich spricht sie stets in Bezügen zu Gemeinschaften: Sie erwähnt ihren Vater, einen kleinen Geschäftsmann, ihre Enkelkinder, aber auch einen Architekten, den Trump um seinen Lohn geprellt habe, eine Schönheitskönigin, die von Trump beleidigt wurde. Hillary Clinton betont also das Wir der USA, das die Arbeiterklasse, die Mittelschicht, die Frauen, die Einwanderer umfasst.

Donald Trump äußert sich stets in der ersten Person Singular. Mit dieser Selbstbezogenheit setzt er sich sogar in den Gegensatz zu seiner eigenen Partei: Als er die US-Politik der letzten 30 Jahre verdammt, für die Hillary Clinton an verschiedenen Stellen (im Senat, als First Lady, als Außenministerin) verantwortlich gewesen sei, kritisiert er nebenbei auch die Amtsführung der republikanischen Präsidenten Bush-Vater und -Sohn. Seine Legitimation bezieht Trump ausschließlich aus seinen geschäftlichen Erfolgen, mit denen er – so sagt er absurderweise – „nicht angeben“ wolle, um dann minutenlang damit zu renommieren. Und das Ich des Donald Trump kennt für jedes Problem eine Lösung.

Diese Selbstbezogenheit wird durch ein gestisches Manko zu einer Art Autismus verstärkt. Trump blickt nicht wie Clinton in die Kamera oder links und rechts an ihr vorbei, was ja den Eindruck erweckt, Clinton interessiere sich für jeden Zuschauer, sondern er schaut stets nach rechts unten (aus seiner Perspektive). Es ist dabei auch seine rechte Hand, die den Takt vorgibt. Deren Zeigefinger wird immer wieder in die Luft gestreckt, wenn er auf etwas aufmerksam machen will, dann versuchen Zeigefinger und Daumen sich an so etwas wie einer Greif- oder Messbewegung, ehe dann der rechte Arm auf- und abrudert, um so etwas wie Energie zu verkörpern. Diese Gestik, die für einen Monolog vor einem großen Publikum taugen mag, wirkt in den Großaufnahmen des Fernsehens nur grobschlächtig und gegenüber dem Moderator wie der Konkurrentin unhöflich. Hier spricht ein Gebrauchtwagenhändler, der mit aller verbaler Gewalt einen Konkurrenten im Kampf um einen Kunden ausstechen will.

Clinton setzt ihre Hände reduzierter ein, wenn sie etwas unterstreichen oder auf etwas aufmerksam machen will. Sie lächelt selbst dann den Konkurrenten an, wenn sie ihn verbal angreift. Und ihre Bemerkungen zum Moderator wirken höflich, während sie bei Trump stets rechthaberisch klingen. Anders als Trump, der seinen Kopf stets in eine leichte Schieflage bringt und mitunter einen Schmollmund zieht, hält sie ihren Kopf gerade. Hier spricht, so hat man den Eindruck, eine Lehrerin, die selbst dann noch einem ungeduldigen und unhöflichen Schüler den Respekt nicht versagt, wenn sie ihm die Leviten liest.

Der stärkste Angriffszug von Donald Trump, nämlich der Vorwurf, dass Hillary Clinton Teil des Washingtoner Establishments sei, verhilft ihr zu den besten Kontern. An einer Stelle antwortet sie sinngemäß, dass dem Anschein nach sie wohl für alles Schlechte in der Welt die Schuld trage. Diese Ironie trägt sie auch über argumentative Schwachstellen hinweg, während Trump eher hilflos erscheint, als Clinton ihn heftig kritisiert, weil er bis heute seine Steuerunterlagen nicht veröffentlicht habe. Kann es nicht sein, suggeriert sie, dass Trump keinen Dollar an Steuergeldern gezahlt habe, mit denen die Soldaten, die Ärzte, die Straßen und Brücken finanziert werden.

Auffallend an Trumps Rhetorik ist eine eskalierende Redundanz. Hat er einmal einen Gedanken gefasst, dann wälzt er diesen immer wieder um und um. Dabei steigert er bei jeder Umwälzung den Härtegrad der Bezeichnung. So spricht er zum Beispiel zunächst davon, dass die USA Arbeitsplätze an das Ausland „verloren“ hätten. Nur Sekunden später sind diese Arbeitsplätze gleichsam „ausgewandert“. Am Ende sind sie den Amerikanern „gestohlen“ worden. Die Redundanz hämmert den jeweiligen Gedanken ein, während die jeweils letzte und härteste Formulierung aus allem und jedem ein Verbrechen am amerikanischen Volk macht, das Trump nun rächen will. Einer solchen Rhetorik ist mit einem Faktencheck, auf den Clinton mehrfach hinweist, nicht beizukommen. Wer dieser Rhetorik folgen will, glaubt alles, was Trump sagt, selbst wenn es noch der größte Blödsinn ist.

Hillary Clinton spricht mehrfach davon, dass Donald Trump in seiner eigenen Realität lebe. In der Tat. Die Frage ist nur, wie viele Amerikaner in eben dieser Realität auch leben wollen. Koste sie, was es wolle.

30.09.2016 – Dietrich Leder/MK