Coronakrise: Medien, die der Logik der Opportunität von politischen Entscheidungen folgen, und das Eingeständnis eines nur reagierenden Handelns

17.03.2020 •

In diesen Tagen der durch das Coronavirus ausgelösten gesellschaftlichen Krise lernt man über das Fernsehen nicht viel Neues. Dass beispielsweise die Bedeutung des von so manchem geschmähten öffentlich-rechtlichen Fernsehens (und Radios) wächst, wenn es nicht mehr nur um Meinungen, sondern um verlässliche Informationen geht, ist so bekannt wie die Tatsache, dass der massenweise verbreitete Warnungssatz, man möge nicht in Panik verfallen, mehr von der Panik vor der Panik verrät, als den Warnenden recht sein kann.

Gelegentlich gewinnt man dann aber doch neue Erkenntnisse. Beispielsweise die, dass in den Talkshows ohne Zuschauer, die nun wegen der Pandemie außen vor bleiben müssen, die Gesprächspartner einander zuhören, statt Sätze von sich zu geben, die nur auf den Applaus des (nun ausgeschlossenen) Publikums abzielen. Auch ein Satz der Ärztin Claudia Spies in der ARD-Talkshow „Anne Will“ am vorigen Sonntag (15. März) gab zu denken. Sie verwies darauf, dass die Sitzordnung dieser Talkshow der Maßgabe widerspreche, der nach die Menschen derzeit einen Mindestabstand von zwei Metern zum Gegenüber einhalten sollten. Tatsächlich sitzen die Teilnehmer solcher Sendungen oft nur einen halben Meter voneinander entfernt. Wie sähe aber eine Talkrunde aus, in der der nun empfohlene Mindestabstand gewahrt bliebe? Würde dann der Eindruck von ideologischer Nähe vermieden, der in den Fernsehgesprächen sonst des öfteren auftaucht? Vielleicht weil dieser Eindruck durch die körperliche Nähe im Studio evoziert wird?

Noch etwas anderes wurde in der „Anne-Will“-Sendung deutlich, und zwar als es zwischen dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU) und dem Mediziner Alexander Kekulé zu einem Meinungsstreit kam. Kekulé, der das Institut für Mikrobiologie an der Universität Halle-Wittenberg leitet, hielt den Zeitpunkt der Schließung von Hochschulen, Schulen und Kindertagesstätten, wie sie am Freitag (13. März) beschlossen und ab dem folgenden Montag in allen Bundesländern durchgeführt werden sollte (und dann auch wurde), für deutlich zu spät. Laschet verwies darauf, dass zuvor die Fachleute, von der sich die Bundesregierung beraten lasse, eine solche Schließung für noch nicht notwendig erachtet hatten. Bei diesen Fachleuten handelt es sich beispielsweise um den Leiter des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, und um den Chef der Virologie an der Berliner Charité, Christian Drosten. Beide beraten nicht nur die Bundesregierung, sondern waren und sind auch die Köpfe der Krise, weil sie am laufenden Band in den Nachrichtensendungen und in den Talkshows Auskünfte geben.

So wie Armin Laschet und die Bundesregierung haben sich auch die Medien dem „Primat der Wissenschaft“ verschrieben. Nur hat die Wissenschaft durchaus unterschiedliche Ansichten darüber, was in der Krise zu tun sei. Kekulé hatte schon vor Wochen auf die Schließung der Schulen gedrängt. Nun sind Widersprüche unter Wissenschaftlern normal. Sie erscheinen nur denen ungewöhnlich, die sich wie Laschet dem „Primat der Wissenschaft“ verschreiben, ohne deren Widerspruchsstruktur zu kennen. 

Selbstverständlich steht die Politik besonders in Situationen wie der Coronakrise unter einem großen Handlungsdruck, einer Situation, in der sie sich auf die Wissenschaftler, die sie zu Rate zieht, verlassen muss. Aber sie kann nicht die Verantwortung für die Entscheidung auf diese abschieben, zumal für die Entscheidungen ja noch andere Gründe als die der Wissenschaftler mit ausschlaggebend waren. Zu diesen Gründen gehört auch eine berechtigte Zurückhaltung vor derart einschneidenden Maßnahmen wie etwa den Schulschließungen.

Wie sehr die Massenmedien und damit auch das Fernsehen dieser Logik der Opportunität von politischen Entscheidungen folgen, kann man daran erkennen, dass in den meisten Berichten aus China im Januar die Entscheidungen der dortigen politischen Führung, etwa die Provinzmetropole Wuhan, wo das Virus herkam, von der Außenwelt abzuriegeln, kritisiert wurde. Sie seien typisch für ein autoritätsfixiertes Staatsverständnis und für das drakonische Regime der dortigen kommunistischen Partei. Wenige Wochen später, als nacheinander Italien, Österreich und Frankreich ähnliches beschlossen, erscheint eben diese Maßnahme in demokratischen Staaten als absolut.

Aber selbst die Kritik an diesen Widersprüchen ist von Widerspruch nicht frei. Denn wer teilte damals diese Meinung über China nicht, weil sie doch einem Vorurteil entspreche, und wer will heute Einspruch erheben, wenn man nicht weiß, ob man mit einem Nicht-Handeln nicht der Pandemie tatsächlich weiteren Vorschub leistete?!

Auszuhalten bleibt die Erkenntnis, dass die Entscheidungen in einem solchen Krisenfall gleichsam stets zu früh wie zu spät erfolgen, so wie die Massenmedien mit ihrer Berichterstattung zum einen zu wenig und zum anderen zu viel reagieren. Nichts anderes meint der Begriff der Dynamik, den Wissenschaftler, Politiker und Journalisten seit einigen Tagen verwenden, um die Beschleunigung der Entscheidungen zu charakterisieren. Der Begriff ist das Eingeständnis eines nur reagierenden Handelns, das sich seiner selbst nicht sicher ist. Und das ist schwerer auszuhalten als der gesellschaftliche Stillstand, der derzeit verordnet wird.

17.03.2020 – Dietrich Leder/MK

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