Blatter, Jauch, Plasberg, Sky, „Bild“, Beckenbauer – und immer wieder Verlogenheit in der Debatte um Korruption bei der FIFA

05.06.2015 •

05.06.2015 • Am vorigen Montag brachen viele Kritiker ihren Stab über die jüngste Ausgabe der Talkshow von Günther Jauch im Ersten, die zum Thema „Der FIFA-Sumpf – Wie schmutzig ist unser Fußball?“ am Tag zuvor (31. Mai) stattgefunden hatte. Sicher, in dieser Stunde zwischen 21.45 und 22.45 Uhr gab es lange Phasen, in denen jeder der Anwesenden noch einmal das sagte, was alle anderen zuvor auch schon gesagt hatten. Anlass des allgemeinen Räsonnements war, dass sich zwei Tage zuvor der Schweizer Sepp Blatter erneut zum Chef des Weltfußballverbandes FIFA hatte wählen lassen – und das ungeachtet der Tatsache, dass kurz vor seiner Wiederwahl enge Mitstreiter aus dem FIFA-Vorstand auf Ersuchen von US-Ermittlern unter dem Verdacht der Bestechlichkeit und des Betrugs in Zürich verhaftet worden waren.

Bei Jauch echauffierte sich die Politikerin Claudia Roth (Die Grünen) moralisch, beschwor der Fußballkommentator Marcel Reif (Sky) wolkig die Verantwortung, die Blatter für die FIFA habe, selbst wenn dieser sich persönlich nicht bereichert habe, und Guido Tognoni, der einst unter Blatter als Mediendirektor für die FIFA arbeitete, fügte Details über das Innenleben des Verbandes hinzu. All das war nicht neu. Neu war auch nicht, was Alexander Koch zum Gespräch beitrug. Als stellvertretender Leiter der Unternehmenskommunikation bei der FIFA durfte er in der Debatte eine Nebelkerze nach der anderen zünden, unter deren Dunst und Rauch die Verantwortung von Sepp Blatter gleichsam verschwinden sollte.

Wie gesagt, kaum Neues, dazu selten gut auf den Punkt gebracht. Da fragte auf einmal der fünfte Gast bei Jauch energisch nach. Es handelte sich um Florian Bauer, der sich als sportpolitischer Reporter beim WDR seit Jahren mit den Machenschaften der FIFA beschäftigt. Er hakte nun mehrfach beim FIFA-Mann Koch nach, was denn mit der Zahlung des südafrikanischen Fußballverbandes in Höhe von 10 Mio Euro sei, die einst zuerst an die FIFA und von ihr an deren nord- und mittelamerikanischen Kontinentalverband Concacaf weiter überwiesen worden sei. Diese „Sonderzahlung“ hatte ein führender südafrikanischer Fußballfunktionär einige Tage zuvor eingestanden. Die US-Ermittler gehen davon aus, dass das Geld unter Funktionären der Concacaf verteilt wurde. Unter den in Zürich Verhafteten befand sich auch Jeffrey Webb, seit zwei Jahren Chef der Concacaf. Gegen Webbs Amtsvorgänger Jack Warner wiederum haben die US-Staatsanwälte Anklage erhoben.

Bei Günther Jauch wollte Florian Bauer nun vom FIFA-Vertreter in der Runde wissen, wer diese Überweisung von der FIFA an die Concacaf veranlasst habe. Erst redete Alexander Koch sich mit dem Hinweis heraus, das wisse man noch nicht. Bauer wies darauf hin, dass die Öffentlichkeit seit Tagen von der Überweisung Kenntnis besitze und es deshalb der FIFA doch möglich gewesen sein müsse, innerhalb von drei oder vier Tagen zu eruieren, wer die entscheidende Unterschrift auf dem Überweisungsformular getätigt habe. Nun zündete Koch eine weitere Nebelkerze, indem er vollkommen ernst erklärte, es handele sich um ein laufendes Verfahren, weshalb er dazu nichts sagen dürfe. Erst wusste er nix, dann durfte nix sagen.

Zwei Tage später, am Dienstag (2. Juni), gab dann Sepp Blatter auf einer überraschend anberaumten und dann um mehr als eine halbe Stunde verschobenen Pressekonferenz, die Sky Sport News live übertrug, am frühen Abend bekannt, dass er von dem Amt, in dem er gerade für weitere vier Jahre bestätigt worden war, zurücktreten werde. Der Grund, den er nicht nannte, wurde am nächsten Tag bekannt. Die 10-Mio-Überweisung an die Concacaf soll Blatters Generalsekretär Jérôme Valcke getätigt haben, der zu den engsten Vertrauten des FIFA-Chefs zählt. Dass Valcke eine solche Summe weiterreicht, ohne Blatter darüber informiert zu haben, ist kaum vorstellbar. Damit rückte für die Ermittler in den USA auch Blatter selbst in den Mittelpunkt ihres Interesses. Und also versuchte sich dieser aus der Schusslinie zu bringen.

Welch absurde Züge die Diskussion um die FIFA und die sie betreffenden Korruptionsvorwürfe angenommen hat, bewies noch einen Tag vor dem Rücktritt Sepp Blatters die Runde bei „Hart aber fair“ (1. Juni). In der ARD-Talkshow von Frank Plasberg wiederholte man im Grunde nur das, was tags zuvor bei Jauch bereits alles wiederholt worden war. Doch es kamen auch neue Dummheiten hinzu. So wurde beispielsweise die Forderung ventiliert, ARD und ZDF sollten auf die Übertragung der Fußball-Weltmeisterschaften verzichten, wenn sie – wie von der FIFA unter obskuren Vorgängen beschlossen – 2018 in Russland und 2022 in Katar stattfänden. Diese Forderung hatte wenige Tage zuvor die „Bild“-Zeitung aufgestellt, die bislang nicht eben als Kritikerin der FIFA oder eines deutschen Fußballfunktionärs, der für die Vergabe an diese beiden Länder gestimmt hatte, aufgefallen war.

Bei Plasberg erinnerte Sabine Töpperwien, die Sportchefin des WDR-Hörfunks daran, dass es dieselbe Zeitung gewesen sei, die noch vor rund einem halben Jahr ARD und ZDF ultimativ aufgefordert habe, endlich vom Verzicht der Übertragung der damals laufenden Handball-WM abzurücken, wo die deutsche Mannschaft gerade einige überraschende Erfolge erzielt hatte. Diese Weltmeisterschaft fand in Katar statt und ARD und ZDF hatten wegen zu hoher Rechteforderungen auf eine Übertragung verzichtet.

Das erinnert noch einmal daran, welche Verlogenheit in der Debatte um Sepp Blatter und die FIFA auch immer wieder herrscht. Unter dem Mantel dieser Debatte verfolgen viele der Beteiligten unter Anrufung von Moral und Ethik ausschließlich Eigeninteressen. Sie alle sind dafür bereit, über Korruption, Betrug, unzumutbare Arbeitszustände (beim Bau der Fußball-WM-Stadien in Katar) und über politische Verhältnisse (in den Veranstalterländern) hinwegzusehen, wenn man dabei nur nicht erwischt wird. Und der Unmut, dass der Deutsche Fußball-Bund (DFB) ebenso viele Stimmen in der FIFA habe wie etwa der Verband von Papua-Neuguinea – nämlich eine –, ist von Rassismus nicht ungetrübt.

Die heftigsten Kritiker von Sepp Blatter etwa im europäischen Fußballverband UEFA stehen wie dessen Chef Michel Platini im Verdacht, auch deshalb für die Vergabe der WM an Russland und Katar gestimmt zu haben, weil sie selbst oder Verwandte davon profitierten. Ein ähnlicher Verdacht liegt auf der deutschen Fußball-Lichtgestalt Franz Beckenbauer, der als Experte für Sky arbeitet und für die „Bild“-Zeitung unter seinem Namen schreiben lässt. Kritische Fragen hat er von den Journalisten des Pay-TV-Senders und des Boulevardblattes nicht zu erwarten.

Und so kritisieren viele deutsche Fußballreporter und -kommentatoren FIFA-Chef Blatter vor allem deshalb, weil sie über Beckenbauer nicht sprechen wollen. Sie kritisieren zu Recht die Vergabe der Weltmeisterschaft an Katar, schweigen aber weitgehend über die engen Bindungen etwa des FC Bayern München zu demselben Staat, wo der führende Bundesliga-Klub gerne mal zu hohen Gagen oder zu Werbezwecken für Volkswagen antritt. Und nicht nur das: 2013 war Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge vom Zoll am Münchner Flughafen beim Versuch erwischt worhgden, zwei teure Uhren ins Land zu schmuggeln. Er erklärte, die beiden je 100.000 Euro teuren Chronometer seien ihm von einem Gastgeber des Landes geschenkt worden, aus dem er gerade zurückgekehrt war: Katar. Sepp Blatter wurde bei so etwas jedenfalls noch nicht erwischt.

In Erinnerung bleibt deshalb der bemerkenswerte Versuch von Florian Bauer, bei Günther Jauch Licht in das Korruptionsdunkel der FIFA zu bringen.

05.06.2015 – Dietrich Leder/MK