ARD-Programmreform: Was bedeutet der Sendeplatztausch von „Weltspiegel“ und „Sportschau“?

03.11.2021 •

Als der Beschluss der ARD-Intendanten, wie das Erste Programm zu reformieren sei, am 15. Oktober bekannt gegeben wurde, atmeten viele auf. Tatsächlich war die geplante Programmänderung, die vorab den meisten Ärger bei den Mitarbeitern, aber auch unter Zuschauern ausgelöst hatte, entscheidend modifiziert worden. Der „Weltspiegel“ sollte nicht, wie noch von der ARD-Programmdirektorin Christine Strobl geplant, vom Sonntagvorabend in den späten Montagabend verpflanzt werden. Das Auslandsmagazin wird nun zeitlich um 50 Minuten vorgezogen und läuft demnächst – sogar um fünf Minuten Sendezeit erweitert – sonntags von 18.30 bis 19.15 Uhr, während die dann folgende „Sportschau“ auf den alten „Weltspiegel“-Sendeplatz rutscht und damit auf die „Tagesschau“ um 20.00 Uhr aufläuft (vgl. MK-Meldung).

Das wirkt wie ein guter Kompromiss zwischen denen, die dem Sport einen besseren Sendeplatz wünschten, und jenen, die den „Weltspiegel“ für eines der letzten großen Unterscheidungsmerkmale des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zur privaten Konkurrenz halten und ihn zur angestammten Zeit am Sonntagvorabend sehen wollen. Aber ist es wirklich ein guter Kompromiss?

Zur Erinnerung: Die „Sportschau“ am Sonntag ist seit vielen Jahren eine nur mäßig eingeschaltete Sendung. Selbst als sie den Sendeplatz der „Lindenstraße“ eroberte, die ja wegen mangelnden Zuschauerzuspruchs eingestellt worden war, blieb die „Sportschau“ weiter hinter den Quotenerwartungen (und den Zahlen der angeblich erfolglosen Serie) zurück. Nun wird sie erneut zeitlich befördert. Auf dem neuen Sendeplatz von 19.15 bis 20.00 Uhr soll sie endlich reüssieren. Sie wird zumindest die Zuschauer zusätzlich gewinnen, die irgendwann schon vor 20.00 Uhr das Erste Programm einschalten, weil sie in absehbarer Zeit dort die „Tagesschau“ und dann den „Tatort“ sehen wollen, beides Publikumsmagneten.

Warum betreibt die ARD diesen Aufwand, um einer schwächelnden Sendung mühsam Zuschauer zuzuführen? Für die „Lindenstraße“ hat man beispielsweise keinen Gedanken darauf verschwendet, ob sie auf einem anderen Termin als ihrer angestammten Sendezeit von 18.40 Uhr und 19.10 Uhr vielleicht erfolgreicher sein würde. Aus einer prinzipiellen Fürsorge einer Sportsendung gegenüber kann dieser Aufwand nicht geschehen sein, denn den „Sportschau-Club“ als Regelsendung hat die ARD gerade kurz und schmerzlos eingestellt. Die Begründung von Sportkoordinator Axel Balkausky lautete dazu: „Leider können wir aus Gründen der fehlenden Finanzierbarkeit gewisse Rechte und Formate nicht mehr erwerben beziehungsweise umsetzen.“

Dreht man ebendiesen Satz um, dann tritt der Grund zutage, der dazu führte, dass die „Sportschau“ den „Weltspiegel“ vom besseren Sendeplatz verdrängt: Die ARD hat seit der Spielzeit 2021/22 die Rechte an der zusammenfassenden Berichterstattung der 2. Fußball-Bundesliga erworben. Laut Vertrag, den die ARD mit der Deutschen Fußball-Liga (DFL) abgeschlossen hat, darf sie die Berichte von den Sonntagsspielen der 2. Liga an diesem Tag zwischen 18.45 und 21.15 Uhr ausstrahlen. Die „Sportschau“ auf dem alten, also derzeitigen 18.30-Uhr-Sendeplatz darf also erst nach 15 Minuten Sendezeit auf diese Rechte zugreifen. Ab dem nächsten Jahr kann sie ihre Sendung komplett und von Beginn an auf die jeweils drei Sonntagsspiele der 2. Liga ausrichten.

Die DFL wird mit der Verlegung der „Sportschau“ sehr zufrieden sein. Sie hat ein großes Interesse daran, dass die zusammenfassenden Berichte über die Fußball-Ligen von möglichst vielen Menschen gesehen werden. Das ist sie den Sponsoren und Werbepartnern schuldig, deren Namen in den Fernsehberichten genannt werden und deren Signets auf den Trikots der Mannschaften ebenso oft im Bild erscheinen wie die Werbebanner, die am Spielfeldrand zu sehen sind. Und dank des Magneten „Tagesschau“ wird die neu platzierte „Sportschau“ dann wahrscheinlich Zuschauer hinzugewinnen. Kann es sein, dass die ARD genau das der DFL schon in den Vertragsverhandlungen versprochen hatte? Vielleicht auch aus Kompensation dafür, dass die Zusammenfassung der Freitagsspiele der 2. Liga ebenso wie der Sonntagsspiele der 1. Bundesliga nicht im Ersten, sondern freitags abends nur beim Spartensender One und sonntags abends in den Dritten Programmen zu sehen sind?

Der „Weltspiegel“ wird auf dem neuen Sendeplatz vermutlich Quotenverluste erleiden. Es bleibt abzuwarten, ob genau diese dann eintretenden Verluste nicht in zwei oder drei Jahren die Begründung dafür liefern werden, die verdienstvolle Sendung dann doch in den späten Montagabend abzuschieben – wie von Christine Strobl eigentlich gewünscht. Der vermeintlich gute Kompromiss stellte sich dann als geschicktes Manöver der ARD-Programmdirektorin heraus, diesen ihren Wunsch wenigstens auf einen Umweg in die Tat umzusetzen.

03.11.2021 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 23-24/2021

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