Anlässlich eines Rückblicks Anmerkungen zum Autorendokumentarfilm: Heute hat es diese Form schwer

20.01.2020 •

Am 29. März 2019 starb in Paris die französische Filmregisseurin Agnès Varda, die neben ihren Spielfilmen auch eine Reihe von Dokumentarfilmen gedreht hat. Ihr letzter Film „Varda par Agnès“ hatte im Februar auf der Berlinale Premiere. Arte zeigte diese Arbeit am 18. März in einer zweiteiligen Version unter dem Titel „Agnès Varda – Publikumsgespräche“. Darin reflektiert die Regisseurin ihre filmische Praxis in einer Reihe von Vorträgen, die sie an unterschiedlichen Orten, etwa an Hochschulen, und bei unterschiedlichen Veranstaltungen wie beispielweise Festivals hielt. Die freie Rede wechselt sich mit Ausschnitten aus ihren Filmen ab. Ein ebenso kluges, wie ironisch verspieltes Nachdenken über die Möglichkeiten des filmischen Erzählens.

Die Dokumentarfilme von Agnès Varda zeichneten sich durch einen persönlichen Stil aus. Sie waren damit jederzeit erkennbar, egal mit welchen Themen sich die Regisseurin beschäftigte oder an welchen Orten sie drehte. Zugleich beglaubigte sie das, was sie in Bildern und Tönen zeigte, durch ihren Kommentar, der stets auch die Bedingungen darlegte, unter denen etwas aufgenommen wurde. Diese Form des Autorendokumentarfilms hat das öffentlich-rechtliche Fernsehen lange Jahre gepflegt und die Sender waren so an vielen bedeutenden Filmen beteiligt. Doch heute hat es diese Form schwer. Sie ist nur noch selten im Programm zu finden und wenn doch, dann nur am Rande. Die ZDF-Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“ widmet sich noch dem Autorendokumentarfilm, aber ihr Sendeplatz liegt in der Nacht von Montag auf Dienstag. Die Filme des „Kleinen Fernsehspiels“ gilt es zu entdecken, doch leider ist deren Präsenz in der Mediathek nicht von langer Dauer, da es sich oft um geförderte Kino-Koproduktionen handelt.

„Der Funktionär“ (ZDF, 28.10.) von Andreas Goldstein ist ein solcher Autorendokumentarfilm. Der Autor und Regisseur porträtiert seinen Vater Klaus Gysi, der in der DDR längere Zeit Kulturminister war. Er selbst ist dessen jüngster Sohn. Bekannter als er ist sein Halbbruder aus erster Ehe, Gregor Gysi, der für die Linke im Bundestag sitzt, aber im Film an keiner Stelle vorkommt. Der Film konzentriert sich ausschließlich auf die Biografie des Vaters und die Beziehung, die der Autor zu diesem – beruflich bedingt – oft abwesenden Vater besaß. Viele erstaunliche Archivfunde aus der Geschichte des DDR-Fernsehens und eine Reihe von Privatfotos bilden die visuelle Grundlage zu einem persönlich gehaltenen Text, den der Autor selbst spricht. (Der Ton klingt so, als wäre er nicht in einem professionellen Studio, sondern in einem Privatraum aufgenommen worden.) Deutlich wird, wie sehr sich der Vater, der 1931 Mitglied der KPD und 1946 Mitglied der SED wurde, stets an die von Moskau vorgegebenen politischen Positionen anpasste. Nicht zuletzt auch deshalb, weil er als jüdischer Intellektueller, der während des Nationalsozialismus zudem nicht nach Moskau, sondern nach England emigriert war, unter besonderer Beobachtung stand.

Das verbindet ihn mit Horst Brasch, der eine Zeitlang als Stellvertreter von Klaus Gysi gearbeitet hatte. Er wird neben anderen in dem Film „Familie Brasch“ (ARD/RBB/MDR/SWR, 9.10.) von Annekatrin Hendel porträtiert. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive der Tochter Marion Brasch, die 2012 das Buch „Ab jetzt ist Ruhe. Roman meiner fabelhaften Familie“ veröffentlicht hatte. Besonders gewürdigt wird dabei ihr Bruder Thomas Brasch, der nach seiner Ausreise aus der DDR 1976 zu einem wichtigen Schriftsteller und Filmregisseur in der Bundesrepublik wurde. Als Ergänzung zu diesen beiden klugen und materialreichen Filmen aus der deutschen Geschichte sollte man das Buch „Georg“ von Barbara Honigmann lesen. Sie porträtiert darin ihren Vater, der wie Klaus Gysi und Horst Brasch als Jude in der englischen Emigration überlebte und der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als überzeugter Kommunist in die sowjetische Besatzungszone wechselte.

Es seien noch zwei weitere Dokumentarfilme genannt, die als Produktionen der Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“ im ZDF zu sehen waren. Zum einen „HAMBI – Der Kampf um den Hambacher Wald“ (23.9.). In diesem Film beobachtet Lukas Reiter den Widerstand gegen die Abholzung eines Waldstücks in Nordrhein-Westfalen, das dem Braunkohlenabbau weichen soll. Der Autor und Regisseur war selbst in einem der Baumhäuser der Protestbewegung, als in einiger Entfernung und daher auch im Bild nicht sichtbar der Filmstudent Steffen Meyn bei der Überquerung einer Verbindungsbrücke abstürzte und starb. Der Film blendet an dieser Stelle ab und lässt das Schwarzbild eine Zeitlang stehen. Ein eindringlicher Moment der Erinnerung.

In „Aggregat“ (ZDF, 2.12.), dem anderen zu nennenden Dokumentarfilm, beobachtet Marie Wilke unterschiedliche Orte der Bundesrepublik, an denen über Politik gesprochen wird – im Besucherzentrum des Bundestags, in der Redaktion der „Bild“-Zeitung, beim Mitteldeutschen Rundfunk (MDR), wo an einer Dokumentation über Rechtspopulismus gearbeitet wird, auf einer rechten Demonstration, auf der Politiker als „Volksverräter“ und Journalisten als „Lügenpresse“ beleidigt werden. Erfasst wird nicht nur eine allgemeine Gereiztheit, welche die Bundesrepublik in der Drehzeit des Jahres 2017 zu durchziehen scheint, sondern auch das gestiegene Selbstbewusstsein eines Rechtsradikalismus, der die Gegenwart des Ausstrahlungszeitraums mitbestimmte.

Den Autorendokumentarfilm in einer kleineren Form pflegt seit längerem die Filmredaktion von 3sat in ihrer verdienstvollen Reihe „Ab 18!“, die sich 2019 den Porträts jüngerer Frauen verschrieben hatte. Besonders beeindruckend dabei die offene Form: „Dazwischen Elsa“ (3sat, 5.11.) von Katharina Pethke stellte signifikante Szenen aus dem Leben der 20-jährigen Protagonistin unkommentiert nebeneinander, so dass sich der Zuschauer selbst ein Bild von einer gewissen Orientierungslosigkeit der jungen Frau machen konnte. Der Film „Die Tochter von…“ (3sat, 5.11.), den Verena Kuri und Joakim Demmer realisierten, thematisierte hingegen den filmischen Prozess selbst, denn ihre Protagonistin bricht mehrfach aus der Rolle aus, die ihr im Film eigentlich zugedacht ist. Ähnlich selbstreflexiv war auch der außerhalb der Reihe „Ab 18!“ produzierte Film „Lucica und ihre Kinder“ (3sat, 15.4.) von Bettina Braun angelegt, denn er legte offen, was sonst in Dokumentationen und Dokumentarfilmen oft verborgen bleibt, nämlich wie eng mitunter die Dokumentaristen und ihre Protagonisten verbunden sind, aber auch zu welchen Schwierigkeiten das führt.

Beeindruckend das Mammutprojekt „24h Europe – The Next Generation” (Arte, 4.5./5.5., einige Dritte Programme und ARD-Alpha), das die Produktionsfirma Zero One Film initiiert hatte. Standen bei früheren ähnlichen Projekten Orte wie Berlin und Jerusalem im Zentrum der Aufmerksamkeit, wurden jetzt über 60 junge Menschen in Europa jeweils an einem Tag in ihrem Alltag beobachtet. Die 24 jeweils einstündigen Filme wurden nach der Echtzeit des Drehtages so synchronisiert, dass man einen faszinierenden Eindruck davon bekam, wie vielfältig und unterschiedlich das Leben der Protagonisten jeweils zur gleichen Zeit verläuft.

Im Bereich der politischen Dokumentationen ist Stephan Lamby der einzige, der so etwas wie eine Handschrift entwickelt hat und dessen Filme somit durchaus auch als Autorendokumentarfilme zu bezeichnen sind. Neben dem bereits erwähnten Film „Die Notregierung“ (vgl. Kapitel 1) legte er in diesem Jahr das Doppelporträt „Brüder Kühn – Zwei Musiker spielen sich frei“ (3sat, 21.9.) vor, für das er die beiden Jazzmusiker Joachim und Rolf Kühn über einen längeren Zeitraum begleitete und in dem er auch eine Reihe ihrer Auftritte dokumentierte.

Über die Quantität dokumentarischer Produktionen bei ARD und ZDF kann man wirklich nicht klagen. Es gibt viele solcher Sendungen zu allen nur denkbaren Themen, ob zu aktuellen Anlässen oder zu Jubiläen und anderen Erinnerungstagen. Gemeinsam ist diesen Produktionen fast durchgehend eine Austauschbarkeit der Form: Ein allwissender Erzähler im Kommentar lenkt das, was die Regisseurinnen und Regisseure selbst aufgenommen, in den Archiven gefunden, im Schnitt aneinandergefügt und mit einer Musiksoße übergossen haben. Selbst die Bilder gleichen einander: Interviews werden mindestens von zwei, wenn nicht drei Kameras aufgenommen, als wenn der dadurch mögliche schnelle Bildwechsel dem Gesagten irgendetwas an zusätzlicher Bedeutung zuweisen würde. Derzeit peppen Drohnenaufnahmen die Darstellung von Landschaftsräumen auf, als sei die so entstehende extreme Aufsichtstotale schon eine Qualität an sich. Ebenso üblich wurden Reenactment-Szenen jeder Art, die vor allem durch die misslungene Darstellung dank schlechter Regie- und schwacher Darstellerleistungen auffallen. Nicht zu vergessen die Mode der Presenter-Reportagen, die in der Regel die Prominenz des Presenters wichtiger nehmen als das, worüber dieser etwas berichten soll.

Was der Journalismus als Phraseologie kennt, also der meist besinnungslose Gebrauch von modischen Begriffen und Metaphern, taucht in dieser Sorte von Fernsehdokumentarismus in Form identischer Bild-Kommentarverbindungen und des Einsatzes einiger weniger Musikstücke auf, die möglichst eindeutig für ein Thema oder eine Stimmung stehen. Zur Formatierung gehört auch, dass der jeweilige Film, und sei es noch so kurz, möglichst eine Geschichte nach den Normen des Kinospielfilms erzählt und dass in ihm die Menschen möglichst offen über alles und jedes sprechen. Das hat Folgen.

Im Januar stellte sich heraus, dass im Film „Ehe aus Vernunft – Geht es wirklich ohne Liebe?“, gesendet im Rahmen der Reihe „Menschen hautnah“ (WDR Fernsehen, 10.1.), die Autorin Katharina Wulff-Bräutigam die Geschichten ihrer Protagonisten zugespitzt hatte. Zudem war ein und derselbe Protagonist mit anderen biografischen Angaben bereits in einem anderen Film der Autorin zu sehen gewesen. Er war gewissermaßen ein Allzweckprotagonist, der alles nur Denkbare darstellte, wenn es das Thema erforderte. Am 18. Januar gab der WDR bekannt, dass er sich von der Autorin getrennt habe. Bleibt die Frage, ob die Redaktion wohl über den Erwartungsdruck nachgedacht hat, den sie auf ihre Autorinnen und Autoren ausübte.

Die Möglichkeit der medialen Selbstreflexion vergaben zwei Porträts, die sich mit zwei Prominenten der Branche beschäftigten. Sowohl das Porträt des „Zeit“-Chefredakteurs und Talkmasters Giovanni di Lorenzo („Meister der Zwischentöne“ von Andrea Kinne; 9.3., NDR Fernsehen) als auch das des langjährigen Berlinale-Chefs Dieter Kosslick („Die Ära Kosslick – 18 Jahre Berlinale“; ZDF/3sat, 7.2./9.2.) waren nichts anderes als Hagiografien. Subtiler und ironischer war da der Film „Being David Hasselhoff“ (Arte, 11.8.), denn der US-Schauspieler scheint über seinen Status, den er in Deutschland und vor allem auch Österreich genießt, selbst überrascht zu sein.

In „Die legendäre Plattenküche – Chaos im Dritten“ (WDR Fernsehen, 2.10.) erinnerte Oliver Schwabe an eine wirklich anarchische Sendung des Westdeutschen Rundfunks, für die sich der heutige Intendant des Senders vermutlich in Permanenz entschuldigen würde.

20.1.2020 – Dietrich Leder/MK

 

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Dieser Text ist Teil des großen TV-Jahresrückblicks 2019 von Dietrich Leder in Heft Nr. 1/2020 der „Medienkorrespondenz“. Die 40-seitige Print-Ausgabe ist am 17. Januar 2020 erschienen. Das Heft kann zum Preis von 13,90 Euro (inkl. postalischer Zustellung) per E-Mail bestellt werden unter der Adresse: leserservice(at)medienkorrespondenz.de, Stichwort: „Jahresrückblick-Zusendung“ (bitte dabei unbedingt Ihre Postadresse angeben). Eine Bestellung ist auch telefonisch möglich unter folgender Nummer: 0228/26000251.

Der Titel des Jahresrückblick-Hefts lautet: „Der Mensch und seine Mediennutzung. Ein Rückblick auf das Fernsehjahr 2019 in 10 Analysen und 10 Bildern“. In den 10 Analyse-Kapiteln geht es um folgende Themen: 1) Politik, 2) Öffentlich-rechtliche Sender, 3) Private Medienunternehmen, 4) Streaming, 5) Serien, 6) Fernsehfilm, Mehrteiler, Reihen, 7) Dokumentarische Formen, 8) Sport, 9) Unterhaltung, 10) Kino, Literatur, Musik.

20.01.2020 – MK

Print-Ausgabe 3/2020

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