À la Caspar David Friedrich: Stephan Lamby lässt in seiner ARD-Dokumentation „Die Notregierung“ Politiker in die Ferne schauen

03.12.2019 •

Stephan Lamby muss während der Zeit, als er seinen Film „Die Notregierung – Ungeliebte Koalition“ konzipierte, den das Erste am Montag (2. Dezember) um 20.15 Uhr ausstrahlte, eine Ausstellung mit Gemälden von Caspar David Friedrich besucht haben. Anders lässt sich seine Idee nicht begreifen, dass all diejenigen, die er für seine Dokumentation über die Lage der Großen Koalition befragte, sich an ein Fenster stellten und hinausschauten. Ob Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) oder Alice Weidel von der AfD, ein Videoblogger oder zwei Hauptstadtjournalistinnen, ein Vertreter des linken oder einer des rechten Flügels der Sozialdemokratie – sie alle schauten aus jeweils anderen Fenstern.

Während Caspar David Friedrich etwa die „Frau am Fenster“ – das Gemälde hängt in der Alten Nationalgalerie in Berlin – aus der Tiefe des Raumes malte, nahm die Kamera von Stephan Lamby die Protagonisten seines Films meist von der Seite auf, teils in halber Rückensicht, so dass man sehen konnte, wie, aber nicht unbedingt was sie sahen. Auf dem Gemälde ist das anders. Man sieht, was sie Frau erblickt: Sie schaut auf eine eher unbestimmte Grünfläche, in der man Baumwipfel allenfalls erahnen kann. Das ist bei weiteren Rückenansichten von Caspar David Friedrich ähnlich: Auf seinem Gemälde „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ starrt die Titelfigur auf ein wogendes Nebelfeld unter sich, aus dem einige Felsen und Bergkuppen herausragen, und auf dem Bild „Der Mönch am Meer“ blickt der Geistliche auf eine dunkle Wasserfläche, die in den Himmel übergeht.

Nimmt man die Motive der Gemälde zusammen, dann stehen sie nicht für das Betrachten eines konkreten Gegenstands, einer bestimmten Person oder einer zu definierenden sozialen Situation, sondern für einen sinnierenden Blick, der in die Weite und damit ins Allgemeine schweift, statt sich an etwas Bestimmten festzumachen. Ähnliches sollten die Fensterbilder auch in der Dokumentation nahelegen: dass die Menschen, die für den Film in Interviews Auskunft gaben, nachdenken, ja, dass sie möglicherweise dem nachsinnen, was sie gerade gesagt haben. Das funktionierte vielleicht bei der ersten oder sogar noch der zweiten Einstellung dieser Art. Anschließend kam eher der Eindruck auf, dass die Fenstersteher an die Regieanweisung von Lamby dachten oder dass sie sich zwangen, so nachdenklich wie nur möglich zu schauen.

Es fehlte nur ein Bild von Stephan Lamby, wie er selbst, vor einem solchen Fenster stehend, ins Weite schaute. Bei diesem Bild hätten die Zuschauer gewusst, was er dachte: ‘So ein Pech, dass ich darauf gesetzt habe, dass Olaf Scholz und Klara Geywitz die Wahl zum SPD-Vorsitz gewinnen.’ Denn zwei Tage vor der Ausstrahlung des Films wurde dann ja bekannt, dass Saskia Esken und Nobert Walter-Borjans den SPD-Mitgliederentscheid gewannen und eben nicht Scholz und Geywitz. Bundesfinanzminister Olaf Scholz war einer derjenigen, der im Lambys Film breit Auskunft gab, vom neuen Führungsduo gab es hingegen nur ein knapp 30-sekündiges Statement und eine Mini-Aussage von Walter-Borjans, obgleich von dieser Doppelspitze doch nun die größte Gefahr für jene Große Koalition ausgeht, von der Lambys einstündige Dokumentation erzählte.

Etwas bleibt noch in Erinnerung, nämlich dass der ehemalige Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen in dem Film davon phantasierte, dass es an „politischen Feinden“ gelegen hätte, dass er seinen Job verloren habe. Der Mann ist nicht nur, wie seine Berufspraxis zeigte, auf dem rechten Auge blind, sondern nimmt auch sonst die Wirklichkeit nicht mehr richtig wahr.

03.12.2019 – Dietrich Leder/MK