6 Minuten und 20 Sekunden: Die im Internet vielbeachtete Rede der Emma Gonzáles bei der Demonstration „March for Our Lives“

26.03.2018 • Wenn man am vergangenen Samstag (24. März) nachmittags gelegentlich ins  Programm des US-Nachrichtenkanals CNN hineinschaute, so war dort nichts von der großen Demonstration „March for Our Lives“ in Washington zu sehen, wo gegen die laschen Waffengesetze in den USA protestiert wurde. Am Abend dieses Samstags gab es dann im ZDF für Hannelore Hoger in ihrer Rolle als Kommissarin Bella Block die Abschiedsvorstellung und dabei wurden die Männer, die sie Zeit ihres fiktionalen Lebens begleitet haben, in die Luft gejagt, schwer misshandelt und angeschossen. „Am Abgrund“ hieß die letzte Folge der Fernsehfilmreihe „Bella Block“, wobei diese Folge mehr Spannung besaß, als sie erzählerische Logik aufwies. Redaktion (Pit Rampelt) und Regie (Rainer Kaufmann) wollten es zum Schluss wohl einmal richtig krachen lassen, was für diese Krimireihe ja eher untypisch war.

Am nächsten Tag wird in den sozialen Netzwerken und auch auf den Internet-Seiten der Tages- und Wochenzeitungen vor allem eine Rede beachtet, die auf der Kundgebung in Washington gehalten worden war. Es handelte sich um einen Mitschnitt der Live-Übertragung, bei dem man die Uhrzeit und damit die Dauer des Geschehenen genau festlegen kann. Der folgenden Beschreibung liegt der Mitschnitt des öffentlich-rechtlichen US-Senders PBS zugrunde, der – anders als etwa CNN – das Bild nicht durch Texttafel- und Laufschrift-Einblendnugen teilweise verdeckt.

Es ist 11.32 Uhr Orts- und 19.32 Uhr deutscher Zeit, als die 18-jährige Emma Gonzáles an die beiden Mikrofone tritt. Die junge Frau mit den kurz geschorenen Haaren, die schon in den Tagen nach dem Massaker in ihrer Schule in Parkland (Florida) zum Gesicht des Anti-Waffen-Protests wurde, trägt über einem weißen T-Shirt eine olivfarbene Jacke, die zugeknöpft ist. Auf dem rechten Ärmel kann man einen Aufnäher mehr erahnen als erkennen, es sieht nach der kubanischen Flagge aus. Auch auf dem linken Arm ist ein Aufnäher zu sehen, aber nicht zu identifizieren. Zudem trägt Emma Gonzáles eine Reihe von Buttons auf der Weste und einen Aufnäher über ihrem Herzen, auf dem man gerade noch „Change the“ lesen kann.

Als die Demonstranten sie erkennen, bricht ein Jubelsturm los. Die Regie von PBS schneidet deshalb auf eine extreme Aufsichtstotale um, der die Menschenmenge unterhalb der Rednerin zeigt. Die Kamera schwenkt dabei leicht nach rechts. Emma Gonzáles beginnt, indem sie von jenen 6 Minuten und 20 Sekunden spricht, in denen in der Schule 17 ihrer Freunde getötet und 15 schwer verletzt worden sind. Nachfolgend beschreibt sie, wie es für sie und ihre Mitschüler war, als sie im Chaos nach der Tat stundenlang nicht wussten, was geschah und was mit jenen war, die nicht mit ihnen zusammen waren. Emma Gonzáles liest ihre Rede ab, sie schaut ab und zu kurz hoch, um dann wieder auf den Text zu blicken, der vor ihr auf dem Pult liegt. Sie liest rasch, als fürchte sie, ihre Stimme zu verlieren. Als sie von denen spricht, die sie an jenem Tag vor ihrer Schule vermisste und von denen sie damals nicht wusste, dass sie schon seit Stunden zu atmen aufgehört hatten, kippt ihre Stimme.

Jetzt schneidet die Live-Regie um zu den Demonstranten. Man erkennt zwei Frauen in der Bildmitte, die jüngere lehnt ihr Gesicht an den Hals der älteren, die wiederum das Gesicht der jüngeren umfasst, als wolle sie diese trösten, während sie selbst um die Fassung ringt. Dieses Live-Bild muss in diesem Moment auch auf den großen Displays, die hinter der Rednertribüne angebracht sind, erschienen sein. Denn die junge Frau erkennt sich und sie beginnt zu jubeln, so wie Zuschauer bei einem Fußballspiel oder einem Rockkonzert, die sich im Live-Bild erkennen. Inmitten der Trauer ist diese Reaktion vollkommen unangemessen und doch geschieht sie unwillkürlich, ohne Steuerung durch das Bewusstsein. Die Regie schneidet denn auch sofort wie auf die Rednerin um.

Emma Gonzáles nennt nun die Namen jener, die an jenem Tag beim Amoklauf eines 19-Jährigen in Parkland ermordet wurden. Bei den ersten, die sie kannte, fügt sie kleine individuelle Erinnerungen bei. Wieder kippt ihre Stimme und man sieht der Rednerin an, wie sie darum ringt, weitersprechen zu können. Sie wischt sich über das Gesicht und vermutlich die Tränen beiseite. Die Regie schneidet auf zwei junge Frauen um, die zu Emma Gonzáles hochblicken und ernst ausschauen. Nach einem kurzen Rücksprung zur Rednerin werden die nächsten Zuschauerinnen eingeschnitten, drei junge Frauen. Die eine, die leicht versetzt hinter den beiden anderen steht, wischt sich Tränen aus dem Gesicht, wozu sie die Brille anheben muss. Die, die vorne links steht, schaut ernst. Ähnlich auch ihre rechte Nachbarin, die aber, als sie dieses Live-Bild und damit sich auf dem Display sieht, erschrickt und sich dann lächelnd zu der jungen Frau neben sich umschaut. Ein Verlegenheitslächeln, gewiss.

Bei den letzten Namen kann Emma Gonzáles nichts Persönliches hinzufügen, vermutlich kannte sie diese Schüler nicht näher. Während sie immer schneller die Namen verliest, muss sie sich mehrfach die Tränen aus dem Gesicht wischen. Bei nun folgenden Zwischenschnitten richten sich die Kameras seitlich auf die Demonstranten; die Gefahr, dass diese sich erkennen und damit unverhältnismäßig reagieren, ist so deutlich kleiner. Emma Gonzáles sagt, dass all die Genannten nie mehr... – dann stoppt sie mitten im Satz. Das letzte Wort, „never“, sagte sie laut. Dann beginnt sie zwei Minuten und drei Sekunden nach dem Beginn ihrer Rede zu schweigen. Dieses Schweigen wird vier Minuten und 17 Sekunden anhalten.

Emma Gonzáles schaut geradeaus. Die Kamera zeigt sie in einer weiteren Einstellung, so dass man die Aufschrift auf dem Pult lesen kann: „March for Our Lives“, wozu die Silhouetten von vier Menschen je ein Ausrufezeichen bilden. Es ist ruhig auf dem Platz, bis jemand zu rufen beginnt. Emma Gonzáles muss tief durchatmen. Die Rufe werden lauter. Nun schneidet die Regie auf eine umgekehrte Perspektive um. Man erkennt im Vordergrund den Rücken der schweigenden Rednerin. Hinter ihr sind die Teilnehmer an der Kundgebung zu sehen, aber auch ein Lautsprechergerüst und eine Plattform, auf der diverse Kameras stehen, eine von ihnen auf einem Mini-Kran. Das Bild von dieser Krankamera wird wenig später eingeschnitten, doch dessen Bewegung wird durch Zwischenschnitte auf einzelne Demonstranten – alle jung, alle bewegt – unterbrochen. Klatschen ertönt, verstummt wieder. Die Rednerin hält ihr Manuskript nun in der Hand, schaut aber weiter in die Menge. Von dieser Nahaufnahme schneidet die Regie nun in eine Totale, so dass man hinter der Rednertribüne das Kapitol im Licht der Mittagssonne erkennt.

Emma Gonzáles kämpft nun sichtlich mit den Tränen. Daraufhin schneidet die Regie in die bislang weiteste Totale, die den großen Platz umfasst. Der Rednerin fließen die Tränen das Gesicht hinunter. Sie wischt sie nicht mehr weg. Nach knapp zwei Minuten des Schweigens beginnen Sprechchöre „Never again!“ zu rufen. Vielleicht um Emma Gonzáles das Mitgefühl auszusprechen, vielleicht um das anstrengende Schweigen zu durchbrechen. Andere Menschen, so zeigen es weitere Zwischenschnitte, schweigen. Die Rufe werden lauter. Einige der Jugendlichen, die „Never again!“ riefen, müssen angesichts dessen, was ihr Rufen auslöste, lächeln.

Dann herrscht wieder Schweigen. Ein Zwischenschnitt zeigt ein Plakat, das von einem Demonstranten hochgehalten wird. Auf dem Plakat ist Emma Gonzáles zu erkennen, dazu die Aufschrift „I Stand With EMMA we call BS“. „BS“ meint „Bullshit“. Als „Bullshit“ hatte die Schülerin auf einer Demonstration kurz nach dem Massaker die Ausflüchte der Politik bezeichnet, die gegen eine Verschärfung der Waffengesetze eintraten. Es sind die Kürzel des Protestes, die sich nicht auf fatale Diskussionen mit der Waffenlobby und der mit ihnen verbandelten und finanziell verbündeten Politiker einlassen, und das Schweigen, die wirken.

Jemand tritt an die Rednerin heran, fasst sie an die Schulter und flüstert ihr etwas zu, was nicht zu verstehen ist. Dann ertönt ein Klingeln, wie es die Stoppuhr eines Mobiltelefons erzeugt, wenn eine vorher eingestellte Zeit abgelaufen ist. Es ist genau 6 Minuten 20 Sekunden her, seit Emma Gonzáles ihre Rede begonnen hatte. Sie schaltet das Klingeln aus und fährt mit ihrer Rede fort. Das sei genau die Zeitspanne gewesen, in der der Täter mit seinem Gewehr geschossen habe, ehe er habe fliehen können, bis er nach einer Stunde gefasst worden sei. „Kämpft für euer Leben, bevor es jemand anderes es unterbricht!“, ruft Emma Gonzáles.

Sie tritt nach hinten ab. Eine Steadycam-Kamera geht vor ihr her und schwenkt mit ihr mit, als sie in einem Zelt von ihren jugendlichen Mitstreitern umarmt wird. Sie lächeln. Draußen schwenkt die Kran-Kamera über die Menge, die daraufhin ihre vielgestaltigen Schilder in die Luft reckt und die ruft: „Stand up!“

26.03.2018 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 13/2018

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