Yu Minobe/Julia Shimura: Forever Fukushima. Zehn Jahre nach der Katastrophe (RBB Kultur/Deutschlandfunk/WDR)

Gänsehaut-Feature

26.03.2021 •

Vor zehn Jahren, am 11. März 2011, kam es zur Reaktorkatastrophe im Atomkraftwerk von Fukushima Daiichi, nachdem sich zuvor ein Erdbeben und ein Tsunami ereignet hatten. Es war ein nuklearer Super-GAU. Zehn Jahre sind zwar nach menschlichem Ermessen eine relativ lange Zeit, aber es wird wohl eine halbe Ewigkeit dauern, bis sich die Region Fukushima auf der japanischen Hauptinsel Honshu von den Folgen des Atomunfalls erholt haben wird.

Für die Menschen, die das Unglück überlebt haben, gilt, dass sie davon für ihr ganzes Leben – sozusagen ‘für immer’ – geprägt sind. Das Feature „Forever Fukushima. Zehn Jahre nach der Katastrophe“ von Julia Shimura und Yu Minobe porträtiert drei Menschen, die heute wieder in der Region leben, die aufgrund des Atomunfalls in der ganzen Welt bekannt wurde. Das Hörfunkstück ist eine unter Regie von Giuseppe Maio entstandene Koproduktion des RBB (federführend; Redaktion: Mareike Maage) mit dem WDR und dem Deutschlandfunk (DLF).

„Ich werde Fukushima niemals vergessen. Egal, wo ich wohne.“ Mit diesen Worten eröffnet die Journalistin Natsuko Katayama das Feature. Sie gehört mit dem Landwirt Hiroshi Miura und dem Fischer Takayuki Atsumi zu den Protagonisten dieser „Geschichte von drei Menschen“. Katayama war bereits vor der japanischen Nuklearkatastrophe mit Umweltthemen befasst und wurde dann von ihrer Zeitungsredaktion zur Fukushima-Berichterstattung abgestellt. Im Zuge ihrer Recherchen entstanden auch Gespräche mit Arbeitern der Tokyo Electric Power Company (kurz: Tepco), die für den Betreiber des Atomkraftwerks auf dem stark verstrahlten Gelände, soweit möglich, Räumungs- und Sicherungsmaßnahmen durchführten. Veröffentlicht wurden die Interviewtexte in der Tageszeitung „Tokyo Shimbun“.

Hiroshi Miura betätigte sich 2011 als Reisbauer. Er war nach Fukushima zugezogen und experimentierte mit der Zucht verschiedener alter Reissorten und auch mit dem Vertrieb, indem er, anders als die meisten Bauern dort, auf Direktvermarktung setzte. Nach dem Atomunglück zog er zunächst nach Tokio. Er kehrte aber bald schon wieder zurück und ist heute Solar-‘Farmer’. Takayuki Atsumi kam nach der Katastrophe zunächst in einer der Notunterkünfte unter, lebt heute jedoch schon lange wieder im Küstenort, in dem er aufwuchs. Heute züchtet er Austern und Seescheiden.

Das Feature konzentriert sich ganz auf seine Protagonisten. Es ist erkennbar, dass diese hier nicht nur als O-Tongeber dienen sollen. Sie bekommen Raum, um ihre authentischen persönlichen Geschichten mit eigener Stimme zu schildern. Für Features übliche Expertenkommentare im O-Ton gibt es dementsprechend in diesem Stück nicht. Und auch das Autorenduo hält sich mit seiner Sichtweise zurück und verzichtet gänzlich auf wertende Kommentare zu den O-Tönen. Für neutrale Informationen ist dennoch Platz. So erfährt man etwa: „Es gibt immer noch etwa 30.000 Geflüchtete, die außerhalb der Präfektur Fukushima leben. Eine Zone von über 300 Quadratkilometern bleibt jedoch unbewohnbar, unbetretbar, verstrahlt auf Jahrzehnte – wenn nicht Jahrhunderte.“

Das Vorgehen, auf eine möglichst wahrhaftige Repräsentation der Interviewten und ihrer Perspektiven zu setzen, ist sensibel und auf gewisse Weise ambitioniert. Am deutlichsten wird dieser Stil in den Abschnitten, die dem Fischer Atsumi gewidmet sind. Er hat die Seescheidenzucht mit Leinen, an denen Austernschalen aufgefädelt sind, nach der Reaktorkatastrophe fortgesetzt. Seescheiden kommen in der Region auf natürliche Weise vor, die Larven setzen sich auch an den Austernschalen fest und brauchen dann drei Jahre zum Heranreifen. Anders als seine Fischerkollegen verkauft Takayuki Atsumi die von ihm geernteten Meeresfrüchte nicht zwecks Vernichtung an Tepco, sondern er bringt sie trotz des negativen Image auf den Markt. Die Ware wurde vorher von ihm auf Radioaktivität getestet und ist nicht belastet. Für ihn ist das Ganze bisher ein Verlustgeschäft, aber er bleibt damit unabhängig vom Energiekonzern Tepco.

In „Forever Fukushima“ wird die Geschichte der sich gegen Atomkraft engagierenden Anwohner zum emotional anknüpfungsfähigen Storytelling. In die Atmosphäre einzutauchen, wird den Hörern auch durch die hervorragenden Sprecherinnen und Sprecher erleichtert (Luise Wolfram, Lisa Hrdina, Sascha Nathan, Jens Wawrczeck, Robert Frank) und es wird zudem durch die Musikwahl – ruhiger Folk in japanischer Sprache – unterstützt. Spannung entsteht zum einen durch das immer wieder auftauchende Pulsieren tief surrender oder hell fiepsender Störgeräusche und zum anderen durch den sehr gut herausgearbeiteten Kontrast zwischen idyllischer Landschaft und unsichtbarer Bedrohung durch radioaktive Strahlung. 

Forever Fukushima“ ist eine unbedingte Hörempfehlung, denn es ist, so kann man sagen, ein echtes Gänsehaut-Feature. Zum Download und als Stream steht das Stück in den Mediatheken von RBB, WDR und Deutschlandfunk weiterhin zum Anhören bereit. Online ist das Feature auch beim DLF in der 53-minütigen Komplettlänge zu hören, während es im linearen Programm auf dem entsprechenden Dienstag-Sendeplatz (19.15 bis 20.00 Uhr) in einer etwas kürzeren Version ausgestrahlt wurde.

26.03.2021 – Rafik Will/MK

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