Wittmann/Zeitblom: r_crusoe™ (Deutschlandfunk)

Ziemlich Flaches maximal hoch gestapelt

18.03.2021 •

Jetzt ist es also endlich vorbei mit der Menschheit. Aber es gibt da noch ein letztes Exemplar. Dessen Hirn wird zu Beginn des Hörspiels „r_crusoe™“ (englisch ausgesprochen: R Crusoe Trademark) von einer humanoiden Maschine abgetastet, deren Finger „dünn und filigran wie Spinnenbeine“ sind. So wird die Neuronenstruktur der „sämigen Oberfläche“ des Gehirns kartiert und dabei in einen Rechner hochgeladen. Nach diesem Tiefenscan wird die Wetware in einen Eimer für biologische Abfälle geworfen. Ein paar Metaphern und Adjektive hätte man da gleich mitentsorgen können.

Das Leben von r_crusoe™ als dem letzten und nunmehr künstlichen Menschen beginnt in einer dystopischen Welt. Allerdings nicht ohne dass das Autorenduo Christian Wittmann und Georg Zeitblom alias wittmann/zeitblom ihm noch ein Gedicht von William Blake mit auf den Weg geben („The Lamb“ aus dem Jahr 1789) und die Hörer explizit mit einer Triggerwarnung versorgen: „Dieses Werk enthält Informationen zu technischen Entwicklungen, die beim Hörer Angst, aber auch Empörung auslösen können.“

Schon die ersten drei Minuten des Hörspiels sorgen also gleich für schlechte Laune: verbrauchte Metaphern, bildungshubernde Lyrik und pseudoironische Fürsorglichkeit. Denn wenn ein Hörspiel im Stück selbst mit einer Triggerwarnung arbeitet, dann kann man sich sicher sein: Es wird nichts vorkommen, was einen erwachsenen Hörer auch nur ansatzweise schockieren könnte.

Die rund 55-minütige posthumane Robinsonade „r_crusoe™“ (Koproduktion: Deutschlandfunk/SWR) bildet den Abschluss von Wittmanns und Zeitbloms Trilogie über künstliche Intelligenz, die 2018 mit „@Wonderworld – The Story of Alice & Bob“ (ebenfalls Deutschlandfunk/SWR) begonnen hatte und 2020 mit „Tell me something good, Stockhausen!“ (NDR/BR/Deutschlandfunk) fortgesetzt wurde. Um große Worte sind die beiden Autoren nie verlegen, wenn es darum geht, das Diskursfeld abzustecken, auf dem sie sich bewegen wollen. Da sollte in „@Wonderland“ ein Bogen gespannt werden von „den Minima Moralia zur radikal geistesgegenwärtigen Maschinenphilosophie Martin Burckhardts, von Marinettis Dynamismus zum Echtzeitdasein digitaler Nomaden, von Richard Sennetts Handwerk zum Phänomen der Co-Working-Community“ und so weiter und so fort. In „Tell me something good, Stockhausen!“ sollte uns ein neues Wesen „durch Beobachtungen aus unserem schizophrenen, medialen, postfaktischen, von disruptiven Technologien und Denkschablonen geprägten Alltag“ steuern und zudem „die unausweichliche Notwendigkeit des Datazentrismus“ propagieren.

In „r_crusoe™“ schließlich wollen die Autoren „unter Zuhilfenahme klangsynthetischer Mittel über die existenzielle Frage nach der Beschaffenheit von Realität meditieren: Ist die Welt eine leere Projektionsfläche, auf die der Mensch malt, oder existiert sie als Korallenriff, als Sukkulentenkolonie, als Monarchfalter, als terrestrischer Komposthaufen?“

Nun muss man die Paratexte zu einem Hörspiel nicht unbedingt allzu ernst nehmen, denn entscheidend ist, was auf der Sendefläche passiert. Den Verdacht, dass hier etwas ziemlich Flaches maximal hoch gestapelt wird, darf man aber schon haben. Im Ankündigungstext zum aktuellen Wittmann-Zeitblom-Stück erfährt man außerdem, dass der Hochleistungsrechner G.A.I.A. „im bio-adaptiven 3D-Druck-Verfahren ein neues, humanes Wesen“ modelliert hat, aber „(aus ökologischen Gründen?) keine Begegnung mit Freitag vorsieht“, was die selbstauferlegte Mission (von G.A.I.A. oder r_crusoe™, man weiß es nicht), nämlich „die Wiederbesiedlung des Planeten“, nicht eben einfacher macht.

Georg Zeitblom versorgt das Stück mit elektronischen Klängen, zitiert Wagner (das Tristan-Motiv, natürlich) und einen Blues von Al Bowlly (von einer Schellackplatte, was sonst?). Christian Wittmann spricht, neben der an Daniel Defoes „Robinson Crusoe“ angelehnten Hauptfigur, auch sämtliche Untereinheiten von G.A.I.A.. Als r_crusoe™ soll er die Lücke schließen, die seit der Auslöschung des Homo sapiens klafft. Als Steuerungsprogramm e_cursor fährt er r_crusoe™ bei sensorischer Überlastung auch schon mal runter und als Unterprogramm History Management Service macht er sich auf die Suche nach der Ursache des Aussterbens. Dabei stehen biologische wie elektronische Viren zur Auswahl, außerdem posttraumatische Belastungsstörungen oder die Hybris der Menschheit überhaupt. Schließlich könnten auch den Menschen implantierte und vernetzte Nanopartikel, die zum kollektiven Selbstmord umprogrammiert worden sind, Ursache der Menschheitsdämmerung gewesen sein.

Kurz, das ganze Arsenal klassisch-dystopischer Topoi kommt hier zur Anwendung. Außerdem noch ein Hund als bester Freund auch des künstlichen Menschen. Das Ganze gipfelt – worin auch sonst? – in Naturesoterik vom Feinsten, wenn sich r_crusoe™ im aktuellen Sprachgebrauch mit nicht-menschlichen Partnern verbindet, will heißen, sich mit einem Rhizom, einer Sukkulente oder einem Monarchfalter vereint. Das von Richard Strauss vertonte kitschige Gedicht „Morgen!“ von John Henry Mackay bildet den krönenden Abschluss. Mehr Klischee geht nicht. Und eine Frage wird im Lauf des Hörspiels immer drängenden: Meinen die das wirklich ernst?

18.03.2021 – Jochen Meißner/MK

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