Wittmann/Zeitblom: Ocean World (Deutschlandfunk/NDR Kultur)

Auf Melvilles Kurs

21.06.2021 •

„Phylogenetisch kommen wir aus dem Wasser.“ Mit diesem Satz beginnt das Stück „Ocean World“, der neue, im besten Sinne uferlose Radioessay des für seine klanglich elaborierten, performativ-experimentellen Inszenierungen bekannten Berliner Duos wittmann/zeitblom – und das klingt fast zu bescheiden. Schließlich bestehen wir selbst zum größten Teil aus Wasser und sind auf flüssigen Betriebsstoff angewiesen. Der Mensch schwimmt im Sein. Freilich ist da sehr viel Sein und sehr wenig Wasser, wie wir in diesem vorzüglich komponierten Stück lernen: Nur 0,02 Prozent der gesamten Erdmasse gehören zur Hydrosphäre, so blau der Planet aus dem Weltall auch aussieht.

Und doch: Alles fließt. Da verwundert es nicht, dass die Hermeneutik, das Weltverständnis, immer schon eng mit der Nautik verbunden war, was sich in die digitalen Ozeane der Gegenwart fortgesetzt hat. Auch im Internet wird „navigiert“, auf Cyberwellen „gesurft“. Wiewohl solche metaphorischen, poetischen und sozialen Ausflüsse des Allfließenden in „Ocean World“ eine große Rolle spielen, stechen wittmann/zeitblom (Christian Wittmann und Georg Zeitblom) hier aber noch einmal ganz klassisch in See.

Unter atmosphärisch anbrandendem Meeresrauschen geht es in der 53-minütigen Produktion weit hinaus auf die Weltmeere und tief hinein in die Bedeutungsgeschichte des großen Wassers. Die stolz geblähten Segel bestehen aus kunstvoll vernähten Zitaten über die Erhabenheit des Ozeans, die von Leslie Malton, Trystan Pütter, Alice Dwyer und Christian Wittmann aus verschiedenen Windrichtungen eingesprochen werden. Zu Beginn entstammen sie auffällig häufig Herman Melvilles „Moby Dick“ („Nach dem Leviathan leuchtet der Weg“), dem vielleicht weitsichtigsten aller Seefahrerromane, in dem sich bereits alle großen Widersprüche der Neuzeit äußerst kunstvoll an der wilden Oberfläche des Meeres brechen. Was uns die Audiokünstler Wittmann und Zeitblom nun präsentieren, ist so etwas wie eine freie Improvisation über den Tiefengehalt von Melvilles Roman.

Akustisch ist diese Reise unentrinnbar gegenwärtig: Wir hören den piependen Sound des Radars, vernehmen befremdliche Funksignale mit Strömungsangaben („East Greenland Current“, „Portugal Current“), folgen wabernd freischwebenden Unterhaltungen an Deck. Obwohl ein Kapitän am Steuer steht, handelt es sich um eine Art Geisterschiff, denn der „Captain“ ist eine Chiffre: Mal gleicht er durchaus Melvilles obsessivem Waljäger Ahab, diesem modernen Sisyphos, dann wieder Eroberern wie Kolumbus oder Cortés, dem Tourismus-Erfinder Thomas Cook oder dem Dampfschiffer James Watt.

„Das Meer ist Vermittlung wie das Geld, es ist das ins Geografische gewandte Tauschmittel“, heißt es mit dem Philosophen Georg Simmel. Und spätestens da wird klar, dass wittmann/zeitblom keinen romantischen Blick im Sinn haben, nicht das Unschuldige des Meeres, wie es vom Ufer aus erscheint, sondern seine politisch-wirtschaftlich-soziale Dimension, die ohne Kriegsschiffe und Piraterie aller Art unzureichend erfasst wäre. Transportiert werden auf dem Geisterschiff denn auch wertvolle Rohstoffe, Leckereien wie Granatäpfel, aber ebenso Waffen und tödliche Viren; Sklaven bringt man in die eine, Unternehmer in die andere Richtung. Irgendwann überqueren den Ozean dann vor allem Daten, Unterseekabel machen es möglich.

Das Meer war nie Trennendes, verdeutlicht all das, sondern immer Verbindung, das Ur-Medium schlechthin. Es verschaltete Kulturen und Techniken und spätestens seit dem 15. Jahrhundert ist es eine von Pol zu Pol reichende Handelsplattform, die ganze Reiche hinwegschwemmte. Die experimentelle Soundkulisse mit stimmungsvollem Gesang (Maria Goja, Christian Wittmann), düsterer Orgeluntermalung (Maria Goja) und basslastigen Elektroklängen (Georg Zeitblom) übersetzt diese Einsicht in eine geradezu sinnliche Erfahrung.

Es beeindruckt, wie die zunächst zufällig wirkende Auswahl aus dem selbst ozeanbreiten Fundus an literarischen Bezugnahmen auf das Meer – von Francis Bacons „Nova Atlantis“ bis zu Derek Walcotts den Sklavenhandel anklagendem Gedicht „The Sea Is History“ – im Lauf des Stücks immer mehr die Kontur einer Erkenntnis gewinnt: dass Entdeckereuphorie und Eroberungskriege, dass Handel und Ausbeutung sich auf dem alles verbindenden Meer nicht trennen lassen. Sie sind Bug und Heck desselben Schiffs.

Und doch befindet sich all das nur an der bewegten Oberfläche des Ozeans (gerade einmal 500 Jahre Welthandel), die wir – leckgeschlagen und ins ewige Dunkel des Marianengrabens sinkend – schließlich verlassen, um zu finalen Fragen vorzudringen: Wie wird es sein, wenn der Mensch sich durch den Klimawandel, der zu einer kosmischen Verdunstung der 0,02 Prozent Wasser führen könnte, dereinst aus dem Spiel genommen hat? „Ohne mich wird die Erde noch drei bis vier Milliarden Jahre lang eine heiße und trockene Existenz fristen, bis sie von der finalen Explosion der äußeren Sonnenhaut entweder verschlungen oder ins Weltall gestoßen wird.“

Die Havarie des Captains wirkt wie eine Art dystopische Rückkehr des personifizierten Seehandels in den (immerhin noch nicht ausgetrockneten) Uterus der menschlichen Kultur, markiert aber gar nicht das Ende des Hörspiels. Noch einmal kämpfen wir uns mit Alfred Tennysons Kraken zurück („dann wird brüllend er auftauchen und an der Oberfläche vergehen“), um ein letztes Schiff zu besteigen, das nach Atlantis sucht, ein Raumschiff diesmal, das am Ende seiner Reise tatsächlich auf Wasser stoßen wird: auf dem Mars. So geht die Jagd nach dem Leviathan, dieser folgenreiche Komplex aus (europäischem) Fortschrittsglauben und Schuldverstrickung, in eine weitere Runde. Wie vielschichtig, philosophisch und klangvoll wittmann/zeitblom dieselbe in den Wassern der Welt gespiegelt haben, ist faszinierend.

Der Radioessay „Ocean World“ ist eine Koproduktion von Deutschlandfunk (federführend; Dramaturgie: Sabine Küchler) und Norddeutschen Rundfunk (NDR) in Zusammenarbeit mit dem Projekt „Oceans 21“, einer wissenschaftlichen und künstlerischen Reihe „zur Faszination und Gefährdung der Ozeane“ (oceans21.org). Das Hörstück ist in den Internet-Angeboten von Deutschlandfunk und NDR bis Mai 2022 weiterhin zum Nachhören abrufbar.

21.06.2021 – Oliver Jungen/MK

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