Wittmann/Zeitblom: BeatTheater 2011. Eine Hörcollage in zehn Formteilen. Nach einem Exposé von Ferdinand Kriwet (1964) sowie unter Verwendung von Originalzitaten (Deutschlandradio Kultur)

Unterbrechung und Rhythmusgebung

08.04.2011 •

Ferdinand Kriwet, Autor von Hör- und Sehtexten, bildender Künstler und einer der wichtigsten Wegbereiter des Neuen Hörspiels, ist zurück im Radio! Fast 50 Jahre nach seinem Debüt „Offen (Hörtext 1)“ und fast 30 Jahre nach seinem letzten Stück, „Radio (Hörtext 16)“, haben der Schauspieler und Regisseur Christian Wittmann und der Komponist und Hörspielmacher Zeitblom ein „Exposee für Beattheater“ ausgegraben und auf dessen Grundlage ein Hörspiel produziert, das den Maximen Kriwets mehr als gerecht wird: „Statt die für unsere Zeit typischen Phänomene zu beschreiben oder auf der Bühne mit Papprequisiten nachzumachen, versuche ich sie zu einer Form zu komponieren, die sowohl Ausdruck für progressives Komponieren mit Sprache, wie auch Ausdruck des geschichtlichen Moments ist, der sie sich schließlich verdanken.“

Der geschichtliche Moment, in dem das Autorenduo Wittmann/Zeitblom sein Stück realisiert hat, ist ein anderer als der, in dem Kriwet seine Konzeption verfasst hat. Beats kommen heute fast nur noch im Plural vor, der Singular ist für jene Generation reserviert, die den Undergroundpoeten Burroughs und Ginsberg zuhörte – denen Wittmann/Zeitblom zitierend ihre Reverenz erweisen. Was Beat heute sein kann, haben die Macher ihre Mitwirkenden gefragt. Die Antworten reichen von „(Ein-)Schlag, Rhythmus, Geschwindigkeit“ bis hin zum definitorischen Prinzip: „Beat ist für mich eine Unterbrechung in einem Gesamtzusammenhang und gleichzeitig eine Rhythmusgebung.“ Das ist keine bloße Behauptung, sondern wird von den Autoren und Musikern (darunter Jochen Arbeit, Steve Heather, Michael Weilacher) mit einem unglaublich cool-suggestiv-mitreißenden Soundtrack beglaubigt. Ein Pop der Ismen (vom Dadaismus bis zu Insurrektionalismus) ironisiert die begriffliche Stillstellung der Verhältnisse und selbst das Kunststück, die Revolution als einen Party-Track zum Mitklatschen zu inszenieren, gelingt fast ohne Peinlichkeit.

Von Kriwets Exposé übernehmen die Autoren die Struktur, die als Stationendrama zwischen der Geburt des Menschen und seiner Wiedergeburt in der Pubertät (das heißt nach Kriwet: seiner „Emanzipation von Wohnzimmer, Vater, Mutter, Bildungskultur und Sozialnorm“) angelegt ist. Als Modell ist das Beattheater „dem Lehrstück verwandt, ohne dessen Schulmeisterlichkeit anzuwenden“. Wittmann und Zeitblom zitieren Kriwets theatrale Spielanweisungen („Ab und zu versucht ein Akteur sich von der Gruppe zu lösen, wird aber magnetisch und sprachlich wieder von ihr angezogen“), sie füllen die zehn Formteile aber mit eigenen (neuen und alten) Inhalten. Ihre 50‑minütige Hörcollage ist eine Zitatenexplosion, deren Lunte die Beatpoeten der 60er Jahre angezündet hatten und die bis zur gegenwärtig in den Feuilletons viel diskutierten anonymen Kampfschrift „Der kommende Aufstand“ reicht.

Ganz nebenbei wird noch für „die vollständige Lösung aller Weltprobleme“ gesorgt, nämlich durch die „Befreiung von Philosophie durch Technik“ und die „Ersetzung der Welt“ mithilfe eines Bio-Adapters, der „zwischen den ungenügenden Kosmos und den unbefriedigten Menschen“ geschaltet wird. Wer da an den aus dem Jahr 1999 stammenden Sciene-Fiction-Film „Matrix“ der Wachowski-Brüder denkt, liegt nicht ganz falsch. Doch das Konzept des Bio-Adapters ist aus dem Jahr 1965 und wurde erdacht von Oswald Wiener, der im Gegensatz zu den Apokalyptikern aus Hollywood auch noch Humor hatte: „Der Einbau eines Gelenks zwischen Schulter und Ellenbogen wird eine neue Ära des Rückenwaschens einleiten.“

Wittmann und Zeitblom haben bewiesen, dass die Modernität einer Konzeption aus den 60er Jahren auch im frühen 21. Jahrhundert funktioniert, weil sie a) von einem Autor stammt, der seiner Zeit weit voraus war, und b) derart realisiert wird, dass sie gegenwärtig Pop- und Polit-Diskurse so miteinander verschmilzt, wie weiland Beat- und Protestkultur der Vor-68er miteinander verschmolzen sind. Nun darf man darauf gespannt sein, wie Wittmann/Zeitblom Kriwets Spielanweisungen auf der Bühne umsetzen, wenn sie am 27. und 28. April im Düsseldorfer Schauspielhaus im Rahmen der Ausstellung „Kriwet – Yester‘n’Today“ ihr „BeatTheater 2011 on stage“ aufführen. Doch schon als purer ‘Hörtext 17‘ ist die Collage von Wittmann und Zeitblom zweifellos eines der Highlights des Hörspieljahres 2011. Und es ist erst April.

• Text aus Heft Nr. 13/2011 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

08.04.2011 – Jochen Meißner/FK

Print-Ausgabe 7/2021

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